Sydney ohne Sydney

Ismail lebt in einem australischen Internierungslager

30.6.2012 | Gülseren Ölcüm | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Australien hat eine strenge Flüchtlingspolitik. Wer im Boot oder Flugzeug ohne gültige Papiere einreist, wird eingesperrt. Aus Sicherheitsgründen. Die Prüfung der Visabeantragung kann sich über Jahre hinziehen. Obwohl diese Methode viel kritisiert wird, gibt es kaum Aussichten auf eine schnelle Änderung der Verhältnisse. Ismail Mirza Jan kann so viel davon erzählen, dass er ein ganzes Buch damit füllen könnte.

Seit 2010 ist er im Villawood Internierungslager in Sydney. Aus Kabul floh er kurz vor dem Einmarsch der US-Amerikaner, er wollte in einer friedlicheren Welt leben. Die Taliban hatten seinen Vater ermordet, und auch er hätte wahrscheinlich nicht mehr lange überlebt, berichtet Ismail. Denn er gehört zu der Minderheit der Hazara. "Wir sehen anders aus, haben asiatische Gesichtszüge und werden als 'Ungläubige' angesehen", erklärt Ismail. Als der älteste Sohn der Familie wäre er wahrscheinlich auch der Politik der Taliban zum Opfer gefallen: "Jeder, der einen Hazara-Jungen aufspürt und tötet, bekommt eine Prämie ausgezahlt."

Ismail ist nicht besonders groß. Aber er sieht älter aus, als er wirklich sein kann. 26 oder 27? So richtig weiß es keiner. "Meine Mutter weiß nicht das Jahr, sie kann sich nur an die Jahreszeit erinnern." Mitarbeiter von Menschenrechtsorganisationen erklärten kurzerhand den 21. April zu seinem Geburtstag. Sogar eine Geburtstagsparty gab es. Mittlerweile ist Ismail nämlich eine kleine Berühmtheit in Australien. Viele Journalisten haben bereits über ihn berichtet, und viele wollen ihm helfen. Aber sie sind alle machtlos.

Aliceghan: ein zum Scheitern verurteiltes Projekt

Um seinem Schicksal zu entkommen, machte Ismail sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Auch seine Mutter riet ihm, zu gehen. Als Ismail Afghanistan verließ, konnte er nicht lesen oder schreiben, und er konnte kaum ein Wort Englisch. "Ich konnte nicht mal eine Karte lesen", sagt er und lächelt dabei. Zu lustig findet er seine Geschichte, die von Afghanistan bis nach Australien reicht. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig. Viele sind in diesem Internierungslager um den Verstand gekommen. Im letzten Jahr haben sich drei Insassen umgebracht.

Ismail hat noch Hoffnung. Obwohl es eng für ihn aussieht. Letztes Jahr entkam er nur knapp einer Ausweisung nach Afghanistan. Denn die australische Regierung arbeitet seit Jahren an einem neuen Projekt. Aliceghan, ein neugebautes Dorf in der Nähe von Kabul, kostete die australische Regierung fast neun Millionen Dollar. Ein Prestigeprojekt, das zu scheitern droht. Keine Wasseranschlüsse, keine Straßen, keine Jobs. Und noch dazu ist die Gegend noch immer unsicher.

Mit dem Bau dieses Dorfes erhofft die Regierung sich, einen Ort für all die afghanischen Flüchtlinge zu schaffen, die sich derzeit in australischen Internierungslagern befinden. Auch Ismail sollte dorthin, denn Afghanistan sei ja jetzt sicher, so die australische Regierung. Doch die Ausweisung wurde aufgeschoben. Irgendwann dieses Jahr wird aber eine Entscheidung getroffen werden. Dann befindet Ismail sich schon mehr als zwei Jahre in dem Internierungslager.

Einmal um die halbe Welt

Von Afghanistan ging es mit ein paar anderen Flüchtlingen nach Pakistan. Illegal natürlich. Aber Pakistan war nur ein Zwischenstopp, kein Flüchtling will hier bleiben. "Europa ist für die meisten das große Ziel", erklärt Ismail. Von Pakistan ging es weiter in den Iran. Dort lebt Ismails Onkel. Für afghanische Flüchtlinge sei es dort aber sehr schwierig, sagt Ismail. Also zog er weiter, in die Türkei.

Istanbul fand er ganz in Ordnung. Er versucht, sich für mich ein paar Brocken Türkisch ins Gedächtnis zu rufen, und muss lachen, als es ihm nicht gelingt. Die Türkei schert sich, sagt er, nicht viel um Flüchtlinge. "Ich hatte kaum Probleme, ich habe dort sogar gearbeitet – aber ich wusste, dass es nicht die Endstation sein kann", sagt er. In der Türkei einen Aufenthaltsstatus zu bekommen, sei nahezu unmöglich.

Das nächste Ziel war Griechenland. Dreimal wurden er und seine Mitreisenden von der Grenzpolizei aufgegabelt und wieder an der Grenze zur Türkei abgesetzt. Ismail schmunzelt. "Kannst du dir das vorstellen? Der fünftägige Marsch ist schon furchtbar, und dann das Ganze dreimal?" Jedes Mal musste er sich aufs Neue auf den langen Marsch nach Griechenland vorbereiten. "Du brauchst gute Schuhe und genügend Essen, sonst kannst du es vergessen. Das hält sonst keiner durch!"

Europa war ein Traum

Weil die griechische Polizei nicht so richtig wusste, was sie mit ihm anfangen sollte, setzte sie ihn an der mazedonischen Grenze aus. Über Umwege landete er in Irland. Immer wieder hat Ismail der Mut verlassen. "Ich wäre oft am liebsten zurück nach Afghanistan gegangen", sagt er. Seine Familie hat er jetzt schon mehr als 12 Jahre nicht mehr gesehen. Nur ab und zu kann er mit seinen Verwandten telefonieren. Seine Mutter lebt mit seinem Bruder in Pakistan. Zwei seiner Schwestern sind noch in Afghanistan, beide sind verheiratet und haben bereits Kinder.

"Irland war ein Traum. Ganz Europa war ein Traum", sagt Ismail mit leuchtenden Augen. "Dass ich in dieses Flugzeug gestiegen bin, dass kann ich mir nicht verzeihen." Er findet, es ist der größte Fehler, denn er je begangen hat. Während er in Irland auf sein Visum wartete, ging er zur High School und machte seinen Schulabschluss. Ganze fünf Jahre verbrachte er in Irland. Als seine Asylbeantragung ins Stocken gerät und es so aussieht, dass er abgelehnt werden könnte, besorgt Ismail sich falsche Papiere.

Irgendwie ist er dann in Australien gelandet. Viele hätten ihm erzählt, dass Australien "ganz gut" sei und dass es nicht schwierig sei, dort ein Visum zu bekommen. "Und weißt du was? Nach all meinen Reisen war die nach Australien ein Zuckerschlecken. Ich hatte den perfekten gefälschten Pass, nämlich einen koreanischen. Alles lief glatt – bis ich hier gelandet bin."

Ismail schaut sich im Internierungslager um. Überall sitzen Menschen ihre Zeit ab. Einige schauen fern, andere haben gerade Besuch, und wiederum andere klagen ihr Leid ihren Anwälten oder den Betreuern. "Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht", sagt Ismail und zuckt mit den Schultern. Er ist deprimiert, er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Im Oktober soll es eine Entscheidung geben, ob Ismail in Sydney ein Visum bekommt oder nicht. Falls nicht, muss er nach Afghanistan zurück. Falls er aber doch ein Visum bekommt, hat er schon Pläne. "Wenn ich hier raus bin, dann gehe ich studieren und werde Korrespondent", sagt er und lacht.

Gülseren Ölcüm ist 26 Jahre alt und studiert gerade an der UTS (University of Technology) in Sydney.

Foto: CC BY-SA 2.5



Links

taz-Artikel über die dramatischen Proteste im Internierungslager Villawood von April 2011
bpb-Dossier zu Migration in Deutschland





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