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Enno Stahl: Winkler, Werber

Zusammenkrachendes Gerüst

6.6.2012 | Moritz Scheper | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Enno Stahl

Enno Stahl

Fragt man hundert Leute, was sie an einem schönen Augustwochenende garantiert nicht machen wollen, wäre neben "Arbeiten" sicherlich die Antwort "Betriebsausflug" Garant für eine hohe Punktzahl. Dementsprechend wenig begeistert ist auch das Figurenensemble von Enno Stahls drittem Roman "Winkler, Werber", als Chef Werner der ganzen Werbeagentur einen Betriebsausflug nach Bad Neuenahr verordnet, Rheinfahrt, Kegeln und Kasinobesuch inklusive.

Selbstherrlich und sexistisch

Der Leser verfolgt die gesamte Ochsentour aus der Perspektive des Texters Jo Winkler, der ein besonders unangenehmes Exemplar in dieser an Narzissten und Egozentrikern nicht armen Branche ist. Dabei steht weniger die Handlung im Vordergrund als Winklers Sicht auf die Dinge. Enno Stahl hat sich in seinem Roman für die unkonventionelle Erzählform des Inneren Monologs entschieden – und so gibt es kein Entrinnen vor Winklers herablassenden Einschätzungen, selbstherrlichen Kommentaren und seinem offenen Sexismus.

Aber: Der Innere Monolog – den Arthur Schnitzler 1900 mit "Leutnant Gustl" erstmalig in der deutschsprachigen Literatur als alleiniges Format eines literatischen Textes verwendete – markiert immer auch die offensichtliche Differenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. In seiner formal wie moralisch bahnbrechenden Novelle legte Schnitzler das Wertemodell der k.u.k.-Armee als bloßen Schein offen.

Winkler dagegen aalt sich in der Sonne seines vermeintlichen Erfolges. Nur am Rande registriert er die Streitereien zwischen der Texterin Aggi und Werner und die Sticheleien des Trainees Josh. Dass es dabei eventuell um die Zukunft der Agentur geht, kommt Winkler gar nicht in den Sinn; die fleißige Praktikantin Vanessa mit dem Versprechen auf eine Festanstellung ins Bett zu bekommen, hat für ihn Priorität.

Ein Fall ins Haifischbecken

Als schlussendlich feststeht, dass die Mitarbeiter dieser Firma niemals wieder einen Betriebsausflug oder sonst irgendwas gemeinsam machen werden, steht Winkler daher nicht nur ohne Job da: Auch seine Weltanschauung hat sich gegen ihn gekehrt. Das Leben ist zwar noch immer ein Haifischbecken, doch Winkler ist plötzlich der Thunfisch und nicht mehr das Raubtier. Das eigene Allheilmittel aus Sozialdarwinismus und flexibler Arbeit schmeckt bitter.

Anders als die meisten seiner Kollegen interessiert Enno Stahl sich für die Welt der Arbeit, und er gibt ihr mit diesem Roman einen Platz in der Gegenwartsliteratur. Bereits "Diese Seelen", sein voriges Buch, zeigte die Auswüchse der Erwerbsarbeit anhand von vier Lebensentwürfen.

Trotz dieser Thematik fungieren Stahls Romane keinesfalls als Kummerkästen. Mit dem frohen Gemüt und Mutterwitz des Rheinländers spricht Stahl gesellschaftliche Fehlentwicklungen an: Günther Wallraff mit einem kräftigen Schuss "Stromberg", wenn man so will. Und so ist auch die Geschichte des Werbers Winkler, obwohl zutiefst tragisch, durchweg eine aufhellende Lektüre. Die einen auch nach den letzten Seiten noch weiter beschäftigt.

Enno Stahl: Winkler, Werber (Verbrecher Verlag 2012, 317 S., 22 €)

 

 

Moritz Scheper, 26, arbeitet als freier Autor.

Foto: © Kirsten Adamek/Verbrecher Verlag







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