Von Orange Walk nach Dangriga
fluter.de | 17.08.12 12:58 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Euer fluter.de-Blog
Für unsere Arbeit und unser Betrachten war es äußerst wichtig, einen Schwerpunkt zu definieren, um nicht im Chaos der interessanten Möglichkeit unterzugehen. Besonders, da wir ja ganz offensichtlich keine Mediziner sind. Obwohl es natürlich unschätzbar wichtig ist, HIV/AIDS aus medizinisch-fachlicher Sicht zu behandeln, denn der Virus führt zu Immunschwäche und macht den Körper extrem angreifbar für opportunistische Krankheiten. Sie werden zu todbringenden Erkrankungen, gegen die es noch immer kein Heilmittel gibt - das wissen wir. Wir wissen auch, dass man sich schützen kann und dass Aufklärung ein wichtiger Teil davon ist.
Was aber oft unbeachtet bleibt - weil wissenschaftlich schwer zu belegen, zumindest frühzeitig - sind die gesellschaftlichen Aspekte, die HIV/AIDS mit sich bringt. Diese werden besonders deutlich, wenn man von der europäischen Entwicklung seit den 80er Jahren ausgeht, als die aufkommenden AIDS-Fälle als "Schwulenseuche" abgetan wurden und der liberale Umgang mit Sex und Homosexualität wieder mit Angst und Abscheu verbunden wurde. Darauf folgten die landesweiten Aufklärungsprogramme, die steigende Akzeptanz durch die öffentliche Diskussion über das Virus und die Erkenntnis, dass niemand vor jener Epidemie gefeit ist, der nicht verantwortungsbewusst und verhütend agiert. Schließlich hat sich weitestgehend ein selbstverständlicher Gebrauch von Kondomen durchgesetzt - es wurde sowohl öffentlich als auch privat thematisiert, wie man sich schützt. Auch wenn mittlerweile das Thema AIDS hierzulande nicht mehr so präsent ist wie in den 80er und 90er Jahren, zeigt sich doch eine sinkende Zahl der Neuinfiziertenrate in Europa, auch ohne konservativen Lebensstil.
Immernoch ein Tabuthema
Bezieht man diese Entwicklung auf die belizianische Bevölkerung und beachtet im Speziellen die diversen Kulturen und den starken Einfluss der Kirche, gewinnt man doch den Eindruck, dass es auch am gesellschaftlichen Verständnis und Umgang liegt, dass die Neuinfiziertenrate immernoch steigt. Zumal HIV noch immer als ein Tabuthema gilt. Schließlich ist es ja nicht so, dass der Virus in Belize erst kürzlich bekannt wurde - auch dort wurden die ersten Aids-Fälle in den 80ern öffentlich, so erinnert sich Ms. Celi (64) - Mutter, Oma und herzliche Gastgeberin.
Auch Aufklärung wird betrieben, in welchem Maße ist allerdings immer abhängig von der jeweiligen Bildungseinrichtung. Das gilt vor allem für Schulen, die der Kirche unterstehen. Aber der allgemeine Standpunkt der Menschen verändert sich nur schleppend. Der Unterschied scheint in der weiteren Entwicklung innerhalb der Gesellschaft zu liegen. In Europa gab es zusätzlich zur HIV/AIDS-Aufklärung auch eine öffentliche Debatte und Einsicht. In Belize gab es diesen Umgang mit dem Thema HIV/AIDS kaum. Ein Anerkennen der Problematik ohne zu stigmatisieren bleibt noch größtenteils aus. Natürlich, das sollte klar sein, liegt die aktuelle Situation nicht nur an der beliziansichen Bevölkerung. Es ist wohl vielmehr das große Geflecht von Politik, Religion, Wirtschaft und Bildung, welches durch die jeweilige Entscheidungsgewalt und Machtstreben die Fäden zieht.
Und da eine Gesellschaft von ihrer Kultur getragen wird - und diese Kultur für die Menschen, die sie leben, identitätsstiftend ist - war für uns der erste Schritt, das Fremde zu Verstehen, bevor wir mit der Fähigkeit des Außenblicks vielleicht etwas verändern konnten. Dieser Blick gab uns die Möglichkeit, das kulturelle Verständnis an sich bei unserer Arbeit als primär wichtig zu erachten und den Standpunkt sowie auch unser Ziel zu festigen: als Beobachter und Vermittler. Also zogen wir von Orange Walk nach Dangriga, um mit den Menschen zu reden, ihnen zuzuhören und ihre Erzählungen weiterzutragen.
Lest im letzten Teil des Belize-Blogs, wie gesundheitliche Aufklärung mit dem belizeanischen Verständnis von Rhythmus und Text verbunden wird!