Hin und wieder trifft man sie noch an, die klassischen Handapparate. Ordner, die meist seit Jahren in der Ecke eines Copy-Shops ihr Dasein fristen und deren Inhalt durch die Hände von Generationen von Studenten gegangen ist – abgegriffen, ausgeblichen und von Eselsohren geplagt. Eine aussterbende Art. Denn ihre digitalen Pendants auf den Servern der Institute sind immer und überall verfügbar – und sie bekommen keine Eselsohren.
An der Grundstruktur hat sich aber wenig geändert: Noch immer sitzen Studenten zu festen Zeiten in gerne überfüllten Vorlesungen und Seminaren, hetzen von Veranstaltung zu Veranstaltung über den Campus und richten ihre Mittagspause nach der nächsten Lücke im Stundenplan. "Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass wir 40 Stunden in der Woche über unsere Studenten verfügen können", sagt Holger Fischer, Vizepräsident der Universität Hamburg. Ob Familie, Beruf oder andere Veranstaltungen an der Universität, "ein großer Teil der Studenten steht uns nur eingeschränkt zur Verfügung – und dummerweise alle zu unterschiedlichen Zeiten". Das ist eine Erkenntnis, die die deutschen Universitäten mehr und mehr zu Dienstleistern macht, die sich auf die Bedürfnisse ihrer "Kunden" einstellen müssen.
"Richtiges E-Learning beginnt erst dort, wo Studenten über das Netz selbst lernen können", sagt Holger Fischer. Damit sie dabei nicht alleine stehen, braucht es ein Angebot, das über onlinegestellte Vorlesungsmitschnitte und Literaturlisten hinausgeht. Es braucht virtuelle Seminarräume, in denen sich Studenten mit Kommilitonen, Tutoren und Dozenten austauschen können. Dabei muss eLearning mehr sein als eine schlichte Kopie der analogen Lehrveranstaltungen. Lehrinhalte von Grund auf müssen neu erdacht werden.
Und eben hier liegt das größte Problem bei der Umsetzung. Denn der Aufwand an Zeit, Know-how und damit auch Geld ist nicht ohne. Möchte man ein zweistündiges Seminar, das über ein Semester läuft, professionell fürs Netz umsetzen, kann es durchaus einen guten sechsstelligen Betrag kosten, erklärt Fischer. Vor dem Hintergrund chronisch klammer Universitäts-Budgets beinahe ein Totschlagargument. So wird es auch weiterhin nur langsam mit der Weiterentwicklung von Online-Lehrinhalten vorangehen. Vorerst muss also kein Dozent befürchten, bald vor leeren Stühlen zu lehren.
E-Learning an der Universität Hamburg
Die Zukunft lässt noch auf sich warten
Umso wichtiger sind für die deutsche Bildungslandschaft Projekte, die vorangehen, testen, was möglich ist, und den Weg für die Zukunft bereiten. Daran versucht sich beispielsweise die Uni Wismar mit dem ersten reinen Online-Fernstudium. Auf Präsenzveranstaltungen wird ganz verzichtet – nur noch die Prüfungen finden vor Ort statt. Andere deutsche Universitäten haben Leuchtturmprojekte, mit denen sie zumindest punktuell Kompetenzen und Erfahrungen sammeln wollen. Eine der wichtigsten kennt man auch an der Uni Hamburg: Online bringt neue Qualität. Denn Vorlesungen und Seminare, die seit Jahren konzipiert und eingespielt sind, müssen jetzt komplett neu aufgearbeitet werden. Einen besseren Anstoß, frischen Wind in die Lehrinhalte zu bringen, gab es wohl selten.
Für die meisten Studenten dürfte das aber vorerst Zukunftsmusik bleiben. Die breite Masse wird erst einmal weiter in vollen Hörsälen sitzen und sich nach dem Stundenplan der Universitäten richten. Da die Studentenzahlen aber seit Jahren steigen und damit die Kapazitäten der Hochschulen an ihre Grenzen kommen, braucht es neue Wege. E-Learning könnte eine Möglichkeit sein, das deutsche Hochschulsystem ernsthaft zu entlasten – ohne an der Qualität zu sparen. Kostenfrage hin oder her – mit der Zeit wird das Netz die Lehre an den Universitäten erobern. Dann wird auch die deutsche Hochschullandschaft kleiner, schneller und mobiler.
Wie in Deutschland, ist eLearning auch in anderen Ländern noch kein Massenprodukt, sondern eher eine ergänzende Nischenerscheinung. Der Blick ins Ausland zeigt aber Gemeinsamkeiten, Unterschiede und interessante Ansätze.
Hauptproblem sind die Kosten - hierzulande wie anderswo. Diese entstehen vor allem bei der Konzeption und Erstellung von Online-Inhalten, während der Betrieb deutlich günstiger sein kann, als klassische Präsenzveranstaltungen. So haben sich in Spanien bereits 1997 neun Hochschulen zusammengetan um gemeinsam Seminare im Netz anbieten zu können. Sie teilen sich nicht nur den Aufwand und die damit verbundenen Kosten, um die Inhalte überhaupt erstellen zu können. Über die Menge der Teilnehmer sinken auch die relativen Kosten pro Student.
Neben den Kosten geht es beim eLearning zentral um die Frage, wie die Zukunft des Lernens aussehen soll. Ist eLearning nur ein Evolutionsschritt der Hochschulen? Oder ist es eine Revolution, die Bildung einem wesentlich breiteren Publikum zugänglich macht? Eine Frage, mit der man sich beispielsweise in Finnland bereits Mitte der 1990er Jahre auseinandergesetzt und eine landesweite Strategie ausgearbeitet hat. In Deutschland begannen erst Ende der 1990er Jahre die ersten Förderprogramme, die sich mehr auf Einzelprojekte konzentrierten. Hier mag auch der Föderalismus seinen Teil zur Problematik beitragen. Denn die zerklüftete Bildungslandschaft ist nicht der beste Ausgangspunkt für eine einheitliche Strategie.
Dabei sind die technischen Voraussetzungen in Deutschland so gut wie sonst fast nirgendwo: Die Verbreitung von Breitbandanschlüssen - mittlerweile auch mobilen - liegt über dem der meisten anderen europäischen Staaten. Die schnelle Übertragung von Video-Streams und interaktiven Lehrinhalten wäre hierzulande problemlos möglich - eine Infrastruktur, um die uns viele andere Länder beneiden.
Foto, oben: © marqs / photocase.com
Foto, unten: © picture-alliance / dpa Themendienst; Foto: Bodo Marks
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