Systemstart?

Open Educational Resources könnten das Ende des Schulbuchs bedeuten

4.6.2012 | Nuria Scheuble | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Was in Deutschland noch Neuland ist, gehört in manchen anderen europäischen Ländern längst zum Alltag: Lehrer und Schüler bereiten sich nicht mehr nur mit Schulbüchern, sondern mit sogenannten Open Educational Resources (OER) auf den Unterricht vor. Das sind Lehrmaterialien, die frei und kostenlos zugänglich sind. Im Internet gibt es Portale voller Referate, Linklisten und Arbeitsblätter – und jeder kann sich daran bedienen. Aber wie sinnvoll ist diese Art des Arbeitens? Und welche Risiken und Vorteile bringen Open Educational Resources mit sich?

Felix Schaumburg ist Lehrer für Chemie und Sozialwissenschaften an einer Gesamtschule in Wuppertal. In seinem Blog edushift.de beschäftigt er sich mit Trends und Veränderungen in der Bildung. Wir haben ihn mit fünf Thesen zu Open Educational Resources konfrontiert:

1) Freie Lehrmaterialien darf jeder so oft benutzen und weitergeben, wie er möchte.

Das ist richtig und einer der größten Vorteile von Open Educational Resources. Die Inhalte sind offen zugänglich und vor allem lizenzfrei. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber dem Schulbuch, dessen Benutzung urheberrechtlich sehr stark eingeschränkt ist. Lehrer dürfen zwar Seiten daraus kopieren, die Inhalte aber nicht online stellen. Schülern wird dadurch die Möglichkeit genommen, sich Schulmaterial herunterzuladen. In diesem Bereich haben Open Educational Resources ein enormes Potenzial.

2) Mit Open Educational Resources müssen Lehrer ihren Unterricht nicht mehr vorbereiten.

Das kommt drauf an. In Deutschland sind Open Educational Resources noch ein ganz frisches Thema, deswegen gibt es auch noch nicht viel Material. Wenn es OER-Materialien aber – wie in Polen – bereits zusammengestellt und aufgearbeitet gäbe, wäre das für Lehrer eine große Erleichterung. Sie müssten sich dann nicht mehr mit dem Urheberrecht auseinandersetzen und könnten sich noch mehr auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren.

3) Open Educational Resources können Fehler enthalten, weil es niemanden gibt, der ihre Qualität überprüft.

Das ist richtig und momentan noch ein großes Problem. Zwar sind auch nicht alle Schulbücher fehlerfrei, aber sie sind zumindest redigiert worden und haben einen redaktionellen Prozess durchlaufen. Man kann also mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Informationen, die in einem Schulbuch stehen, stimmen. Das ist momentan bei Material, das man im Internet findet, nicht gegeben. Man braucht also eine gut ausgebildete und kritische Medienkompetenz, um Informationen aus dem Netz entsprechend einordnen zu können.

Für Open Educational Resources gilt dieser Anspruch natürlich besonders, weil sie in einen Lernprozess eingebunden sind. Hier sind insbesondere die Schulbuchverlage gefragt: Wenn diese sich den digitalen Medien mehr öffnen würden, könnten sie im Bereich der Open Educational Resources eine große Aufgabe übernehmen und unter anderem für gesicherte Qualität sorgen.

4) Wenn Schüler so viele verschiedene Quellen nutzen, ist nicht mehr sicher gestellt, dass alle dasselbe lernen und wissen. Darunter leidet die Allgemeinbildung.

Diese These wirft ganz grundsätzliche Fragen auf: Was bedeutet es für das System Schule, Informationen aus verschiedenen Quellen zu beziehen? Wie wichtig ist Standardwissen heute?

Schüler können keine ganze Bibliothek mit sich herumschleppen. Deshalb wurde Wissen bisher gesammelt und in Schulbüchern zusammengefasst. Mit diesem Material hat der Schüler dann gelernt. Dadurch ist eine Art Standardwissen entstanden. Diese Standardisierung von Wissen war in der Industriegesellschaft ausgesprochen sinnvoll. Durch Tablets, Notebooks und Smartphones haben sich die Umstände aber geändert. Schüler haben jetzt Zugriff auf mehr Wissen, als je in einem Schulbuch gestanden hat. In unserer heutigen Gesellschaft sind andere Dinge gefragt. Wir brauchen Teamplayer mit digitalen Kompetenzen. Deshalb muss Schule sich in Zukunft öffnen und nicht mehr standardisiert, sondern projektorientiert und vernetzend arbeiten. Open Educational Resources sind ein ganz wichtiger Schritt in diese Richtung.

5) Der Zugriff auf Open Educational Resources über die App "iTunesU" birgt große Gefahren, weil Apple über die Inhalte entscheidet. Das Unternehmen gewinnt dadurch einen riesigen Einfluss auf die Wissensbildung.

Das ist aktuell ein Problem, wird sich aber längerfristig regeln. Diese Entwicklung konnte man auch in der Musikindustrie beobachten: Apple hat mit dem iTunes-Store die Musikindustrie revolutioniert. Heute haben sowohl Amazon als auch Microsoft eigene Musikdienste, die alle gleichermaßen nutzbar sind. Der Markt hat sich also geöffnet und die Rechtslage hat sich angepasst. Das wird auch mit "iTunesU" passieren: Momentan ist Apple in dem Bereich noch Vorreiter. Das wird aber nicht mehr lange so bleiben. Apple hat eine einfache und gute Lösung im Bereich der Open Educational Resources geboten und jeder, der eine ebenso einfache Lösung bietet, tritt in den Wettbewerb ein. Bald kommt die Konkurrenz und der Einfluss auf die Wissensbildung verteilt sich.

Nuria Scheuble (28) ist Studentin der Hamburg Media School. Sie hat u.a. Praktika bei der Frankfurter Rundschau, der dpa Paris, dem NDR Fernsehen und bei 3nach9 absolviert.


 

Foto, oben: Nithin / CC BY-SA 3.0

Foto, mitte: © soulcore / photocase.com

Foto, unten: © privat



Link

Das langsame Sterben des Schulbuchs

Warum im digitalen Wandel das Urheberrecht das verbietet, was pädagogisch geboten ist. Den Schulen droht ein Kulturkampf. Oder: Das Schulbuch, König der alten Schulmedien, stirbt. Sein Nachfolger steht bereit – wird aber vom aktuellen Urheberrecht blockiert.

Ein Text von Felix Schaumburg und Jöran Muuß-Merholz aus der taz vom 2.5.2012 auf edushift.de

 





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