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Die Größen der Filmkunst in Cannes

Auf der Suche nach einer Liebe, die realistisch ist

23.5.2012 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken

''Liebe'' von Michael Haneke

''Liebe'' von Michael Haneke

In den zwölf Tagen eines Filmfestivals prasseln die Filmeindrücke auf die Berichterstatter ein, überlagern sich. Doch auch nach vollgepackten Tagen fanden die Gedanken immer wieder zu Michael Hanekes "Liebe" zurück. Das Kammerspiel mit den beiden französischen Altstars Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant wirkte nach, war großer Favorit und schließlich Gewinner der Goldenen Palme. Der Film zeigt die beiden als Musikprofessoren-Paar Anne und Georges, das am Ende ihres gemeinsamen Weges und ihrer lebenslangen Liebe angelangt ist. Anne hat erst einen, dann noch einen Schlaganfall und baut körperlich zunehmend ab, während ihr Mann seine letzten Kräfte zusammennimmt und sie pflegt. "Hat man erst einmal ein bestimmtes Alter erreicht, wird man zwangsläufig damit konfrontiert, dass Menschen leiden, die man liebt", erklärte Haneke seine Motivation für seinen Film, der die letzten Wochen und Tage der alten Liebenden bis zum Tod völlig entsentimentalisiert, ja mit formaler Strenge beobachtet.

Die Liebe und das Kino

Ganz Cannes schien in diesem Jahr von der Liebe zu träumen: Ob zur rauen Prohibitionszeit in John Hillcoats blutiger Schnappsbrenner-Story "Lawless" bis zu Lee Daniels im 70er-Jahre-B-Movie-Style inszenierten "The Paperboy" mit seinem Wahnsinnsgeflecht aus Liebes-Wirrwarr und Killerthriller in den schwülen Sümpfen Floridas. Zwei Filme über die ersten Lieben setzten dabei die Klammern um die diesjährige Palmenkonkurrenz: Wes Anderson eröffnete das Festival mit "Moonrise Kingdom", einer kontrolliert verspielten und mit einer Flut an hinreißenden Details inszenierten Lovestory zwischen einem zwölfjährigen Pfadfindernerd mit großer Brille und einem gleichaltrigen Mädchen, das mit ihren schwarz umrandeten Augen äußerst melancholisch in die Welt blickt. Und als letzter Film im Wettbewerb wurde mit "Mud" der neue Film von "Take Shelter"-Regisseur Jeff Nichols gezeigt, der einem Abenteuer zweier Jungs am Mississippi-Delta folgt. Tom Saywer und Huckleberry Finn stecken darin, "Stand By Me" und ein bisschen mehr Hollywoodkino, als man es bei diesem Regisseur bislang gewohnt war. Nicols plädierte nach der Projektion für "die Suche nach einer Liebe, die funktioniert".

Damit stand sein Film nicht allein. In Ulrich Seidls österreichischem Wettbewerbsbeitrag "Paradies: Liebe" suchen weiße Touristinnen die Liebe in Kenia, wo auf dem unwirklich weißen Sandstrand die schwarzen Callboys auf Zuruf warten. Liebe ist hier käuflich, auch für die füllige, 50-jährige Teresa, auf ihrem Liebestrip ins Urlaubsidyll. Während Seidl den Sextourismus in seiner Tristesse und als System beidseitiger Ausbeutung und beidseitigen Profitierens zeigt, bewegt sich sein Film einmal mehr an der Schnittstelle von dokumentarisch anmutender Beobachtung, sarkastischer Realsatire und bitterer Gesellschaftskritik. Allerdings schafft er es mit Ausnahme weniger Szenen nicht, eine ähnliche Drastik zu entwickeln wie "Hundstage" oder "Import/Export".

''The Angels' Share'' von Ken Loach

''The Angels' Share'' von Ken Loach

Das Orakel der Jury

So unumgänglich die Goldene Palme für "Liebe" schien, so rätselhaft wirkte manch andere Entscheidung der Jury. Der abgehobene, absurde und herrlich waghalsige Filmwahnsinn von Leos Carax' "Holy Motors" blieb völlig unbeachtet. Und das schnörkellos geradlinige, aber starke Erzählkino von Jacques Audiards unwahrscheinlicher Liebesgeschichte "Rust & Bones" ebenso. Stattdessen erhielt "Gomorrah"-Regisseur Matteo Garrone für seine laue Mediensatire "Reality", in der sich ein Fischverkäufer im Traum vom Einzug ins Big-Brother-Haus verliert, den Großen Preis der Jury. Und Ken Loach, schon zum rekordverdächtigen elften Mal im Wettbewerb, bekam für "The Angels' Share" bereits seinen dritten Preis der Jury. Ob die Jury vielleicht froh war, nach vielen düsteren, spröden und anstrengenden Stoffen in der Palmenkonkurrenz endlich einmal etwas zum Lachen zu haben? Denn eigentlich handelte es sich um einen sehr schlichten Film über ein Grüppchen kleinkrimineller Whiskydiebe aus rauen Glasgow-Verhältnissen, mit dem Loach sein soziales Anliegen in harmlosen Feelgoodoptimus verpackte.

Männer in der Regie, Frauen in der Schauspielerinnen-Liga

Wie Loach sind auch die meisten anderen Preisträger, die trotz starker US-amerikanischer Präsenz mit fünf Beiträgen im Wettbewerb vertreten waren, nicht zum ersten Mal ausgezeichnet worden. Der Mexikaner Carlos Reygadas, für "Stellet Licht" noch mit dem Jury-Preis geehrt, fuhr dieses Mal mit dem Regiepreis für sein unzugängliches Familiendrama "Post Tenebras Lux" nach Hause. Und der Rumäne Cristian Mungiu hat nach seiner Goldenen Palme für den Abtreibungsfilm "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" nun für sein dichtes Kloster-Exorzismus-Drama "Beyond the Hills" nicht nur den Preis für das beste Drehbuch bekommen. Seine Schauspielerinnen teilten sich den Darstellerinnenpreis.

Die Frauen liebte das Cannes-Festival ohnehin. Ob Nicole Kidman als aufgedonnertes White-Trash-Knasti-Liebchen in "The Paperboy", Marion Cottilard als Orka-Trainerin in "Rust & Bone", die nach der Amputation ihrer Beine zurück ins Leben findet, oder Kristen Stewart in Walter Salles' seltsam leerer Kerouac-Adaption "On the Road". Filmemacherinnen allerdings suchte man im Wettbewerb vergebens – und gegen diese reine Männerveranstaltung regte sich im Vorfeld bereits Widerstand. In der französischen Zeitung Le Monde machte die feministische Gruppe La Barbe mit einem sarkastischen Artikel darauf aufmerksam. Was auch immer wir tun, hieß es da, wir dürfen junge Mädchen nicht auf die Idee kommen lassen, dass sie eines Tages als Regisseurinnen Filme drehen und die Festivalstufen emporsteigen könnten – außer am Arm eines charmanten Prinzen! 22 Cannes-erprobte Männer erhielten den Vorrang, mit vielen großen Namen darunter, die aber längst nicht immer große Filme zeigten.

Sascha Rettig

Fotos: © Festival de Cannes/Verleih



Glamourös wie das Festival, die Website dazu: die internationalen Filmfestspiele in Cannes




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