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Auf den zweiten Blick

Kritische Kunst gefällt Machthabern meist gar nicht

28.5.2012 | Andreas Pankratz | Kommentar schreiben | Artikel drucken

''An Epoch of Clemency'', Blue Nose Group

''An Epoch of Clemency'', Blue Nose Group

Zwei männliche Polizisten in Uniform stehen im verschneiten russischen Birkenwald. Sie fassen sich gegenseitig an die Hintern und küssen sich innig. Die sibirische Gruppe "Blue Noses" hat dieses Motiv für eine Fotografie inszeniert – als Protest gegen Homophobie und die Gewaltexzesse russischer Sicherheitsbehörden. Für die Fans der Gruppe ist das Kunst. "Eine Schande für Russland", nannte es dagegen der damalige Kulturminister Alexander Sokolov, nachdem das Bild gemeinsam mit anderen provokanten Werken im Moskauer Sacharow-Museum gezeigt worden war. Dem Museums-Direktor und dem Kurator brachte ihr Mut große Aufmerksamkeit im In- und Ausland, aber auch einen Prozess und hohe Geldstrafen.

Die Verantwortlichen wussten schon, warum sie die Ausstellung "Verbotene Kunst" genannt haben. Wie "demokratisch" das flächenmäßig größte Land der Erde ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Künstler aber haben es auch in der post-sowjetischen Ära schwer, wenn sie in ihren Werken oder durch ihre Aktionen Politik und gesellschaftliche Missstände anprangern. Meinungsfreiheit ist kein Grundrecht, das sie vor der Justiz, Willkür und Gewalt der Mächtigen schützt. Und doch trauen sich Maler, Bildhauer und Performance-Künstler in Russland immer wieder Zeichen der Ablehung in die Öffentlichkeit zu tragen. Auch in vielen anderen Ländern, wo autoritäre Regime das Sagen haben, trotzen bildende Künstler widrigen und gefährlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, um in ihren Werken systemkritische Inhalte zu transportieren.

Yescka

Yescka

Mit Irokesenschnitt gegen das Unrecht

In der Stadt Oaxaca im Süden Mexikos stellt eine Reihe junger Kreativer ihr Können in den Dienst des Protestes. Statt in Galerien und Museen auszustellen, nutzt die Gruppe Asaro dabei die Straßen und Plätze der Stadt als Leinwand. Ihre Street Art ist ein Medium, um die aktuellen sozialen und politischen Probleme zu reflektieren, sagt Yescka, eines der aktivsten Mitglieder des Kollektivs. Die Funktion der Wandbilder sieht er darin, vor Ort über das brutale Tagesgeschehen und Korruption aufzuklären. Dort, wo sie jeder sehen kann. "Ich bin beeinflusst durch mein Leben in Mexiko, das geprägt ist von der Gewalt, die durch den Krieg gegen die Drogenkartelle gesät wurde", sagt der 26-Jährige. „Ich spüre die Verantwortung, mit meiner Kunst eine kritische Botschaft zu vermitteln.“

Dabei bildet Asaro Motive ab, die zum kulturellen Erbe mexikanischen Kultur gehören. Auf vielen Gemälden sind in stilisierter Art die berühmte Malerin Frida Kahlo sowie Emiliano Zapata zu sehen, den Mexikaner als Anführer der Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts kennen. Yescka setzt den Ikonen des Widerstands noch eine Krone auf – genauer gesagt: einen Irokesenschnitt. Durch die schnittige Frisur werden die etwas angestaubten historischen Figuren zu modernen Rebellen und zum Aufruf an die Jugend, die um sich greifende Kriminalität und die Tatenlosigkeit der Politik nicht hinzunehmen. Anspielungen auf konkrete Morde und die Täter sind ebenfalls Gegenstand der Malerei.

Doch der Einsatz ist riskant. Denn die Mächtigen wehren sich auch schon mal dagegen, an den Pranger gestellt zu werden "Es ist definitiv gefährlich", sagt Yescka. "Vor allem weil es in Mexiko kein verlässliches Justizsystem gibt. Das ist einer der Gründe, warum tausende Menschen einfach verschwinden und nie wieder gesehen werden." Deshalb arbeitet er in der Öffentlichkeit nur maskiert.

Durch die Zusammenarbeit mit einem deutschen Galeristen bekommt die Gruppe immer wieder die Möglichkeit, hierzulande ihre Arbeit zu präsentieren. Dann kombinieren sie ihre Ausstellungen mit Musik und sprayen ihre politischen Straßenbilder in einer Art Performance live vor Publikum. "Es soll ja auch Spaß machen und den Menschen eine Inspiration geben, selbst aktiv zu werden", sagt Yescka. Zumindest im Internet bleiben diese flüchtigen Momente des Austauschs erhalten und erreichen über Youtube und andere Video-Plattformen ein noch größeres Publikum.

Parastou Forouhar

Parastou Forouhar

Systemkritik auf den zweiten Blick

Ganz anders sieht subversive Kunst in der muslimischen Welt aus. Gerade der Iran ist ein gutes Beispiel für eine lebendige und gesellschaftskritische Szene. "Es entstehen dort immer mehr Ausstellungsräume und Galerien", sagt Parastou Forouhar. In Teheran geboren besuchte sie dort eine staatliche Kunstakademie, bevor sie 1992 für ein Aufbaustudium nach Offenbach zog. Noch immer lebt sie in Deutschland, fährt aber jedes Jahr in ihr Heimatland. Sie weiß, was Kunst im Iran darf und was nicht.

Der schöpferische Tatendrang ist dort wie in anderen muslimischen Ländern traditionell vielen Schranken unterworfen. Politische Inhalte, Nacktheit, parodierte Geistlichkeit sind tabu. Die hierzulande umstrittenen Mohammed-Karikaturen wären dort undenkbar und sicher ein Anlass, den Verantwortlichen für mehrere Jahre hinter Gitter zu stecken. Die Stilmittel der iranischen Künstler sind da viel subtiler und passen sich dem Druck des Regimes durch eine Art spielerische Selbstzensur an. "Die Kollegen im Iran drücken sich auf indirekte Weise aus", sagt Forouhar. Egal wie, Hauptsache sprechen, ist die Devise der Künstler. Dabei nutzen sie Symbole und Metaphern und verschlüsseln ihre Botschaft, damit die Agenten des Regimes die Kritik nicht bemerken. Zwar seien auch schon viele Künstler wegen ihrer Arbeit inhaftiert worden, erzählt Forouhar. "Die meisten werden aber in Ruhe gelassen, um der Systemkritik nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu geben", sagt sie. Verbote von Ausstellungen sind aber an der Tagesordnung.

Das ist auch Parastou Forouhar schon passiert, als sie zum ersten und letzten Mal im Jahr 2002 in Teheran ausstellen wollte. Das verwundert nicht, schließlich hatte die 49-Jährige vor, in einer Rauminstallation Abschriften aus Akten zu zeigen, die präzise den Mord an ihren Eltern dokumentieren. Mutter und Vater wurden 1998 vermutlich vom iranischen Geheimdienst getötet, weil sie für ein demokratisches System in dem totalitären Staat gekämpft haben. Gewalt und der Verstoß gegen Menschenrechte ist spätestens seit diesem Verbrechen ein wesentliches Thema Forouhars Kunst.

Ein Schmetterling mit Horror-Muster

Eines ihrer jüngsten Werke trägt den Namen "Papillon Collection" – eine Antwort auf die gescheiterte Revolution von 2009. Auf den ersten Blick zeigt die Bilderreihe bunte Schmetterlinge, geht der Betrachter näher ran, offenbart sich der ganze Horror. Die Falter setzen sich zusammen aus Menschen mit einem Fadenkreuz auf der Brust, aus Gefängnisinsassen, aus Gesteinigten. Die Malerin und Konzept-Künstlerin provoziert den zweiten Blick und entlarvt alles Ornamentale der islamischen Kultur als Ästhetik der Unterdrückung. Denn all die Arabesken, all die orientalische Schönmalerei zeugen nach Forouhars Auffassung von einem totalitären Menschenbild, in dem das Individuum keinen Wert hat.

Sie kann keinen politischen Wandel in ihrer Heimat anstoßen, das ist ihr klar. "Aber ich kann Räume öffnen, um Vorstellungen über den Iran und seine Kultur zu überdenken", sagt die Wahl-Frankfurterin. Damit sind vor allem die westlichen Kunstrezipienten gemeint, die sich nach ihrer Erfahrung zu häufig nicht für das politische und ästhetische Potential der zeitgenössischen Kunst im Iran interessieren. Sie würden von iranischen Malern, Bildhauern oder Filmemachern oftmals keine ehrlichen Werke erwarten, sondern lediglich Klischees des Exotischen.

Andreas Pankratz ist Volontär der Bundeszentrale für politische Bildung.

Foto oben: © Blue Noses Group, courtesy of DIEHL Berlin/Moscow

Foto Mitte: © guerilla-art.mx

Foto Unten: © Parastou Forouhar








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