Kcals erste Palafita
Die Hafenstadt Recife mit ihren über drei Millionen Einwohnern ist eine der gefährlichsten Metropolen Brasiliens: Täglich geschehen dort bis zu zehn Morde. Die meisten Opfer sind schwarz, männlich, jung und stammen aus einem Elendsviertel wie der Comunidade de Bode, eine der gewalttätigsten Favelas von Recife. Manche hier handeln mit Crack, andere dealen mit Haschisch, Waffen oder Munition. Auch Ricardo "Kcal" Gómes ist in dieser Favela aufgewachsen. Seine Ware ist aus Papier: Er verleiht Bücher an junge Menschen aus Bode, die oft weder lesen noch schreiben können. "Bilder reichen aus, um ihre Neugier zu wecken", sagt der Musiker und Poet.
1997 gründete er die erste Bibliothek in einer brasilianischen Favela. Durch den Dokumentarfilm "A mão e a luva - The story of a book trafficker" (2010) wurde sein Engagement international berühmt.
Handel mit dem Lesestoff
Kcal wuchs in einer "Palafita" auf, einer auf Holzstäben gebauten Hütte, in der es Stromleitungen für maximal zwei Glühbirnen gibt und keinen Wasseranschluss. Er war ein vernachlässigter Junge; noch als Minderjähriger beschloss er, seine Eltern zu verlassen. Trotz finanzieller Not kam eine kriminelle Karriere für ihn nie in Frage. Kcal blieb bescheiden. Innerlich aber wuchs seine Sehnsucht nach einer anderen Welt – einer Welt, in der es den Kindern aus Bode besser ergehen soll als ihm.
Kcals haltloses, trübes Leben veränderte sich, als er mit elf Jahren seine Bücher-Leidenschaft entdeckte: Ein Roman, den er im Müll fand, mit dem Titel "A mão e a luva" (Die Hand und der Handschuh) von Machado de Assis* faszinierte ihn so sehr, dass er nach Buchstaben, Sätzen und Versen süchtig wurde. Von seinem letzten Geld kaufte er sich bei Straßenhändlern neuen Lesestoff – anfangs stets nur ein Werk, das nächste konnte lediglich reserviert werden, bis wieder Geld da war.
Um seine Vision zu verwirklichen, erstand Kcal eine sechs Quadratmeter große Palafita, die über den nach Fäkalien stinkenden, von Müll überschwemmten Fluss Capibaríbe ragt. Diese stand leer, da ihr ehemaliger Besitzer ermordet wurde und nur eine traumatisierte Witwe übrig blieb, die Bode sofort verließ und für die Bude kaum etwas verlangte. Kcal aber ließ sich von der Vorgeschichte seiner Hütte nicht abschrecken, zumal sie Alltag in einer Stadt wie Recife ist. "In Bode habe ich schon fünfzehn Freunde verloren", berichtet Kcal, der halb erblindet ist. "Alle wurden ermordet, von Nachbarn oder Polizisten, die heute noch frei herumlaufen."
Kcal liest den Kindern vor
Die "Spielerische Bücherei"
Zusammen mit den Kindern aus Bode bemalte Kcal die Wände seiner Palafita mit bunten Versen und Handabdrucken und eröffnete seine "Livroteca Brincante do Pina" – man kann das ungefähr mit "Spielerische Bücherei von Pina" übersetzen (Pina ist ein Stadtteil von Recife) –, die zum Magneten vor allem für die jungen Menschen aus Bode wurde. Schnell standen die ersten Kinder vor seiner Tür und wollten von Kcal Geschichten erzählt haben. Kcal erzählt ihnen nicht nur von Gewalt und den Ängsten der Bewohner der Favela. Ihm geht es darum, den Kindern eine Perspektive und eine Sicherheit zu bieten, die sie in Bode nicht selbstverständlich haben. Durch das Erproben ihrer eigenen Kreativität – Theaterspielen, Tanzen oder Dichten – erleben die Kinder, dass Kultur ein Ausdrucksmittel für ihre Wünsche und Ängste sein kann.
"Manche der Kinder geben sich schnell als Drogenkuriere her, in der Hoffnung, ein paar Taler und den Respekt der Älteren zu verdienen. Oft werden sie nicht älter als fünfzehn Jahre. Rivalisierende Gangs, Todesschwadronen oder Polizisten erschießen sie", berichtet Kcal den Menschen, die sich für sein Projekt interessieren. Für eine behütete Kindheit bleibt da keine Zeit.
Streitende Nachbarn, die sich im Suff gegenseitig erstechen, rivalisierende Gangs, die sich aneinander rächen – Spuren der Gewalt finden sich in fast jedem Haus. Umso mehr brauchen die Kinder Geschichten, Abwechslung und vor allem Zuhörer. Bei Kcal werden sie fündig. "Tausche deine Waffe gegen eine Geige", sagt Kcal den Kindern.
Bei einem "Poetry-Abend" in der Bücherei können sie zeigen, dass auch in ihnen kleine Dichter stecken. Sie lernen Gedichte nicht nur auswendig, sondern fangen selbst an zu dichten. Mit den Geschichten – ob sie selbst ausgedacht sind oder von Kcal erzählt werden – schaffen sie sich eine Art eigenen Raum, in den sie sich retten können, wenn Perspektivlosigkeit, Gewalt oder Angst sie überfordern. Die Verse wecken Träume, in denen es nicht um ein Paar angesagte Turnschuhe geht, sondern um den Versuch, in Bode glücklich zu sein, selbst wenn nachts manchmal Schüsse im Viertel zu hören sind.
"Ich habe nichts und gebe alles!", sagt Kcal. "Jedes Buch bedeutet die Befreiung der Sklaverei, jedes Gedicht die Erlangung von Freiheit." Mittlerweile leihen sich viele Anwohner Lektüren bei ihm aus.
Kcals gesellschaftliches Engagement blieb nicht unbemerkt. 2008 erhielt er den renommierten Teleglobo Award, der ihn für seine bemerkenswerte kulturelle Arbeit mit Kindern auszeichnete. 2012 begleitete er die US-amerikanische Band Faith No More auf ihrer Brasilien-Tour. Mehreren tausenden Fans stellte er eine Stunde lang die Entstehungsgeschichte seiner Favela-Bibliothek vor, während Faith No More ihn musikalisch begleitete. Er appellierte auch an das Publikum: "Kultur und Kunst sterben niemals aus – hört auf euch zu beklagen, engagiert euch lieber!"
Die neue ''Livroteca Brincante do Pina''
Endlich staatlich gefördert
2009 stellte ihm der Staat eine mehr als vierzig Quadratmeter große Garage zur Verfügung, in der er eine neue Bücherei eröffnen konnte. Deren Internet- und Stromkosten trug der Sozialarbeiter, der von einem staatlichen Einkommen von monatlich gerade mal 120 Euro lebt, selbst. Anfang 2012 strich der brasilianische Staat die Zuschüsse zu dem Projekt. Doch die Livroteca Brincante do Pina konnte schon Ende März 2012 wieder eröffnen, diesmal zum dritten Mal: Die neue Bücherei besteht aus vier Zimmern, einem Bad und einer Küche und wird durch verschiedene Bildungsträger wie die staatliche Universität gefördert.
"Ich bin kein Drogenhändler, sondern ein Bücherdealer!", sagt Kcal. Seine Wurzeln vergisst er nicht: "Ich glaube, dass ich an einem falschen Ort geboren wurde, um dort etwas zu verändern." Wenn es nach ihm geht, so würde er am liebsten zurück in die Palafita ziehen, in der alles begann. Dort möchte er ein Umweltzentrum bauen, in dem die Kleinen lernen, das Viertel sauber zu halten.
Bücher muss Kcal heute nicht mehr aus dem Müll fischen. Durch Buchspenden, finanzielle Hilfen und durch die Unterstützung solidarischer Recifenser besteht die Livroteca Brincante do Pina heute aus mehr als 20.000 Werken, die stetig sortiert und katalogisiert werden. Dank Kcals Engagement gibt es heute in Brasilien mehr als 500 kleine Büchereien in den sonst als "Mord-Moloch" bekannten Favelas. Die – wie diese Geschichte zeigt – auch ganz anders können.
*Machado de Assis (1839-1908) gilt als der bedeutendste Autor Brasiliens. "A mão e a luva" ist ein Liebesroman.
Leona von Vietinghoff (29) ist Soziologin und lernte Kcal Gómes und seine Bücherei bei den Recherchen zu ihrer Diplomarbeit zum Thema "Morde in Recife" kennen. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.
Fotos: © Kcal Gomes / © Leona von Vietinghoff
Dokumentarfilm "A mão e a luva - The story of a book trafficker" – auf IMDB kann man ihn sich komplett anschauen.
Blog der Livroteca Brincante do Pina
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