Zur Kunst im öffentlichen Raum in einem ganz allgemeinen Sinn zählt auch die Street Art oder Urban Art. Der Mix aus Architekturkritik, Design und Kunstperformance verschmilzt zu immer neuen Ausdrucksformen. Im zweiten Teil unseres Gesprächs mit der Kunsthistorikerin Ilaria Hoppe spüren wir dem Boom der Street Art nach und sprechen über geklebte Bilder, Licht-Graffitis, LED-Arbeiten und Strick-Guerillas.
Liebe Ilaria Hoppe, warum boomt Street Art gerade in Berlin?
Swoon, Berlin Kreuzberg
Seit der Wende gab es in Berlin die besondere Situation eines flächendeckenden Leerstandes, der von den urbanen Subkulturen erobert wurde. Vor allem die Zeit zwischen 2000 und 2005 empfand ich als eine ganz besondere Phase in Berlin, in der verschiedene subkulturelle Bewegungen aufeinandertrafen: Die boomende Club- und Techno-Szene, die als erste ungenutzte Gebäude und Brachen nutzte, traf auf Street-Art-Künstler, die diese Orte ebenfalls als Gestaltungsflächen entdeckten. In diesen Jahren waren in mehreren Feldern urbane Avantgarden aktiv, wie wohl sonst nirgendwo sonst auf der Welt. Zudem lockten Street-Art-Festivals wie "Backjumps" Stars der Szene wie BLU, SWOON oder POINT nach Berlin. Während Kunst ansonsten starr in Museen hängt, wurde hier die Straße zur Leinwand. Die Street Art war etwas, was mich so berührt hat wie kaum etwas davor.
In welcher Weise hat Street Art sich technisch und gestalterisch verändert?
Neben Sprühbildern mit Schablonen, Stickern, an die Wand oder Stromkästen geleimte riesige Scherenschnitte (Cut-Outs) und Figuren in der Stadt tauchen ständig neue Formen auf. Neu und faszinierend sind "Licht-Graffitis", LED-Arbeiten und Strick-Guerillas. Bei den Urban-Interventions finde ich Brad Downey spannend. Der Amerikaner füllt Telefonzellen mit Luftballons oder bemalt Autos und Schnecken. Mark Jenkins wiederum postiert lebensgroße Figuren in irritierenden Haltungen in der Stadt. Einmal ließ er den Kopf einer Figur im Beton verschwinden. Kreative Grenzen gibt es keine. Interessant finde ich auch die Idee der künstlerischen Stadtrundgänge. Sie gehen zurück auf ein erstes Traktat von 1802 namens "Spaziergangswissenschaften". Interessierte werden dazu eingeladen, auf einer Tour durch die Stadt Kunstwerken nachzuspüren, was die Wahrnehmung von ihr verändert.
Welches Lebensgefühl drückt Street Art heute aus?
Da sind viele Punkte: Zum einen ist Street Art Underground, sie hat subversive Kraft und transportiert einen Do-it-yourself-Charakter. Zum anderen ist da diese Punk-Attitüde: "Wir sind hier und wir ziehen das jetzt durch. Wir haben Spaß an dem, was wir tun!" Es vermittelt ein Gefühl von Selbstermächtigung, Abenteuer und Freiheit, wenn sie im öffentlichen Raum sprayen, kleben und malen. Durch das Zusammensein mit Kreativen aus aller Welt fühlen sich junge Leute zudem selbst zu Künstlern aufgewertet. Es gibt ihnen das Gefühl, es geschafft zu haben. Ohne den Weg durch die Kunstakademien gegangen zu sein. Sie, die Autodidakten oder Studenten, sie, die von der Straße kommen. Das verleiht Glaubwürdigkeit, Authentizität. Ihre temporären und dem Verwitterungsprozess ausgesetzten Werke drücken zudem den schnelllebigen Rhythmus der Großstadt aus, in der sie leben.
Was ist der Antrieb für Street-Art-Künstler, heute mit Klebeeimer, Plakaten und Sprühdosen loszuziehen?
Frei nach dem Motto "Reclaim the street" begehren einige Künstler visuell auf gegen einen von Werbung stark gebrandeten öffentlichen Raum. Andere wollen mit ihren Stencils, Cut-Outs und Stickern auf politische, ironische oder auch abstrakte Weise auf Missstände in der Gesellschaft hinweisen. Wieder andere wollen mit ihren Arbeiten schlicht etwas für ihre Stadt tun. Am Anfang des Street-Art-Booms ging es vielen erst um die Verschönerung ihres eigenen Kiezes. Heute geht es vielen Künstlern auch um das Motiv des Geschenks, an dem alle teilhaben können. Der Gedanke dahinter ist: Der öffentliche Raum soll den Bürgern der Stadt gehören, nicht den Investoren.
Welche Rolle spielt Politik in der Street Art?
Banksy beim Backjumps Festival 2003
Eine bedeutende. Der Franzose JR ist für mich einer der wichtigsten Street-Art-Künstler aus der Gruppe derer, die mit politisch-subversiven Motiven arbeiten. Ich erinnere an seine großformatigen Gesichter auf der israelischen Mauer, die er bei der Performance "Santa's Ghetto Bethlehem 2007" mit Künstlern wie Banksy dort anbrachte. Oder sein Projekt in den Favelas in Brasilien, wo er riesige Augen von Frauen plakatierte. In Paris verklebte er monumentale Fotos von Jugendlichen aus den Banlieus im Innenstadtbereich. Immer wieder bringt er das unterprivilegierte Individuum zurück in das Zentrum einer Stadt. Banksy hat sich hingegen immer sehr stark mit dem urbanen Kontext und dem Kunstestablishment auseinandergesetzt, also eher Kunstpolitik betrieben.
Banksy Dokumentarfilm "Exit through the gift shop" aus dem Jahr 2010 machte Street Art erst richtig populär. Welche Bedeutung hat Banksy für die Kunstwelt? Wird er überschätzt?
Nur vor der Finanzkrise, als seine Schablonenbilder sehr hochpreisig verhandelt wurden, quasi wie alte Meister. Es ist zwiespältig: Während er in der Street-Art-Szene nach wie vor zu den Ikonen zählt, kann ich im Kunstestablishment noch nicht feststellen, wie nachhaltig sein künstlerischer Einfluss ist. Zudem gibt es noch immer etliche Abgrenzungsmechanismen: Man hegt stille Bewunderung für die Freiheiten, die Leute wie Banksy haben, dennoch versucht man in diesen Kreisen weiterhin das "High" und "Low", dem Bereich zwischen Hochkunst auf der einen und angewandter Kunst aus dem Milieu jugendlicher Subkulturen auf der anderen Seite, fortzuschreiben. Im Ideal aber profitieren für mich beide Sphären voneinander und treiben beiderseits die "Ästhetisierung des Alltags" voran.
Die Tate Modern in London holte Street Art 2008 als erste ins Museum. Street Art findet den Weg immer mehr auch in Galerien. Einige Künstler sehen das als Verrat.
Das ist eine schwere Frage. Einerseits sehe ich kein Problem darin, mit Street Art in die Galerie zu gehen. Was mir da jedoch noch fehlt, sind neue, überzeugende Konzepte, die diese Kunst für den Innenraum übersetzen. Auf der Straße hat Street Art einfach eine ganz andere Kraft.
Neulich wurde Street Art sogar schon aus einer Berliner Friedhofsmauer gesägt. Ist Street Art uncool geworden, ja künstlerisch tot?
Noch nicht. Bei Street Art sind die Sportartikelhersteller und die Gamingindustrie zwar ziemlich früh eingestiegen und haben begonnen, gezielt Produkte für diese junge urbane Klientel zu bewerben. Trotz der Kommerzialisierung glaube ich jedoch nicht, dass Street Art tot ist. Dafür sieht man gerade in Berlin noch immer viel zu interessante Arbeiten! Das letzte Wort ist hier längst noch nicht gesprochen.
In Berlin werden immer mehr Stadtteile gentrifiziert. Wo wird die Street Art hinwandern, wenn die gestaltbaren Räume immer knapper werden?
Auch Banksy wurde in London der Vorwurf gemacht, dass er mit seiner Kunst in angesagten Szenevierteln die Gentrifizierung befördere. Die Verdrängung von Kreativen aus Innenstädten ist jedoch längst ein sich ständig wiederholender Prozess in großen Metropolen. Berlin allerdings hätte noch die Chance, seine Innenstadt zu retten. Leider bin ich pessimistisch: Gegen das große Geld haben Street-Art-Künstler kaum eine Chance, weil die Politik aus meiner Erfahrung meist davor einknickt. Die Zentren der Kreativ-Szene heißen momentan Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln. Bald auch Treptow? Die Subkulturen werden in Berlin wohl weiter auf Wanderschaft sein.
Interview: Vera Rüttimann
Fotos: © Sebastian Leyk / Privat
Alles über Street Art mit zahlreichen Bildbeispielen auf Wikipedia
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