21.30 Uhr, ein U-Bahnhof im Berliner Stadtteil Wedding, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Zusammen mit etwa 100 anderen jungen Menschen warte ich auf das Zeichen: zehn Minuten Fußmarsch durch Wohngebiete, quer über einen riesigen Parkplatz, hinein in eine Fabrikruine. Unter mir knirschen Glasscherben, es riecht nach Vergangenheit. In einer Halle umgestülpte Plastikmülleimer, die als Stühle dienen. Gleich wird "The Texas Chain Saw Massacre" über "Werner's Leinwand" laufen.
Werner Kantor, 32, gebürtiger Bayer und jetzt Wagenburgler aus Berlin-Lichtenberg, versucht seit 2008, mit seinem Nomadenkino den Lebensunterhalt zu verdienen. Drei, vier Tage die Woche ist er mit einem umgebauten Leiterwagen unterwegs, auf dem er seinen 35mm-Projektor und seine Filmkopien stapelt, zu Fuß oder per U-Bahn, kreuz und quer durch Berlin. Im Kater Holzig, einem Szeneclub in Berlin-Kreuzberg, und im Tacheles, einem von Künstlern besetzten Haus in Berlin-Mitte, oder im N.K., einer Fabriketage in einem Neuköllner Hinterhof, macht Werner Kino. Werner finanziert sein Kino nicht über Fördergelder. Um die fünf Euro kostet die Karte, nach den wöchentlichen Kosten für das Ausleihen der Kopie mit etwa 170 Euro bleibt ihm gerade genug, um in seiner Wagenburg zu überleben. Werner träumt davon, sein altes Mercedes-Wohnmobil zu schweißen und schick zu machen, um mit ihm und seinem Projektor auf Weltreise zu gehen.
Der Verein Moviemiento entstand aus einem Seminar der Kulturwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Die erste Tour des "On the Road"-Festivals organisierten die Studenten, unter anderen der Geologe Sven – er möchte nicht für sich sprechen, denn er begreift sich ganz und gar als Teil des Kollektivs – mit einem alten Mercedes-Bus quer durch Holland, Frankreich, Spanien und die Schweiz. Einen Monat lang fuhr der Bus von Ort zu Ort mit einem 90-minütigen Kurzfilmprogramm. 2005 startete die "Ost-Europa-Tour" durch Polen, Ungarn, Kroatien, Tschechien, Italien, Österreich, Frankreich und Spanien – gefördert durch die Initiative "Jugend in Europa", wie viele der anderen Touren danach auch. Für die dritte Tour charterte Moviemiento für mehr als zwei Monate ein 35 Meter langes Segelschiff mit kleiner Besatzung auf dem baltischen Meer, um an ausgewählten Häfen zur Open-Air-Projektion anzudocken. Im Programm: "Stories from the Seaside", die unter anderem in Rostock, Danzig, Kaliningrad, Riga und St. Petersburg zu sehen waren, wie immer bei freiem Eintritt. Das Mammutprojekt "Moving Baltic Sea Festival" wurde von freiwilligen Helfern zwei Jahre lang vorbereitet und hatte insgesamt ein Budget von 360.000 Euro.
Zum zwanzigjährigen Jubiläum des Mauerfalls organisierte Moviemiento eine Radtour entlang der Oder-Neiße-Grenze. Die Technik fuhr im "Kinomobilny" – einem alten DDR-Wohnwagen, Modell "Intercamp Oase" – voraus. Das Team, Freunde und Fans folgten auf dem Fahrrad. Drei Wochen lang überquerten sie die Grenze, mit neun Kurzfilmen im Gepäck: von Görlitz nach Boxberg, von Boxberg nach Zary, von dort nach Beeskow bis nach Swinoujscie. Die "Cinecitta Tour" 2010 gar führte die Moviemiento-Crew durch Peru, Ecuador und Bolivien. Sie stand ganz im Zeichen des "Blicks der Frau". Neben thematischen Screenings, die teilweise in luftiger Höhe von 4.000 Metern stattfanden, wurden Workshops für Mädchen und Frauen angeboten, bei denen sieben Kurzfilme entstanden, gedreht und besetzt von Frauen und Mädchen, die noch nie mit einer Kamera zu tun hatten.
Città Aperta nach dem Film "Roma, città aperta" von Roberto Rossellini, das sind vier ehrenamtliche Kurzfilmfans, Fabian Eckert, 29, Eva Sperschneider, 27, Samuele Maniscalco, 24, und Hartmut Burggrabe, 34, die mit Beamer und DVD die Hauswände bunt erstrahlen lassen. Thema ihrer ersten Wanderung, bei der neun Filme aus aller Welt gezeigt wurden, war "das Reisen". Gut 150 Leute schwirrten deshalb durch den vielseitigen Stadtteil Neukölln, an dem sechs unterschiedliche Orte bespielt wurden – darunter ein Park, eine alte Scheune, ein Parkplatz und eine Kinopassage. Freundliche Nachbarn sorgten für Strom, der mittels Verlängerungskabel angezapft wird. Ganz besonders freute sich eine ältere Türkin, als sie ihre Geburtsstadt Istanbul in "Gehsteige – Ein Besuch in Istanbul" entdeckte. Mehr Kino an ungewöhnlichen Orten wird sicher bald auch in eurer Nähe stattfinden – unten stehende links geben mehr Information.
Nana A.T. Rebhan dreht ihren nächsten Film über das Touristenaufkommen in Berlin: "Welcome, Good-Bye".
Foto oben: © Nomadenkino.de
Fotos mitte: © Nadja Bülow, Moviemiento e.V.
Foto unten: © Cittá Aperta
Moviemiento wird 2012 sein Temporary Home zeitgleich zur Documenta in Kassel beziehen.
www.cittaaperta2011.wordpress.com
Hier könntet ihr eure Filme zum Thema "Schatten und Lichter" bis zum 31.5.2012 einreichen.
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