Christopher Paolini
Christopher Paolini, Jahrgang 1983, wuchs im ländlichen Montana auf. Er besuchte keine staatliche Schule, sondern wurde von seinen Eltern unterrichtet. Mit nur 15 Jahren begann er mit dem Schreiben des späteren Megasellers "Eragon". Seine Eltern verlegten das fertige Werk in ihrem eigenen Verlag, die Schwester malte das Titelbild. Mit Christopher im Mittelalter-Kostüm zog die Familie Paolini durch die Lande, um das Buch zu vermarkten. Der große Erfolg stellte sich aber erst ein, als der New Yorker Großverlag Alfred A. Knopf auf den Teenager-Autor aufmerksam wurde.
Paolini selber findet, dass der Heimunterricht, das in den USA nicht unübliche "Homeschooling", ihm sehr dabei geholfen habe, sich an "Eragon" zu trauen. Durch den Unterricht zu Hause konnte er sich seine Zeit selbst einteilen, und eine Ablenkung durch den Fernseher gab es nicht: In den Bergen Montanas hatte die Familie keinen Fernsehempfang. Da blieb viel Zeit, um draußen zu spielen, zu lesen und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.
Adriana Leidenberger unterhielt sich mit Christopher Paolini über sein Leben als Bestsellerautor, seine Interessen, seine Einstellung zu Medien und, natürlich, über "Eragon".
Adriana Leidenberger: Wer ist Christopher Paolini – außer dass er der Autor von "Eragon" ist?
Christopher Paolini: Ein Geheimnis in ein Rätsel gebunden! Ernsthaft: Ich bin, wer ich bin. Ich weiß nicht, wie ich mich sonst beschreiben sollte. Ein großer Teil von mir, wenn auch nicht alles, steckt in meinen Büchern. Ich ziehe es vor, dass mich die Leute durch meine Bücher kennenlernen.
Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie mit Ihren Büchern Erfolg haben?
Es ist eine merkwürdige Mischung. Ich sitze auf meiner Couch, ich schreibe und ich helfe im Haus. Die meiste Zeit ist es ein sehr ruhiges Leben. Und dann ab und zu gehe ich hinaus und rede mit Tausenden von Leuten. Die größte Veränderung für mich ist jedoch, dass das Schreiben jetzt mein Beruf ist. Früher habe ich zu meinem Spaß geschrieben. Heute stehe ich auf und setze mich gleich an meinen Computer – so wie andere Leute zur Arbeit gehen. Ich reise auch viel und sehe Dinge, die ich sonst nicht gesehen hätte.
Sie haben mal erzählt, dass Sie sich zu Hause weiterbilden. Welche Fächer interessieren Sie besonders?
Alle Fächer! Und Sie wären überrascht, wie viel davon als kleine Informationsbruchstücke in meinem Buch gelandet sind und zu der Tiefe meiner Welt beigesteuert haben. Vor allem liebe ich Geschichte und Physik, beziehungsweise alle Arten von Naturwissenschaften. Wenn ich nicht schreiben würde, wäre ich wohl Naturwissenschaftler geworden.
Früher sprachen Sie in Interviews viel über Philosophie. Und heute?
Ich habe in meiner Teenagerzeit genug philosophische Bücher gelesen, um mir mein Bild von der Welt zu machen. Ich glaube, es ist nicht gut, sich die ganze Zeit mit Philosophie zu beschäftigen.
Sie sind eher abgeschieden aufgewachsen und hatten kaum Zugang zu modernen Medien. Fanden Sie das gut?
Ich denke, es ist wichtig, dass man der Kultur, in der man lebt, ausgesetzt ist. Aber wenn junge Leute ständig mit Werbung und Lärm bombardiert werden, ist das nicht unbedingt gut. Wenn man keinen Fernseher hat, muss man andere Wege finden, sich zu unterhalten.
Welche Rolle spielen Medien heute in Ihrem Leben?
Den Computer nutze ich sehr häufig, weil ich ja meine Bücher darauf schreibe. Ich liebe Filme. Ich spiele auch Videospiele – aber sie sollen nicht zu viel von meiner Zeit in Anspruch nehmen. Videospiele versuche ich, als Mittel der Entspannung zu verwenden. Aber nicht, um zu entfliehen – das hätte ich sicherlich getan, als ich noch jünger war. Ich habe ja die Wahl! Ich kann sechs Stunden lang Videospiele spielen oder an meinem Buch schreiben. Ich ziehe das Schreiben definitiv vor.
Sie leben immer noch auf dem Land. Was bedeutet Stille für Sie?
Ich liebe es, Städte wie Berlin zu besuchen. Es ist schön, manchmal der Stille zu entfliehen. Andererseits: Wenn man sich konzentrieren und tief in die Arbeit eintauchen will, dann hilft es, nicht ständig lauter Aktivitäten ausgesetzt zu sein. In New York zum Beispiel ist es schwer, sich zu entspannen, weil die Stadt sich nie entspannt. Da sind immer Leute, immer Aktivitäten, immer Lärm. Das ist sehr aufregend und sehr einnehmend auf der einen Seite, aber man ist dadurch ständig nach außen gekehrt. Wenn man sich aber nach innen wenden möchte, hilft es, wenn man einen ruhigeren Ort aufsucht. Ich brauche es, weite Entfernungen zu laufen, ohne jemanden zu treffen. Das ist gut, um sich Geschichten auszudenken.
Wenn Sie jemanden interviewen könnten – es kann auch jemand aus der Vergangenheit sein –, wer wäre das? Und was wäre die Frage, die Sie auf jeden Fall stellen würden?
Ich denke, es wäre wunderbar, Mark Twain zu interviewen und seine Meinung zur modernen Welt zu ergründen. Er war so ein großartiger Kommentator des Lebens und der Gesellschaft. Ich würde aber auch gerne Albert Einstein befragen, ihm von den ganzen modernen Errungenschaften berichten, um herauszufinden, was er davon hält, und um zu sehen, ob ich irgendetwas Neues daraus lernen könnte.
Was denken Sie über die "moderne Welt"?
Das ist die Welt, in der wir leben. Wir können nicht viel daran ändern. Manche Dinge sind gut, andere sind schlecht. Es ist wichtig, Bereiche des Friedens für sich selbst zu finden, eine Arbeit, die befriedigt, gute Freunde, eine gute Familie, gutes Essen, einen gesunden Schlaf und ein Dach über dem Kopf. Was braucht man mehr?
Eragon hat, ohne es zu wollen, Elva dazu verdammt, die Gefühle anderer wahrzunehmen, auch Angst und Wut. Wovor haben Sie Angst?
Was physische Dinge angeht, mag ich keine Jerusalem-Grillen. Sie sehen aus wie die bösen Cousins der Grashüpfer, sie sind gruselig und dornig. Sie haben mich zu den Razak im Buch inspiriert.
Die Freundschaft zwischen Saphira und Eragon ist ein wichtiges Thema in Ihrem Buch. Sie sind sich sehr nah und können die Gedanken des anderen lesen. Was erwarten Sie selber von Freundschaft?
Ich denke, nichts in der Welt kommt dem nah, was Eragon und Saphira verbindet, weil sie eben ihre Gedanken und Gefühle lesen können. Für Jugendliche zwischen 13 und 15 ist der Gedanke, so einen Freund zu haben, unheimlich reizvoll. Besonders, wenn man weiß, dass dieser Freund jeden fressen kann, den man nicht mag! Die Beziehung, die ich habe, die dem am nächsten kommt, ist die zu meiner Familie. Wir sind uns sehr nah.
Warum mögen Sie Fantasy-Literatur?
Fantasy ermöglicht, Dinge nach außen zu bringen, die sonst im Inneren vorgehen. Wenn man einen Charakter hat, der vor Spinnen Angst hat, kann er in einem Fantasy-Roman Riesenspinnen begegnen. Oder wenn man über Gier und Macht schreiben möchte, dann gibt es einen magischen Ring. Fantasy ist ein extrem breites Genre. Innerhalb dieses Genres gibt es Liebesgeschichten, Detektivgeschichten, Horror, Abenteuergeschichten – wie meine –, kleine literarische Romane, Allegorien ... Das ist es, was ich dabei liebe. Wenn ich als Autor für den Rest meines Lebens in die Schublade Fantasy gesteckt werde, dann würde mir das nichts ausmachen. Ich kann jede Art von Geschichten erzählen, die ich will. Wenn ich einen Geschichtsroman schreiben will und keiner will ihn veröffentlichen, weil es kein Fantasy ist, dann baue ich eben einen Drachen ein.
Die Eragon-Reihe von Christopher Paolini, auf deutsch alle bei cbj erschienen:
Eragon - Das Vermächtnis der Drachenreiter (2004)
Eragon - Der Auftrag des Ältesten (2005)
Eragon - Die Weisheit des Feuers (2008)
Eragon - Das Erbe der Macht (2011)
Adriana Leidenberger arbeitet als freie Journalistin, Autorin und Kursleiterin in Berlin und engagiert sich in der kulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen.
Foto: © Isabelle Grubert / Random House
Die deutsche Seite zu der Eragon-Tetralogie
Die Seite von Christopher Paolini (engl.)
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