Ilaria Hoppe
Was ist Kunst im öffentlichen Raum? Im ersten Teil unseres Gesprächs mit der Kunsthistorikerin Ilaria Hoppe geht es um Denkmäler, seltsame Gummikugeln und Stolpersteine.
Liebe Frau Hoppe, ob Reiterstandbilder oder in Häuserfassaden gesprengte Porträts – seit jeher zeigen Künstler ihre Werke im öffentlichen Raum. Doch was ist Kunst im öffentlichen Raum heute überhaupt?
Ich trenne Urban-Art von Kunst im öffentlichen Raum, weil erstere meist all das ist, was illegal an die Wände der urbanen Gebiete der Stadt angebracht wird, wobei es auch legale Auftragsarbeiten gibt, die von Akteuren aus der Szene ausgeführt werden. Kunst im öffentlichen Raum ist für mich das, was in legalisierte Prozesse eingebunden ist von Auftraggebern unterschiedlicher Seite. Sie ist zudem meist näher an dem dran, was aus dem Kunstestablishment kommt. Von Leuten also, die an Akademien professionell als Künstler ausgebildet worden sind, ihre Arbeit auf einem hohen Reflexionsgrad machen und andere Standards sichern wollen als Leute aus der Urban-Art-Szene.
Wem gehört der öffentliche Raum eigentlich?
Museen zum Beispiel sind öffentliche Räume, obwohl wir dafür Eintritt bezahlen müssen. Viele denken, dass es die Bürger auf der einen Seite gibt und ein Politikestablishment auf der anderen Seite. Eigentlich sollte es so nicht sein. Es ist unser Bundestag, es sind unsere Museen, das gehört uns allen. Es sind unsere Universitäten, wir haben einen Anspruch darauf.
Wie hat sich Kunst im öffentlichen Raum im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt?
Nach 1945 gab es mit "Kunst am Bau" eine erste Welle von Kunst im öffentlichen Raum, die geprägt war von staatlicher Lenkung und Förderung. Ab den 1960er-Jahren entstand durch die gesellschaftliche Politisierung ein heftiger Diskurs über diese umstrittene Sphäre, weil vereinheitlichende Platzensembles mit Denkmälern, die allzu sehr der Tradition des 19. Jahrhunderts verpflichtet schienen, als nicht mehr zeitgemäß empfunden wurden. Man begann, den ganzen Stadtraum für die Künste zu öffnen. Neue Vorstöße blieben erst im Gewand der zeitgenössischen Kunst, polarisierten jedoch heftig. Berühmte Beispiele sind die "Nana"-Figuren von Niki de Saint-Phalle und Richard Serras monumentalen Skulpturen für öffentliche Räume. Bis in jüngste Zeit sind moderne und zeitgenössische Skulpturen zerstört, geteert und gefedert worden. Wie der "Houseball" – eine seltsame Gummikugel – von Claes Oldenburg an der Friedrichstraße in Berlin. Das sind Werke, die häufig keinen Anschluss finden an den sie umgebenden Stadtraum. Daher sind mit der Zeit andere Projekte entstanden, die ortsspezifischer und näher am Bürger sind.
Heute haben junge Künstler den öffentlichen Raum erobert, machen ihn zu ihrer Bühne. Welche aktuellen Werke dieses Kunstgenres faszinieren Sie?
Faszinierend finde ich "Trichter", die neue Arbeit der Berliner Künstlerin Franka Hörnschemeyer in Dresden. Von einem geschwungenen Betontrichter aus führt eine Treppe hinab zu einem großen Sichtfenster, durch das man die aus dem Jahr 1870 stammende und noch immer funktionierende Kanalisation sehen kann. Ein spannender Blick in den Bauch dieser Stadt.
Weiter faszinieren mich die monumentalen Reliefs von Vhils, einem neuen Star der Urban-Art. Der Portugiese sprengt seine Porträts in Hauswände. Mit Bohrer und Meißel erweckt er abweisende Mauern zum Leben. Er porträtiert Prominente, wie Sven Marquart, den Türsteher des Berghain an einer Brandwand in Schöneberg. In Stein gearbeitete Portraitköpfe. Nicht temporär und hoch ästhetisch.
Welche Funktion hat Kunst im öffentlichen Raum heute?
Während Plastiken oder Installationen Stadtzentren visuell und touristisch aufwerten können, dienen sie noch immer häufig als Denkmale, die an historische Geschehnisse erinnern. Das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten etwa zeigt raffinierte Mahnmals-Kunst: Im Inneren des Betonkubus steckt ein auswechselbares Video. Ebenso überzeugend finde ich die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig sowie das Denkmal für die Bücherverbrennung am Bebelplatz. Bei diesen Beispielen hat der Stein wirklich die Funktion eines Denk-Mals.
Wie das Holocaust-Mahnmal in Berlin ....
Ästhetisch finde ich es wunderschön, vor allem die Lichtreflexe in den einzelnen Stelen. Nur, was ist da passiert? An diesem Bau ist eine Meile mit Bratwurstständen gebaut worden. Wie kann man so etwas tun? Die unterirdisch gelegene Gedenkstätte mit Informationen erfüllt ihren Zweck, die Stelen und ihre Umgebung aber sind gescheitert an ihrem Anspruch, an den Holocaust zu erinnern. Touristen fotografieren fröhlich darin herum. Die höchste Qualität ist es, wenn ein Kunstwerk es schafft, ästhetisch mit den Mitteln seiner Zeit zum Nachdenken anzuregen.
Im zweiten Teil unseres Interviews geht es um den Boom der Street Art, den Do-it-yourself-Charakter vieler Arbeiten und den Kult um Banksy.
Interview & Fotos: © Vera Rüttimann
Foto oben: Ilaria Hoppe im Foyer der Humboldt Universität.
Foto unten: Modell des Bunkers an der Reinhardtstraße, wo sich der Street Art Künstler XOOOOX verewigt hat.
Erinnerungsorte, Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote – zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo es welche Erinnerungsorte gibt, steht in der Datenbank der Bundeszentrale für politische Bildung.
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