Schon der Begriff "Ferienlager" verursacht ein leichtes Frösteln. Ferienlager, das klingt in etwa so wie Landschulheim; noch schlimmer sogar. Das Wort lässt längst vergessene Bilder in die Gegenwart schwappen. Im Ferienlager werden nicht einfach "Ferien" gemacht. Nein, das "Lager", das wiegt schwerer. "Die Auserwählten. Ein Sommer im Ferienlager von Orlionok" heißt ein neues Fotobuch von Anita Back, die mehrere Wochen in dem Ferienlager fotografiert hat. Orlionok an der russischen Schwarzmeerküste war schon zu sowjetischer Zeit ein Ferienlager.
Anita Back ist eine gute Reportagefotografin mit Sinn für architektonische Details, doch vor allem gelingt ihr in dem Buch eine intensive Zeichnung einer intensiven Lebenszeit zwischen Kindheit, Jugend und jungem Erwachsensein. Die hier Abgebildeten gelten als Talente. Sie haben zu Hause etwas erreicht; im Sport, in der Musik, in der Schule, als Aktivist/in in einer Jugendorganisation. Das Ferienlager ist ein Geschenk des Staates an sie, soll aber auch Ansporn sein.
Es ist nur ein kleiner Weg von der Förderung zum Drill. Backs Bilder zeigen die Widersprüche. Sie sind genauso widersprüchlich wie so ein Ferienlager, in dem man lernen soll, mit einer Kalaschnikow umzugehen und sich perfekt zu tarnen. Ein paar Stunden später nach den militärischen Übungen liegt man im Sand, badet und flirtet. Um sich danach beim Sport mit anderen "Auserwählten" zu messen. Das alles ist ein bisschen viel für die jungen Protagonisten, denen die Sonne rote Stellen auf die käsige Haut gebrannt hat. 25.000 kommen jährlich, die meisten sind zwischen elf und sechzehn Jahre alt. Unsicher, neugierig, cool, ausgelassen, verträumt oder keck. Auf jedem Bild sehen sie ein bisschen anders aus.
In den vergangenen Monaten sind einige intensive Fotobücher über Jugendliche erschienen. Eines der eindringlichsten dieser Bücher war "Colossal Youth" von Andreas Weinand, der 1988 bis 1990 eine Freundesgruppe fotografiert hat. Auch Back gelingt es, jene eigentlich unsagbare Verfassung der Jugendlichen in kräftige Farbbilder zu gießen, die tief ins Herz stoßen.
Unprätentiöse Porträts
Es ist gut, dass die Sowjet-Exotik des 1960 gegründeten Ferienlagers in Backs Buch nicht fotografischer Selbstzweck ist. Immer wieder stellt die Architektur nur die Kulisse dar für packende, subjektive Porträts, die kaum als Bilder einer Generation taugen: Zu individuell erscheinen uns die Mädchen und Jungen, die hier zu sehen sind. Doch nicht nur sie stehen im Fokus der 1969 geborenen Berliner Fotografin. Auch das Personal – Köche, Erzieher, Gärtner oder Putzfrauen – zeigt sie in ihrem Buch in unprätentiösen Porträts, die kaum inszeniert, ganz aus dem Alltag gegriffen wirken.
Es ist geschrieben worden, Orlionok sei ein "Russland en miniature", eine Miniaturversion von Russland zur Zeit des Kalten Krieges – schon wegen des täglichen Fahnenappells und des dort hochgehaltenen Pioniergeistes. Doch eigentlich erscheint einem Orlionok recht gewöhnlich, wenn man in die Gesichter der Teenager blickt. Es ist ein bisschen anders hier – und auch ein bisschen wie überall.
Anita Back: Die Auserwählten. Ein Sommer im Ferienlager von Orlionok (Edition Braus 2012, 180 S., 29.95 €)
Marc Peschke lebt als Autor und Fotokünstler in Wiesbaden und Hamburg.
Fotos: © Anita Back
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