Jan (Joseph K. Bundschuh)
Kaum der Schule entronnen, muss man schleunigst und ernsthaft damit anfangen, erwachsen, also man selbst zu werden. Mal zu gucken, was geht. Was man möchte und überhaupt könnte. Aber so läuft es nicht immer. Nicht nur, dass viele nicht unbedingt so genau wissen, was sie wollen, hinzu kommt das Gerangel um Studien- und Ausbildungsplätze.
Auch Jan (Joseph K. Bundschuh) ist froh, in dem Unternehmen, für das auch seine Mutter arbeitet, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. In der Eingangsszene fokussiert die Kamera gleichsam forschend sein Gesicht; ein Gesprächspartner ist nicht zu sehen. Aus dem Off ist eine Männerstimme zu hören, die Jan nach seinen Stärken, Schwächen und Potenzialen fragt. Zwischen Jan und seinem Abteilungsleiter ist eines jener Entwicklungsgespräche im Gange, wie sie routinemäßig jede Angestelltenkarriere flankieren. Der junge Mann antwortet konzentriert und beherrscht auf die Standardfragen, offensichtlich bemüht, einen guten Eindruck zu machen und gleichzeitig Haltung zu zeigen. Schon hier ist deutlich: Es wird nicht leicht sein, diesen Jungen kennen zu lernen. Seine Fassade steht bereits. Er hat sich ein Arbeitsgesicht zugelegt, hinter dem er Regungen persönlicher Art souverän zu verbergen weiß.
Dirk Lütter hat seinem Film einen formal strengen Zuschnitt verordnet. Eine statische Kamera fängt in langen Einstellungen die immer gleichen Alltagsszenen ein. Jan hinter seinem Laptop, an dem er mit einem Headset sitzt und Kundensupport leistet. Jan mit seinen Eltern am häuslichen Esstisch. Jan mit Kolleginnen in der Kantine. Ein bisschen Bewegung kommt in die Bilder, als die junge Jenny auftaucht, leihweise vermittelt von einer Zeitarbeitsfirma. Jan verliebt sich. Und weil er gern möchte, dass Jenny übernommen wird, lässt er sich vor den Karren des Abteilungsleiters spannen, der mit den Leistungen von Jans direkter Vorgesetzter Susanne unzufrieden ist. Ob Jan überhaupt bewusst ist, was er mit seinen Zuträgerdiensten bewirkt, bleibt unklar. Doch als Susanne gekündigt wird, zeigt seine Fassade ganz leichte Risse.
Am Beispiel der geschassten Teamleiterin führt Dirk Lütter exemplarisch die Machtmechanismen in der heutigen Arbeitswelt vor. Wo das Arbeitsrecht vor Kündigung schützt, werden psychologische Manipulationstechniken eingesetzt, um Kollegen gegeneinander auszuspielen. Es ist ein unverhülltes "Teile und Herrsche", für das Jan, als Auszubildender in der schwächsten Position, sich instrumentalisieren lässt. Dass dieses Verhalten reiner Naivität geschuldet ist, ist unwahrscheinlich. Seine Aggressionen reagiert Jan in viel zu schnellen Autofahrten ab. Aggressionen, die man seinem unbewegten Berufsgesicht nie angesehen hätte.
Lütter spitzt das entfremdete Arbeitsleben geschickt zu, indem er Jans Welt zeigt, wenn der Auszubildende tagein, tagaus telefonische Kundenbeschwerden entgegennehmen muss, ohne dass jemals klar wird, für welche Art von Beruf er eigentlich ausgebildet wird. Der Vorwurf könnte an den Regisseur Dirk Lütter gerichtet werden, mit dieser Art von inhaltlich-formaler Reduktion ebenso manipulativ mit unserer Wahrnehmung zu verfahren wie Jans Chef mit seinen Mitarbeitern. Ja, Lütters Film ist tendenziös. Er richtet die Wirklichkeit so zu, dass sie zu einem erschreckenden Zerrbild ihrer selbst wird. Doch gerade diese extrem formale Zurichtung nimmt dem Vorwurf der Manipulation die Spitze, da das Verfahren, mit dem hier gearbeitet wird, völlig offen dargelegt wird. Und weil in der echten Welt die Machtmechanismen, die Lütter zeigt, viel versteckter ablaufen, ist es ungemein erhellend, sie hier in unverstellter Rohfassung vorgeführt zu bekommen. Zumindest für alle, die immerhin eines wissen: dass sie niemals so werden wollen wie dieser Jan.
Katharina Granzin ist freie Journalistin.
Fotos: © Basis Film Verleih GmbH
"Die Ausbildung", Regie: Dirk Lütter, D, 2010, 89min, digital, FSK 12
Der Film erscheint am 12. Juli als DVD Veröffentlichung im Basis Filmverleih.
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