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Wahrheit und Zensur

Wie die Bilder um die Welt gehen

16.5.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Die Feder sei mächtiger als das Schwert, schrieb vor knapp zweihundert Jahren der britische Literat Edward George Bulwer-Lytton. Der Satz besitzt im Informationszeitalter weiterhin Gültigkeit, auch wenn das Bild dem Wort als wirkungsmächtigstes Werkzeug ernsthaft Konkurrenz macht. Ein medialer Paradigmenwechsel zeichnet sich ab: Die Verbreitung technischer Hilfsmittel hat in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, die traditionellen Machtverhältnisse der Bildproduktion auf den Kopf zu stellen. Was lange ausschließlich etablierten Medien vorbehalten war, Berichterstattung und Informationsaustausch, ist heute im Grunde jedem Besitzer eines Smartphones oder einer handlichen Digitalkamera möglich. Nie war es leichter, ein Bild innerhalb von Minuten um die Welt zu schicken.

YouTube und die Wahrheitsfindung

Diese Demokratisierung der Technologie hat sich auch auf die kreativen Strategien des politischen Protestes ausgewirkt. Filmemacher und Politaktivisten bedienen sich der Neuen Medien, um die Demokratiebewegungen in ihren Ländern zu unterstützen. Die syrische Regisseurin Hala Al Alabdallah hat kürzlich im Rahmen einer Berliner Podiumsdiskussion zu den gesellschaftlichen Umbrüchen in Syrien erklärt, dass YouTube eine neue Generation von Filmemachern hervorgebracht habe, die mit ihren Handys den Freiheitskampf fortsetzen. Sie produzierten "radikale Autorenfilme, die unter Lebensgefahr entstehen."

Bildmedien als politisches Instrument

Dass Filmemacher in totalitären Systemen ihre Leben aufs Spiel setzen, unterstreicht, welche Bedeutung den Bildmedien zukommt. Das gilt gleichermaßen für die traditionelle Filmkunst. Im Iran sind Filmemacher wie Jafar Panahi, Asghar Farhadi, Abbas Kiarostami, der mittlerweile nach Frankreich ausgewanderte Mohsen Makhmalbaf, Bahman Ghobadi oder Rafi Pitts seit der gescheiterten Grünen Revolution vor zwei Jahren massiven Repressalien ausgesetzt. Der "Arabische Frühling" wiederum war im vergangenen Jahr eine machtvolle Demonstration dafür, wie sich die Demokratiebewegungen in der arabischen Welt die neuen Möglichkeiten der Bildproduktion zu Nutze machen.

Schriftzug an der Tate Modern Gallery, London 2011

Schriftzug an der Tate Modern Gallery, London 2011

Ai Wei Wei als Markenzeichen für freiheitliches Denken

Eine dokumentarisch-journalistische Arbeitsweise hat gegenüber der künstlerischen Praxis den Vorteil, dass sie inzwischen fast jedem zugänglich ist. Ein Kunstwerk ist noch immer von Materialverfügbarkeit, Geldgebern, Institutionen und nicht zuletzt von Vertriebswegen abhängig. Diese Wege können lang sein, sie bedeuten zudem gewaltige logistische Anstrengungen. Das Kino ist ein riesiger Apparat, der nur schwerfällig auf aktuelle Entwicklungen reagiert und allein schon durch hohe Produktionskosten viele Künstler und Aktivisten ausschließt. Gleichzeitig profitiert es aber von dieser Trägheit, da der zeitliche Abstand zu den Ereignissen mehr Raum für tiefergehende Analysen ermöglicht. Das Kino bleibt ein Massenphänomen. Es wird nicht nur im Iran als Bedrohung angesehen, da Filmemacher als Intellektuelle über eine gesellschaftliche Autorität verfügen und ihre Filme international Beachtung finden.

Szene aus ''Offside'' von Jafar Panahi

Szene aus ''Offside'' von Jafar Panahi

Totgeschwiegen?

Der Regierung sind kritische Regisseure ein Dorn im Auge. Als Anfang des Jahres Asghar Farhadis Scheidungsdrama "Nader und Simin" mit dem ersten Oscar für das iranische Kino ausgezeichnet wurde, sagten die Behörden die Feierlichkeiten kurzfristig ab. Farhadi thematisiert in seinem Film die gesellschaftliche Ungleichheit der Frauen und die ausgeprägte Sehnsucht vieler Iraner, ihr Land zu verlassen. Die Botschaft kam auch bei den Regierenden an. Andere iranische Filmschaffende sind in den vergangenen Jahren für weit geringere Vergehen bestraft worden. Die Schauspielerin Marzieh Vafamehr wurde im letzten Jahr zu neunzig Peitschenhieben verurteilt, weil sie in dem australischen Film "My Teheran for Sale" in einer Szene ohne Kopftuch auftrat. Das Urteil wurde später revidiert.

Filmmakers – in Prison

Anfang des Jahres startete die Deutsche Filmakademie als Reaktion auf die Verurteilung des iranischen Regisseurs Jafar Panahi zu sechs Jahren Gefängnis und zwanzig Jahren Berufsverbot, die Kampagne “Filmmakers in Prison”, um auf die Situation von Filmschaffenden aufmerksam zu machen, die aufgrund ihrer politischen Weltanschauung im Gefängnis sitzen oder staatlichen Repressionen ausgesetzt sind. Panahi war verurteilt und mit belegt worden. Da Panahi mit seinen gesellschaftskritischen Filmen "Der Kreis", "Crimson Gold" und "Offside" über internationales Renommee verfügt, wurde er in den westlichen Medien schnell zu einer Art Märtyrer auserkoren: als Sinnbild für den Umgang des iranischen Regimes mit kritischen Stimmen im eigenen Land. Ganz ähnlich erging es im letzten Jahr dem chinesischen Künstler Ai Wei Wei, dessen Inhaftierung eine weltweite Protestwelle auslöste. Von Ai Wei Wei stammt die Aussage, er sei sein eigenes Markenzeichen. So funktioniert Protestkunst: Der Künstler verleiht der Revolution – freiwillig oder unfreiwillig – sein Gesicht und gewinnt im Gegenzug an Popularität und Prestige.

Filmschmuggel

Panahi erklärte in einer Stellungnahme, für ihn als Filmemacher komme das Berufsverbot, das die iranischen Behörden über ihn verhängt haben, einem Selbstmord gleich. Er übernehme mit seiner Arbeit soziale Verantwortung, um die Lebensumstände der Menschen im Iran zu verbessern und auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. Aufgrund der verstärkten Zensurmaßnahmen der iranischen Behörden müssen sich iranische Filmemacher immer neue erzählerische, aber auch unbürokratische Strategien einfallen lassen, um ihre Kritik in ihren Filme zu lancieren. Im vergangenen Jahr gelang es Panahi, aus dem Hausarrest heraus einen Film auf einem USB-Stick nach Cannes zu schmuggeln, wo er in einer Sondervorführung Premiere feierte. "This is not a Film" ist eine Art Videotagebuch, gefilmt von einem befreundeten Regisseur, in dem Panahi seine Situation im Arrest beschreibt und schließlich sein verbotenes letztes Drehbuch mit sich als einzigem Darsteller nachzuspielen beginnt. Er nannte "This is not a Film" einen "Versuch".

Bilder und Wörter, die um die Welt gehen

Eine andere Form der kritischen Bildproduktion war im vergangenen Jahr während des "Arabischen Frühlings" zu beobachten. Damals lieferten Filmemacher, Demonstranten, Blogger und politische Aktivisten der Weltöffentlichkeit Bilder von den Ereignissen in den Straßen von Tunis, Tripolis und Kairo. Sie formierten eine Gegenöffentlichkeit, die der jahrelangen Propaganda, der eigenen wie auch der westlichen Medien, Informationen aus erster Hand entgegensetzte. Die Dokumentation “Althawra ... Khabar” (Reporting … Missing) über den Volksaufstand in Ägypten, die auf der diesjährigen Berlinale im Rahmen eines Sonderprogramms aufgeführt wurde, thematisiert ein anderes Problem, mit dem Filmemacher wie Berichterstatter in Kriegsgebieten zu kämpfen haben: die Frage von Objektivität versus Subjektivität – aktive Teilnahme oder distanzierte Beobachtung.

Die Dokumentation beschreibt die Arbeit von sechs Online-Journalisten, die jede auf ihre Weise an dem Aufstand teilnahmen. Einer der Reporter warf sich mit der Kamera mitten in die Straßenschlachten mit dem Militär, um der Welt die tödliche Gefahr, der sich die Demonstranten bewusst aussetzten, zu vermitteln. Die Journalistin Shaimaa Adel zog sich dagegen auf das Dach eines nahegelegenen Hotels zurück, um aus sicherer Entfernung von den Protesten zu berichten. Adel litt wochenlang unter Alpträumen, weil sie hilflos mit ansehen musste, wie Menschen von Panzern überrollt wurden: "Ich fühlte mich in meiner Rolle als Journalist nutzlos!" Es waren jedoch die Bilder ihres Teams, die die Weltöffentlichkeit erreichten und vom Ausmaß der Proteste berichteten. Die Passivität der Reporter war der Preis, den sie für ihre Bilder zahlten. Das Informationszeitalter zeigt mehr denn je: Ohne mediale Bilder findet eine Revolution im Bewusstsein der Öffentlichkeit schlichtweg nicht statt. Die Bilder des "Arabischen Frühlings", die Bilder der Guerilla-Journalisten wurden am Ende doch wieder von den traditionellen Fernsehsendern in der Welt verbreitet.

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.

Foto oben: CC-BY-SA

Foto mitte: Verleih

Foto unten: Berlinale 2012



Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema "Arabischer Frühling"




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