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Richard Sennett: Handwerk

Lob des "Flows"

15.6.2012 | Karen Struve | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Erst die Arbeit und dann das Vergnügen, geht ein altbekanntes Sprichwort. Ist Arbeit also ein notwendiges Übel? Ist sie eine Tätigkeit, bei der man auch mal Raum und Zeit vergisst? Ist Arbeit Lebenserfüllung oder Broterwerb? Und nicht zuletzt: Hängt eine erfüllende Arbeit von Talent oder von Motivation ab? Arbeit, könnte man mit dem amerikanischen Soziologen und Kulturphilosophen Richard Sennett antworten, kann für jeden Menschen ein wunderbares Handwerk sein.

In seinem Buch "Handwerk" von 2008 setzt er an den Anfang seiner Überlegungen die "Büchse der Pandora". Mit dieser kamen, dem Mythos nach, alles Unheil, alle Mühe und damit auch die Arbeit über die Welt. Heißt das nun, dass Arbeit nur eine mühevolle Qual ist? Oder kann eine Tätigkeit doch um ihrer selbst willen glücklich machen; einfach, weil und indem man etwas tut?

Jeder kann was

Sennetts These lautet: Ob Goldschmied oder Töpfer, ob Politiker oder Pianist, ob Programmierer oder Musiker – all diese Menschen gehen einem Handwerk nach, das nach technischer Perfektion strebt und Selbstversunkenheit zur Folge hat. Damit sind Handwerker all jene, die den Wunsch verspüren, "etwas Konkretes um seiner selbst willen gut zu machen". Dieser Wunsch und das Erlebnis, ganz in seiner Arbeit an einem "Werkstück" zu versinken – sei es ein Musikstück, ein Computerprogramm, die Naht einer Wunde oder ein selbst geschreinerter Tisch –, ist das, was die moderne (Arbeits-)Psychologie als "Flow" beschreibt. Und es ist das, was Menschen in der modernen Welt offensichtlich eher in ihrer Freizeit erleben als in ihrem Arbeitsalltag. Oder doch nicht?

Sennett untersucht zahlreiche Arbeitssituationen, historische wie aktuelle. In ganz unterschiedlichen Werkstätten, Laboren oder Musikzimmern schaut er Menschen bei der Arbeit über die Schulter. Er schaut zu, wie ein Töpfer aus einem Klumpen Ton einen Krug dreht, der mit jedem Arbeitsvorgang zweckmäßiger, schöner und klarer wird, und zeigt daran, wie handwerkliches Tun funktioniert. Hier schließen sich zwei weitere große Fragestellungen des Buches an: Wie erklärt man eigentlich eine Tätigkeit, die sich im manuellen Tun vollzieht? Und kann man mit der notwendigen Portion Motivation alles erlernen? Oder hängt das doch von einer unbeeinflussbaren Größe ab: dem Talent?

Der sprunghafte Charakter des Fortschritts

Richard Sennett

Richard Sennett

Im zweiten Teil seines Buches beschäftigt sich Sennett damit, wie praktisches Tun oder gewisse Fertigkeiten in Worte gefasst werden können. Jeder, der schon einmal seine Großmutter gefragt hat, wie denn genau der heißgeliebte Kuchen gebacken wird, und zur Antwort nur gefühlte Mengenangaben – "ein bisschen hiervon und dann so, bis das gut ist" – zur Antwort bekam, der weiß, was Sennett meint.

Sennett macht dieses Dilemma an dem großen Projekt der Aufklärung deutlich, der "Encyclopédie" von Diderot und d'Alembert. In dieser Veröffentlichungsreihe sollte im 18. Jahrhundert das gesamte Wissen der Zeit zusammengestellt werden. Dabei stießen die Autoren, die sogenannten Enzyklopädisten, auf das Problem, dass handwerkliche Tätigkeiten schwer mit Worten zu erklären waren.

Ihre Lösung war bestechend einfach: Das körperliche Handwerk in seinen Ausprägungen – Werkstätten, Werkzeugen und Herstellungsverfahren – wurde von ihnen nicht beschrieben, sondern in zahlreichen Kupferstichen dargestellt. Erst die ausdrucksstarke, mit dem Bild verbundene Form der Anleitung erlaubte es Menschen, ihre Fertigkeiten zu verfeinern und zu verbessern. Für Sennett vollzieht sich dieser Fortschritt aber nicht unbedingt linear: "[…] in der Arbeit wie in der Liebe stellen Fortschritte sich nur in Sprüngen und Schüben ein."

An diese Idee von Fortschritt knüpft Sennett dann im dritten Teil seiner Studie an. In diesem Teil widerspricht er der weitverbreiteten Idee, großes Können würde immer mit einem großen Talent einhergehen – sei also unerreichbar für die Masse. "Die Fähigkeit, gut zu arbeiten", behauptet Sennett dagegen, "ist unter den Menschen gleich verteilt." Wichtiger als ein irgendwie geartetes Talent sei die Motivation eines Menschen. Nur wer motiviert und hartnäckig ist, kann aus Fehlern lernen und sich durch Scheitern verbessern. Diese Motivation ist nicht perfektionistisch – denn das würde die Arbeit eher behindern –, sondern sie feiert das Tun und den Akt der Herstellung.

Gescheiterte Musiker-Laufbahn

Sennett selber war, als begnadeter Cellist, auf dem Weg zum Berufsmusiker, als ihm eine missglückte Handoperation diesen Berufsweg versperrte. Als Musiker und als Wissenschaftler kennt Sennett also selbst den Moment des Übens und des mühevollen Erarbeitens von Techniken – seien es Schreibtechniken für wissenschaftliche Aufsätze oder Streichtechniken auf dem Cello. Und er kennt den Moment der Freude an der eigenen Arbeit, den "Flow".

"Handwerk" liest sich wie ein wunderbar erzähltes Lese- und Geschichtsbuch, das mit vielen anschaulichen historischen und gegenwärtigen Beispielen aus Lebenspraxis und politisch-philosophischer Theorie arbeitet. Man mag Sennett eine Romantisierung der Arbeit vorwerfen, eine Verkennung der Arbeitszwänge der Menschen in der Gegenwart. Man kann ihm auch eine unkritische Begeisterung für Arbeitsformen, wie sie beim Google-Konzern herrschen, vorhalten: Dort dürfen die Mitarbeiter einen Teil ihrer Arbeitszeit auf eigene Projekte verwenden; Projekte, die zwar die Arbeitsfreude und Kreativität dieser Mitarbeiter stärken, sich allerdings auch direkt in den Profit des Unternehmens übersetzen lassen.

Aber wie eine mühevolle Schreibarbeit liest sich das Buch nicht, und schon gar nicht wie eine theorieüberladene, unverständliche wissenschaftliche Studie. Es ist vielmehr mit großem handwerklichem Können geschrieben, lebt von seinem "Flow", und ist daher ein wahres Lesevergnügen.

Richard Sennett: Handwerk (Berlin Verlag 2008, Übers. von Michael Bischoff, 432 S., 22 €)

 

 

 

Dr. phil. Karen Struve arbeitet als Romanistin und Kulturwissenschaftlerin an der Uni Bremen.

Foto oben: CC BY-SA 2.0

Foto unten:© Bolleone/photocase.com








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