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"Ich habe nicht das Gefühl, dass das Lesen in Gefahr ist"

Interview mit Martin Scharfe von volkslesen.tv

6.6.2012 | Stephanie Wurster | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Auf volkslesen.tv kann man sich von fremden Menschen aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen lassen: Ein Feuerwehrmann liest Walter Moers, eine Rechtsanwältin Lessings "Nathan der Weise", ein Model, das anonym bleiben möchte, Annemarie Schwarzenbach, die legendäre Reiseautorin aus den 1920er-Jahren. Man kann auch sehen, wie diese Menschen zärtlich, stolz oder auch verlegen ein Buch, das ihnen etwas bedeutet, in den Händen halten – die Lesungen sind auf Video aufgenommen und dauern meist fünf Minuten. Das reicht für einen guten Eindruck.

Als der gebürtige Dessauer Martin Scharfe volkslesen 2008 erfand, war er auf eine echte Marktlücke gestoßen. Vorgelesen wurde im Netz noch kaum. Aber obwohl volkslesen ein klassisches Internet-Format ist und auch nur dort vorstellbar ist, wirkt es wie aus der Zeit gefallen. Dieses Portal, das Scharfe auch als "Bibliothek und Panoktikum des lesenden Volkes" bezeichnet, scheint sich ganz am Rande des World Wide Web eingerichtet zu haben – genau da, wo die analoge Welt auf die digitale trifft.

Stephanie Wurster traf Martin Scharfe, der bis heute fast alle Videos selber macht, zu einem Gespräch in einem Café am ehemaligen Berliner Mauerstreifen.

Stephanie Wurster: Lieber Martin Scharfe, Sie stellen jede Woche vier neue Lesungen online. Sie machen das alles alleine. Das ist ja ein ganz schönes Pensum. Warum tun Sie sich das an?

Martin Scharfe: Weil ich denke, dass es eine gute Idee ist. Weil so was fehlt. Weil ich es gerne mache. Und weil ich glaube, dass es etwas ist, was sich irgendwann auch selber trägt.

Können Sie überhaupt mal wegfahren bei dem Job?

Wegfahren kann ich immer. Ich kann das ja machen, von wo aus ich will. Im Sommer fahre ich nach Bergen auf Rügen. Da hoffe ich auf die Fischer. Und 2013 will ich nach Jekaterinburg. Da wird es dann russisch mit deutschen Untertiteln.

Martin Scharfe / volkslesen.tv

Martin Scharfe / volkslesen.tv

Kafka auf YouTube?!

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, volkslesen zu machen?

Das ist eine klassische Schnapsidee. In Zürich hatte ich eine gute Freundin, die ein Restaurant hatte. Die machte da wochenends Programm und fragte mich, vor fünf Jahren: Du kannst doch mal eine Lesung machen? Da habe ich vorgelesen aus Kafkas "Das Schloss". Sie hatte auch einen Pianisten engagiert. Das war ein klasse Abend! Danach dachte ich, damit könne man ja was machen. Erst dachte ich, ich stelle es auf YouTube. Aber dann dachte ich: Kafka auf YouTube? Das ist völlig albern. Bei einer Weihnachtsfeier habe ich alten Freunden davon erzählt. Morgens um drei in einer Kneipe. Und Muffi sagte: Oh, das mache ich auch, ich lese Remarque. Falko wollte Lenin lesen, Bex Goethe, Udo das Alte Testament. Damit war diese Idee – normale Menschen lesen ein Stück aus ihrem Lieblingsbuch – geboren. Ich habe dann erst mal gelernt, wie man eine Seite baut.

Wissen Sie, wer sich volkslesen anschaut?

Ein Drittel Berlin, ein Drittel restliches Deutschland und ein Drittel kommt aus der ganzen Welt. Es gibt auch immer wieder Zuschauer aus New York oder aus Istanbul. Ich glaube, das ist gerade auch interessant für Leute, die eine Sprache lernen wollen. Oder für Leute, die im Ausland leben und ihre Muttersprache hören wollen.

Man findet wenig Jugendliche in Ihrer virtuellen Bibliothek. Woran liegt das?

Ich glaube, dass das eine Zeit ist, in der nicht so viel gelesen wird. Ich war als Kind eine Leseratte und habe Bücher gefressen – alles, was im Regal stand. Aber so mit 17, 18 ist so viel drum herum passiert, dass ich erst mal nicht zum Lesen kam. Was auch ein Grund ist: Ich versuche immer, vier von einer Sorte zu kriegen. Und die zu finden, ist einfacher, wenn die eine Struktur haben. Bei Jugendlichen fehlt mir meist die Struktur. Aber ich hatte mal eine Gruppe von jungen Sprayern.

Was lasen die denn vor?

Die lasen Henry Miller. Und "Per Anhalter durch die Galaxis". Und "Homo Faber".

"Schund" gibt's nicht

Volkslesen klingt auch nach Volkshochschule. Was hat Ihre Seite mit Bildung zu tun?

Lesen ist ein zentraler Bestandteil von Bildung. Seit ich volkslesen mache, bin ich nicht mehr kulturpessimistisch. Wenn man heute liest, Lesen stirbt aus und findet nur noch heimlich oder in elitären Zirkeln statt. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Lesen in Gefahr ist. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass die Leute durch das Internet verdummen.

Ich habe jetzt 800 Leute lesen gesehen, und das waren Leute aus allen Bereichen der Gesellschaft. Die lesen alle. Und die lesen auch alle interessante Sachen. Als ich angefangen habe, dachte ich, die meisten würden Bestseller vorlesen oder Urlaubskrimis. Aber das ist eigentlich die Ausnahme. Schund wird bei volkslesen eigentlich nicht vorgelesen.

Müssen Sie Ihre Definition von Schund nach vier Jahren volkslesen nicht eigentlich sowieso überdenken?

Ja - eigentlich gibt's keinen Schund. Ein Buch, das einen Leser wirklich von Herzen berührt, ist ein ordentliches Buch. Und dann finde ich es eben klasse, wenn sich da jeder hinsetzt und sagt: Das ist das, was ich besonders mag. Ich habe auch immer den Eindruck, dass das sehr ehrliche Momente sind. Dass die Leute jetzt nicht denken: Ich lese jetzt Goethe vor, um gebildet auszusehen, sondern dass sie wirklich mit dem Buch da sind.

Glauben Sie, dass man mehr liest, wenn die Eltern viel lesen?

Ich glaube, dass das Lesen letztlich etwas Persönliches ist. Ich dachte, mit der Zeit würde ich ein Gefühl dafür entwickeln, was mich jetzt erwartet. Aber ich bin jedes Mal wieder komplett überrascht. Man kann auch nicht sagen, dass Bundestagsabgeordnete interessantere Sachen lesen als Obdachlose. Es ist immer was Persönliches. Jeder hat seinen eigenen Bezug dazu.

Wie läuft Ihre Arbeit dann genau ab?

Zum Beispiel lese ich was über die DNA und denke: Molekulargenetiker, das ist eine interessante Gruppe. Dann denke ich, wo gibt's denn die? In Berlin beim Max-Planck-Institut! Da rufe ich die Pressestelle an, erzähle denen, ich brauche lesende Molekulargenetiker. Die sagen: Was? Ich erzähle ihnen, was volkslesen ist. Die sagen: Ach so! Und vermitteln mir dann vier. Denen erzähle ich dann, um was es geht. Die können alles vorlesen, das kann auch irgendein Fachbuch sein. Dann fahre ich dahin und lasse mich überraschen.

Was sind die Renner auf volkslesen.tv?

Die zurzeit am meisten vorgelesene Autorin ist Astrid Lindgren. Gibt's zwölfmal. Der zweite ist Kafka, elfmal. Der dritte ist, glaube ich, Robert Walser – fünfmal. Den habe ich erst dadurch entdeckt. Habe den davor immer mit Martin Walser verwechselt.

Und was ist Ihr aktuelles Lieblingsbuch?

"Geschwister Tanner" von Robert Walser.

Stephanie Wurster ist freie Autorin und fluter.de-Redakteurin. Ihr All-Time-Favorite ist "In Wassermelonen Zucker" von Richard Brautigan, ein toller kleiner Roman von 1968.

Screenshots: © volkslesen.tv
Foto: © Peter Einheuser



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Die Seite von volkslesen.tv
Im Frühjahr 2012 war volkslesen in einem Berliner Oberstufenzentrum zu Gast: "Volkslesen Wedding"
Bei der analogen Bücherbattle hat man sieben Minuten Zeit, sein Lieblingsbuch vorzustellen.
Eine andere Perspektive: Auf zehnseiten lesen Autoren selber aus ihren Büchern.





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