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Lena Gorelik: Sie können aber gut Deutsch!

Keine Lust auf Dankbarkeit

31.8.2012 | Sara Jabril | Kommentare (3) | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr." Mit diesen Worten beginnt Lena Goreliks Buch "Sie können aber gut Deutsch!". Gorelik hatte keine Lust mehr, zum hundertsten Mal zu erklären, warum sie akzentfrei Deutsch spricht; keine Lust mehr, zu erklären, ob sie sich richtig deutsch oder vollkommen integriert fühlt.

Viele Deutsche mit sogenanntem Migrationshintergrund finden sich früher oder später in dieser Situation wieder. Bei Lena Gorelik, die als Kind russischer Migranten in Deutschland aufwuchs, war die Schmerzgrenze erreicht, als eine Journalistin sie nach einer Lesung ins Kreuzverhör nahmen: Fühlen Sie sich eher deutsch oder russisch? Können Sie sagen, zu wie viel Prozent diese Mischung deutsch und zu wie viel Prozent sie russisch ist? Wie oft fahren Sie so nach Hause? "Welches Zuhause?", fragte Lena Gorelik zurück. "Mein Zuhause ist München." Und sie stand auf und ging. Lena Gorelik möchte nicht dafür dankbar sein müssen, dass sie hier lebt. Auch darum geht es in ihrem Buch.

Statement gegen die Integrationsdebatte

Lena Gorelik emigrierte 1992 mit ihren aus Russland stammenden Eltern nach Deutschland. Da war sie 11 Jahre alt. In München machte sie eine Journalistenausbildung. Heute ist sie eine erfolgreiche Schriftstellerin. "Sie können aber gut Deutsch!" ist nach vier Romanen ihr erstes Sachbuch.

Ist sie also die perfekte Migrantin? Solche Trugschlüsse stellt Gorelik vehement in Frage. Ihr neues Buch ist ein Statement gegen die nicht enden wollende Integrationsdebatte in Deutschland und gegen die Rhetorik eines Thilo Sarrazin; ein Plädoyer für all diejenigen, die wirklich etwas tun, nicht nur etwas tun wollen.

Zeit für soziales Engagement sei heutzutage nämlich selten, aber die Zeit, auf Menschen zuzugehen, sie wahrzunehmen, sich für sie zu interessieren, die habe man immer, schreibt Gorelik. Und diese Zeit sollte man sich nehmen, findet sie. Ihr Buch will keine Lektüre über Integration sein, sondern ein Buch über Menschen. Nämlich diejenigen Menschen, die in Deutschland leben, die so perfekt Deutsch sprechen, die Deutschland beeinflussen, bereichern und auch verwirren.

Autorin Lena Gorelik

Autorin Lena Gorelik

Nicht-offizielle Rangliste

Aber, meint Gorelik in dem Kapitel "Das Land der guten und der schlechten Ausländer", es hätte auch schlimmer kommen können. Sie hätte ja auch, schreibt sie ironisch, Türkin sein können. "In den Köpfen vieler Menschen hierzulande", schreibt sie, existiert "eine nicht-offizielle [...] Rangliste der Herkunftsländer potenzieller Migranten". Das trauen sich nicht viele zu sagen.

Man kann und soll ihr unterhaltsames Buch durchaus als Kampfansage verstehen: Wir wollen das so nicht mehr hinnehmen! Mit "wir" meint Gorelik die Menschen, die nicht mehr gefragt werden wollen, wann sie wieder nach Hause gehen. Weil ihr Zuhause längst in Deutschland ist. Auch täglich viel verwendete Begriffe wie "Migrationshintergrund", "Ausländer" und "Migranten" stellt Gorelik in ihrem Buch infrage. Solche Wörter helfen nicht weiter. Es gehe schließlich nicht um den abstrakten Begriff der Integration, sondern um Menschen und Teilhabe, schreibt Gorelik.

Lena Gorelik: Sie können aber gut Deutsch! - Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf, und Toleranz nicht weiterhilft (Pantheon 2012, 240 S., 14.99 €)

 

 

Sara Jabril (22), gebürtige Berlinerin mit einem Bein in London, studiert Sozialwissenschaften an der HU Berlin.

Foto: © Markus Gruber



Links

Die Seite von Lena Gorelik
Video: Interview mit Lena Gorelik auf der Leipziger Buchmesse 2012
bpb-Dossier zu Migration





Kommentare

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Was bisher geschah...

Staatsbürgerschaft

an Lotta: Liebe Lotta, das was du geschrieben hast war hoffentlich nicht ernst gemeint, denn das ist der größte Stuss den ich seit langem gelesen habe und vollkommen unpassend bei so einem Kommentarfeld auf der Seite des Fluters. Die deutsche Staatsbürgerschaft lässt nicht plötzlich deine kulturelle Herkunft verschiwnden, das wäre ja auch das Allerschönste. Nur durch einn Wisch Papier verschinden nicht die Eltern, Großeltern, die Muttersprach oder Religion und sicher auch nicht die Erinnerung an die "sibirische Steppe oder das anatolische Hochland". Und wenn du davon sprichst das man durch den Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft aufhören sollte mit 18 zu heiraten, Kinder zu beschneiden oder sich mit Vodka zu besaufen, dann scherst du nicht nur alle "Ausländer" über einen Kamm sondern verbietest den Neuintegrierten Deutschen etwas, was den "seit jeher Deutschen" durchaus zusteht und das viele auch in Anspruch nehmen. Oder sind es etwa nur die russischen Jugendlichen die sich mit Vodka besaufen und nur die Türkischen die beschnitten werden? Nein jetzt mal ernsthaft, über diese Haarspalterein hinweggesehen. Ich glaube dass du diese ganze Debatte nicht ganz verstanden hast und ich finde es unglaublich wie wenig Einfühlungsvermögen du an den Tag legst. Kein Mensch ist schwarz-weiß, das Eine oder das Amdere und du bist sicher nicht diejenige die entscheiden darf, was man sich nach diesem "klaren nationalem Bekentnis" erlauben kann und was nicht. Gott sei dank !!!

Marina | 15. Februar 2013   09:08

Staatsbürgerschaft

Wo ist denn das Problem? Wenn Du deutsche Staatsbürgerschaft hast, bist du Deutscher, und unserer Nation uneingeschränkt gegenüber ergeben. Ob deine Vorfahren in der sibirischen Steppe oder im anatolischen Hochland ihre Zelte aufgestellt haben, kann Dir dann wumpe sein. Damit verbindet dich nichts kulturell und du bist auch nicht durch deren Traditionen irgendwie gebunden. Wer seine russische oder türkische Staatsbürgerschaft behält ist Ausländer, egal wie gut er Deutsch kann oder ob Stuttgart seine "Heimat" ist. Staatsbürgerschaft ist ein klares nationales Bekenntnis. Man muss nur verstehen, dass man als Deutsche sich dann von dem ganzen konservativen Gerümpel seiner Vorfahren trennen kann, seine Kinder nicht beschneiden lassen braucht, nicht mit 18 heiraten, oder sich mit Vodka die Birne zuknallen, all das gilt nichts, weil unsere biologische Herkunft nicht unser Schicksal ist, sondern in unserer Hand unser Bekenntnis zu einem Staat und seiner Kultur liegt.

Lotta | 4. September 2012   12:59

Es wurde auch Zeit...

Das klingt wirklich nach einem interessanten Buch. Ich kenne das "Problem" aus naechster Naehe. Mein Mann ist Brite, spricht "akzentfreies Deutsch", wie ihm oft staunend bestaetigt wird. Er sollte sich freuen, einer der "guten Auslaender" zu sein. Es gibt in der Tat eine Rangliste der Migrantenlaender, eine Unterteilung in gute und schlechte Auslaender. Deutschland hat noch einen langen Weg vor sich.

Kathrin Caiger | 4. September 2012   12:34

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