Großbritanniens "beschädigte" Gesellschaft
jabrilsara | 05.08.12 18:24 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: fluter.de-Autorin Sara über...
Zum ersten Jahrestag der "UK Riots" stellt sich die Frage, ob die Probleme des letzten Sommers durch die Olympischen Spiele im eigenen Land nur vergessen oder ob die Wunden tatsächliche geheilt sind.
"Warum läuft auf einmal ein deutsches Lied im Radio?", frage ich mich, als wir durch den Londoner Stadtteil Hackney fahren. Das Lied, das gerade im Radio angelaufen ist, löst bei mir fast schon Heimweh aus. Ich lausche der Melodie Shostakovichs und warte gespannt auf die erste Strophe. Doch die Stimme, die mir aus den Lautsprechern entgegen schallt, ist nicht die von Peter Fox. Es ist der britische Sänger/Rapper Plan B und das Lied heißt nicht "Alles Neu", sondern "Ill Manors". Es ist eine englische Coverversion des deutschen Songs. Wie ich später erfahre, bezieht sich Ill Manors (dt.: kranke Kieze) auf den Titel eines neuen Films, der sich mit sozialen Brennpunkten auseinandersetzt. Das Musikvideo zu Ill Manors zeigt immer wieder Liveaufnahmen von den Londoner Krawallen 2011, die nun fast auf den Tag genau ein Jahr zurückliegen. Der Songtext ist politisch und sozialkritisch, könnte aber besonders durch das Musikvideo auch als gewaltverherrlichend missverstanden werden.
Großbritannien hat sich mittlerweile voll und ganz dem Olympia-Fieber hingegeben. Über die UK Riots des letzten Jahres wird ungern gesprochen. Dabei verdeutlichen gerade die Olympischen Spiele den Kern von Londons gesellschaftlichem Problem. Ausgerechnet Londons ärmste Stadtteile, Newham und Hackney, sind Schauplätze der Olympischen Spiele 2012. "We got an eco-friendly government/ They preserve our natural habitat/ Built an entire Olympic village/ around where we live, without pulling down any flats.", rappt Plan B sarkastisch im Namen der oft benachteiligten und ausgegrenzten Anwohner. "Wir haben eine umweltfreundliche Regierung, die unseren natürlichen Lebensraum erhält. Sie baut ein ganzes Olympisches Dorf um uns herum und musste dafür nicht mal Wohnungen abreißen." Während viele Londoner sich von den vielen Aufwertungsprojekten langfristige Verbesserungen für die Bezirke im Londoner Osten versprechen, ist es gerade für die Ärmsten der Stadt schmerzhaft der Entstehung einer neuen "Glitzerwelt" direkt vor ihrer Haustür zuzusehen. Der Frust ist besonders unter Jugendlichen groß; das haben die Krawalle vor einem Jahr gezeigt.
"Der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden […] und ihr werdet die volle Gewalt des Gesetzes zu spüren bekommen", wendete sich Großbritanniens Premier, David Cameron, in seiner ersten öffentlichen Ansprache nach Ausbruch der Londoner Krawalle, an die Beteiligten.
Nach mehr als 2000 Verhaftungen in einer Woche sah es eher so aus, als würden die Politiker der Vergeltung Genüge tun, indem sie die Täter die volle Gewalt der Regierung spüren ließen. Man erinnere sich an die Verurteilung von Jordan Blackshaw (20) und Perry Sutcliffe-Keenan (22) zu vier Jahren Haft. Beide hatten über die Internetseite Facebook zu Krawallen aufgerufen. Aktivisten und Kritiker sind besorgt, dass aus den Fällen zahlreicher Jugendlichen Exempel gemacht wurden. Statistiken unterstützen diese Theorie. Laut der englischen Zeitung The Guardian endeten im Jahr 2010 lediglich 3,5 Prozent von insgesamt 1,7 Millionen Fällen für die Angeklagten in Untersuchungshaft im Gefängnis. Nach den Krawallen lag der Anteil bei 60 Prozent.
Britische Politiker gaben sich entrüstet, geschockt und angewidert angesichts der Ereignisse in ihrem Land. Von kriminellen Jugendlichen, Gangs und Rowdys ohne Moral, Respekt und Gewissen war die Rede. "Wir müssen unsere beschädigte Gesellschaft reparieren", sagte der Premierminister. Obwohl die Wortwahl der Politiker in vielen Fällen durchaus zutraf, wurde von der Regierung nicht berücksichtigt, dass neben der Jugend auch Polizei, Medien und die Politik selbst von dem "moralischen Zusammenbruchs" Großbritanniens betroffen sind.
Die Polizei - dein Freund und Helfer?
Bei den Krawallen richtete sich der Hass der Randalierer hauptsächlich gegen die Polizei. Hauptauslöser der ersten Ausschreitungen im Londoner Stadtteil Tottenham war der Tod Mark Duggans, der von Polizisten erschossen worden war und dessen Fall viele Fragen aufwarf. Von Rassismus war die Rede. Der Hass auf die Polizei von Seiten vieler Jugendlichen war allerdings schon vor dem Fall Duggan alarmierend groß. Warum?
Das Verhältnis zwischen Polizei und Bürgern ist - zumindest in London - schon lange stark beschädigt. Mit Grund dafür sind die sogenannten "stop and search" Methoden (dt.: anhalten und durchsuchen) der Polizei, bei denen Bürger mit dunkler Hautfarbe 26 mal wahrscheinlicher auf der Straße angehalten und durchsucht werden. Meist haben die Polizisten keine angemessene Begründung für die groben Durchsuchungsmethoden. Manche Jugendlichen werden am Tag mehr als drei Mal von der Polizei angehalten. Fakt ist allerdings auch, dass Großbritannien in Sachen Kriminalität weit vor den meisten europäischen Ländern rangiert - besonders in den Bereichen Jugendkriminalität und Messerstechereien. Nennenswert ist auch, dass seit der Sparpolitik der letzten Jahre, die eine Auflösung zahlreicher Jugendprojekte zu Folge hatte, ein Anstieg von zehn Pozent in Fällen der Messerstechereien zu vermerken war.
Geplatztes Vertrauen in Volksvertreter
Auch der Frust auf die Regierung ist groß. Hatten sich die Bürger doch gerade erst von dem Spesenskandal 2009 erholt, bei dem öffentlich wurde, wie Abgeordnete Lücken im System ausnutzten, um sich Kosten für Renovierungen und Hypotheken ihrer Wohnsitze beim Steuerzahler "wiederzuholen".
Dann war da noch Nick Clegg, Vorsitzender der Liberal Democrats und derzeitiger stellvertretender Premier, mit seinem Wahlversprechen an die Studenten die Studiengebühren nicht zu erhöhen. Bei der entsprechenden Parlamentsabstimmung stimmte er nach seinem Wahlerfolg für die Erhöhung. Die Studenten waren außer sich vor Wut und zogen zum Protestieren auf die Straßen. Außerdem gab es in den letzten zwei Jahren zahlreiche Demonstrationen gegen den Sparkurs der Regierung (Koalition: Konservativen-LibDem). Leidtragende unter den Kürzungen sind Rentner, Alleinerziehende, sozial Schwache und Studenten, um nur einige zu nennen. Als wäre dies nicht genug, gab es dann noch den Abhöhrskandal der Medien und Rupert Murdoch. Journalisten der Zeitung News of the World hackten sich unter anderem in das Handy eines ermordeten Mädchens ein. Dies ließ Polizei und Familie glauben, die Vermisste sei noch am Leben. Besonders brisant: Andy Coulson, ehemaliger Chefredakteur der Zeitung, wurde von Premierminister David Cameron - trotz angeblicher Warnungen - als Kommunikationschef eingestellt. Der Polizei wurde vorgeworfen, Aspekte des Abhöhrskandals vertuscht zu haben.
Obwohl das Vertrauen der Bürger in Politiker, Polizei und Medien erschüttert worden ist, sind die Probleme der letzten Jahre durch die Olympischen Spiele in den Hintergrund gerückt. Londons Bürgermeister Boris Johnson, der auch während der Krawalle amtierte und damals für den verzögerten Abbruch seiner Ferien kritisiert wurde, genießt momentan ausgezeichnete Umfragewerte; immer mehr Stimmen bezeichnen ihn sogar mittlerweile als den größten Konkurrenten des Premierministers. Aber auch David Cameron wurde für seine Arbeit im Vorfeld der Spiele hoch gelobt. Beide gehören der konservativen Partei an. Umfragen haben außerdem gezeigt, dass Danny Boyles hochgelobte Eröffnungsfeier die öffentliche Meinung der Briten, die den Spielen wegen der hohen Kosten im Vorfeld eher kritisch entgegen standen, zu Gunsten der Olympischen Spiele ändern konnte. Die Eröffnungsfeier zeigte außerdem ein ausgesprochen multikulturelles Großbritannien, worauf die Zuschauer sichtlich stolz waren. Die britischen Goldmedaillen-Gewinner der vergangenen Tage bestätigen dieses Bild; Siebenkampf-Champion Jessica Ennis hat jamaikanische Wurzeln und Leichtathletik-Star Mo Farah kam mit acht Jahren als somalischer Flüchtling nach London. Auch das 60. Thronjubiläum der Queen in diesem Jahr schien eine heilende Wirkung auf die Bevölkerung gehabt zu haben, indem die Feierlichkeiten das Land mit sich selbst versöhnten.
Boris Johnson sagte im BBC-Interview zum Jahrestag der Riots, die Olympischen Spiele würden eine moralische Botschaft an Randalierer und Banker senden. Die Spiele hätten zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können, so Johnson, da das Land vor einer schwierigen, psychologischen Umstellung stände.
Doch erst wenn der Olympia-Glanz vorbei ist, wird sich zeigen, ob das Selbstbildnis des Landes geheilt und seine Probleme tatsächlich gelöst oder nur vergessen wurden. Bis dahin wird aber erst einmal weiter gefeiert.
Bilder 1 & 2: Nach der dubiosen Erschießung Mark Duggans durch Polizeibeamte am 4. August 2011 kam es in mehreren Bezirken Londons und weiteren britischen Städten zu Ausschreitungen.
Bild 3: Demonstranten ziehen mit zahlreichen "NO CUTS"-Plakaten (dt.: keine Kürzungen) in Richtung Houses of Parliament, um gegen die vorgesehenen Sparmaßnahmen der Regierung zu protestieren.
Musikvideo Plan B
BBC report - London Riots in Hackney
Fotos: Jack Bicker