Friede, Freude, Sojakuchen

Das Experiment: 1 Monat vegan leben

16.6.2012 | Chris, Juliane, Simon | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Veganer, das sind die, die sich nicht nur fleischlos ernähren, sondern überhaupt keine tierischen Produkte zu sich nehmen – weder Milch noch Eier oder Honig. Ernsthafte Veganer tragen nicht mal Kleidung aus Leder oder Wolle. Die einen sehen sie als Weltverbesserer und Idealisten, andere als nervige Spaßbremsen. Jeder hat seine Meinung zu dem Thema.

15 junge Männer und Frauen aus Baden Württemberg, die sich in der BUNDjugend engagieren, wollten wissen, wie es sich anfühlt, vegan zu leben. Sie erklärten den Mai 2012 zum veganen Monat. Die Gründe dafür waren vielfältig: Einige von ihnen finden, dass die tierproduktlose Lebensweise Lösungsansätze bietet für soziale oder ethische Probleme oder für Umweltprobleme. Andere wollten die Gruppendynamik nutzen, um endlich gesund kochen zu lernen – endlich mal wegkommen vom gewohnten Junk Food.

In ihren Erfahrungsberichten für fluter.de setzen sie sich damit auseinander, wie die vegane Lebensweise in der Praxis funktioniert und wo man Probleme mit Gesellschaft, Familie und mit Freunden bekommen kann.

Chris, 24, studiert Umweltschutztechnik

Als Veganer sollte man sich selbst nicht zu ernst nehmen. Zwar ändert sich das Verhältnis zu seinen Mitmenschen als Veganer nicht wesentlich, aber Menschen, mit denen man sich ohnehin nicht versteht, bietet man als Veganer mehr Angriffsfläche. Während meines veganen Monats bekam ich, außer einer Menge lustiger Kommentare, auch den einen oder anderen herablassenden Spruch um die Ohren gehauen. Ich wurde auch immer wieder gewarnt, wie ungesund diese Ernährung doch sei. Als ich aber genauer nachfragte, welche Stoffe einem denn fehlten, stellte sich heraus, dass die meisten Menschen mit dem Thema so vertraut waren wie Lukas Podolski mit molekularer Thermodynamik.

Während man von großen Teilen der Gesellschaft bemitleidet oder belächelt wird, erfährt man mitunter, vor allem von Anhängern der "Öko-Szene", die entgegengesetzte Resonanz. Diese Menschen schafften es, dass ich mich zeitweise fühlte wie ein Profi-Fußballer. Nur, dass die Gegner die Massentierhaltung, der Klimawandel und der Hunger in der "Dritten Welt" waren.

Wie funktioniert vegane Ernährung in der Praxis? Meine ersten Kochversuche endeten mit Bauchschmerzen. Aber man kann das lernen. Mittlerweile weiß ich, wie man sich schnell ein schmackhaftes veganes Essen herbeizaubern kann. Fleisch und andere tierische Produkte vermisse ich, der immer viel Fleisch gegessen hat, kaum mehr. Schwierig sind aber Situationen, in denen man bei jemandem zum Essen eingeladen wird. Der Gastgeber gibt sich unglaublich Mühe, mir ein zauberhaftes Essen zu bereiten, und ich bediene mich am Ende nur von dem Salat, weil überall sonst tierische Produkte drin sind. Kein schönes Gefühl.

Juliane, 20, macht ein FÖJ** auf einer Jugendfarm

Ich bin vor sechs Jahren aus Trotz Vegetarierin geworden. Weil ich meinen Eltern beweisen wollte, dass ich es durchziehen kann. Inzwischen ist es für mich zu einer Lebenseinstellung geworden, auf Fleisch zu verzichten, und ich mache es bewusst aus Tierrechts- und Umweltschutzgründen. Bei "1 Monat vegan" habe ich mitgemacht, weil ich wissen wollte, wie gut sich eine vegane Lebensweise im Alltag umsetzen lässt, worauf man achten muss und wo sich Schwierigkeiten auftun.

Nach einem Monat kann ich ein Fazit ziehen: Sich vegan zu ernähren ist die einfachste Sache der Welt. Zumindest, wenn man alleine wohnt, keine Freunde hat und einen Job, der nichts mit Menschen zu tun hat. Oder wenn man ausschließlich mit Veganern/innen befreundet ist. Dann ist es wirklich kein Problem. Die geringste Abweichung von diesen Grundregeln bringt allerdings Schwierigkeiten mit sich. Auch wird man ständig von anderen aufgezogen. Und es wird einem noch viel öfter mit Fleisch und Wurst vor der Nase rumgewedelt, als wenn man nur Vegetarier/in ist: "Guck mal! Mmhh, das schmeckt lecker! Willst du mal probieren?"

Meine Mutter hat sich viel Mühe gegeben, ist aber fast daran verzweifelt, alles richtig zu machen. Wenn man sich nicht wirklich eingehend damit beschäftigt, ist es erst mal schwierig, rein vegan zu kochen. Klar, alle Veganer/innen würden jetzt sagen: "Das stimmt doch gar nicht! Man kann ganz toll vegan essen!" Aber für Neulinge ist es eine große Herausforderung. Meistens gibt es dann Spaghetti (ohne Ei) mit Tomatensoße (ohne Sahne) und Salat (mit Essig und Öl).

Jetzt, nach dem Experiment, ernähre ich mich weiterhin vegetarisch. Vielleicht werde ich mal wieder eine vegane Zeit einlegen. Bis dahin will ich vor allem die Rohprodukte, wie beispielsweise Milch oder Butter, durch vegane Alternativen ersetzen. Ich weiß, dass das nicht ideal ist und dass alle Veganer/innen das höchst inkonsequent finden. Aber ich denke: Wenn jeder nur einen kleinen Schritt in die richtige Richtung macht, dann ist schon viel erreicht.

Simon, 26, Kaufmann im Einzelhandel

Vor diesem Monat bestand meine Ernährung hauptsächlich aus Fertigpizza mit extra Käse oder chinesischer Instantsuppe – alle diese feinen Dinge, die in einem Junggesellenhaushalt gerne gegessen werden. Doch Junk Food ist selten vegan. Also war der vegane Monat eine ziemliche Herausforderung für eine so gechillte Person wie mich.

Mich hat es sehr motiviert, dass wir den Monat zusammen in einer Gruppe gemacht haben. Wir haben gemeinsam gekocht, Rezepte ausgetauscht und uns schlechte Witze über Veganer erzählt. Es gab dank der vielfältigen neuen Erfahrungen auch ziemlichen Redebedarf.

Nach ein wenig Übung machte – zu meiner eigenen Überraschung – das Kochen zu Hause kaum noch Probleme. Doch wie ist es, wenn man unterwegs ist? BUNDjugend-Veranstaltungen waren kein Problem. Auch der "Aufstand", das Jugendumweltfestival der NAJU, war easy, weil veganes Essen dort ganz selbstverständlich angeboten wurde. Auch meine Eltern unterstützten mich und kochten für die ganze Familie Spargel mit veganer Sauce Hollandaise.

Unterwegs ist es aber leider schwieriger. Brot und Aufstrich wurden meine treuen Begleiter. Ich finde, vegan leben ist ein wenig wie Punk sein. Beim Punk gucken alle auf die Haare, beim Veganer auf den Teller. Man redet gezwungenermaßen sehr viel über Ernährung. Leider. Aber: Die Rückmeldungen auf meine Ernährungsumstellung waren meist positiv, interessiert und tolerant. Wirklich negative Erfahrungen habe ich kaum gemacht.

Da ich mich so frisch, lecker und abwechslungsreich wie selten in meinem Leben ernährt habe, werde ich versuchen, erst mal weiter vegan zu leben. Ach ja: Bier ist auch vegan. Prost!

*Jugendorganisation des Bundes für Umwelt- und Naturschutz
**Freiwilliges Ökologisches Jahr

Fotos: Privat, © benicce/photocase.com



Links

"Ein Monat Vegan"-Blog
Wikipedia über Veganismus





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