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Was eine Leinwand mit Politik zu tun hat

Mit der Philosophin Michaela Ott auf der Suche nach dem Politischen in der Kunst

7.5.2012 | Liz Weidinger | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Für viele Menschen ist Kunst ein schönes Bild oder ein amüsanter Film, sie würden nie auf die Idee kommen, dass das Bild und der Film auch politisch sein können. Dabei denkt Kunst fast immer auch über unsere Gesellschaft und unser Leben nach, findet die Philosophin Michaela Ott. Welchen wichtigen Beitrag Kunst für unsere Gesellschaft leistet und warum sie immer politisch ist, erklärt sie Liz Weidinger im Interview. 

Michaela Ott

Michaela Ott

Frau Ott, was ist Kunst für Sie und welche Aufgabe hat sie in unserer Gesellschaft? 

Kunst trägt mit ästhetischen Mitteln einen wichtigen Teil zu Selbstverständigungsprozessen der Gesellschaft über sich, ihre Lebensformen und Bedeutungszuschreibungen bei. Das heißt, sie denkt mit ihren Werken wie beispielsweise Malerei oder Performancekunst über unsere Gesellschaft nach, lässt uns als Betrachter einen anderen Blick auf das verhandelte Thema werfen und kann dadurch auch neue Entwicklungen anstoßen. Sie steht für sich, stellt sich nicht in irgendeinen Dienst und lässt sich nicht für andere Zwecke, wie beispielsweise Werbezwecke, vereinnahmen. Kunst kann dabei auf viele Weisen gemacht sein, als Roman, als Film, als Malerei. Insgesamt soll sie zur Vervielfältigung unseres Blicks auf die Wirklichkeit beitragen.

In diesem Interview soll es ja um das Politische in der Kunst gehen. Haben Sie ein Beispiel für Kunst, das sie in diesem Zusammenhang besonders interessant finden?

Der Film "Passing Drama" von Angela Melitopoulos schildert die Geschichte griechischer Flüchtlinge im 20. Jahrhundert. Ausgehend von den mündlichen Erzählungen ihrer eigenen Familie erzählt die Künstlerin unter anderem von der Vertreibung ihrer Familie aus Kleinasien oder den Fluchtversuchen ihres Vaters aus der Zwangsarbeit in Österreich im zweiten Weltkrieg. Sie beschäftigt sich also mit wichtigen gesellschaftspolitischen Themen wie Migration und Nation und deren Auswirkungen auf die einzelnen Menschen. Künstlerisch setzt sie das jedoch nicht in einer klassischen Geschichte um, sondern wählt und montiert unterschiedliche Arten von Bildern und Tönen, wodurch die Traumatisierung, die Geschichte der Vertreibung eher als Gefühl vermittelt anstatt detailgetreu dargestellt wird. Das Stottern der Leute verdeutlicht zum Beispiel die eigentliche Unmöglichkeit, solche Erlebnisse zu erzählen. Die künstlerische Bearbeitung ermöglicht also eine ganz andere Auseinandersetzung mit der Thematik als beispielsweise einen Vortrag darüber zu hören.

Sie verstehen unter Politik nicht nur Debatten und Entscheidungen im Bundestag. Was gehört alles zu Ihrem Politikbegriff?

Da sich alles, was wir tun, in gesellschaftspolitischen Kontexten vollzieht, denke ich, dass im Grunde alles politisch ist. Früher haben Frauen gesagt, der Körper und das Begehren seien auch politisch. Heute würde ich sagen, dass wir uns immer in einem öffentlichen Raum aufhalten. Selbst wenn wir im vermeintlich Privaten sind, ist das Teil des gesellschaftspolitischen Raums und eine Form der Abschottung, des Rückzugs und damit eine Handlung mit gesellschaftspolitischer Aussage. Deswegen denke ich, dass das Politische, wenn man es so versteht wie ich, in allem mit enthalten ist.

Aber was ist dann mit Kunst, die sich aktiv unpolitisch positioniert?

Natürlich kann Kunst versuchen, sich von zeitgenössischen politischen Stellungnahmen abzusetzen. Aber selbst das abstrakte Bild, das gar nichts darstellt, ist immer gesellschaftspolitisch vereinnahmt worden – selbst eine weiß bemalte Leinwand.

Sozialistischer Realismus, 1930

Sozialistischer Realismus, 1930

Das heißt also, Kunst kann unpolitisch sein; ihre Aufnahme und gesellschaftliche Deutung jedoch lässt sie politisch werden?

Genau. Ein Beispiel dafür ist bestimmte abstrakte US-amerikanische Malerei während der Zeit des kalten Kriegs, die in Absetzung zum sozialistischen Realismus funktionalisiert worden ist. Wobei im Gegensatz zu den politisch motivierten Bildern von Arbeitern in der Sowjetunion die Malereien des abstrakten Expressionismus als Aushängeschild eines freien und vieldeutigen Westens dargestellt wurden. Es gibt sozusagen keine Ausdrucksform, die sich einer gesellschaftspolitischen Bezugnahme enthalten kann, und wenn sie es noch so sehr versucht. Aber es gibt natürlich unterschiedliche Möglichkeiten sich dazu zu verhalten. Zum einen gibt es eindeutige und zum Teil auch aggressive gesellschaftspolitische Stellungnahmen in der Kunst. Zum anderen gibt es künstlerische Werke, deren Aussagen eher verklausuliert und verborgen sind, um nicht so leicht vereinnahmt zu werden.

Wie sieht es denn mit politischen Stellungnahmen in der aktuellen Kunst aus, sind die aggressiv oder verklausuliert?

Es gibt die Behauptung, dass Kunst wieder politischer geworden ist. Eine Zeit lang gab es viele Kunst, die sich im Zitierenden und Spielerischen bewegt und das als liberalen Ausdruck empfunden hat, der aber ganz absichtlich nicht politisch sein sollte. Heute hat sich die Kunst wieder stärker in den Bereich des manchmal auch dezidiert Alltagspolitischen hineinbewegt. Ein Grund dafür könnte die Finanzkrise und ihre Verwerfungen sein, wodurch auch die ganzen Fragen des Kapitalismus an Bedeutung gewinnen. Aber auch die Vorgänge der Globalisierung stellen viele Fragen, die in der Kunst verhandelt werden. 

Wenn man nicht mehr auf die Themen der Kunst allein blickt, sondern sich mit den Personen beschäftigt, die die Kunst betrachten, spielt der Aspekt des Zugangs eine wichtige Rolle. Die Frage, wer Kunst überhaupt sehen kann, ist in diesem Kontext also eine Politische.

Diese Frage wird schon länger in der Kunst bearbeitet und immer wieder gibt es Bestrebungen, die Kunst aus dem elitären Museum und Galerieambiente auf die Straße, in den öffentlichen Raum zu tragen und beliebige Passanten einzubeziehen. Genauso wie es Kunst gibt, die an sozialen Brennpunkten mit den Anwohnern gemeinsam stattfindet. Das sind häufig Mischprojekte zwischen sozialem und künstlerischem Anliegen. Andererseits muss man sagen, dass Kunst natürlich eine gewisse Insiderproduktion ist und man etwas von Kunst verstehen muss, um Kunst machen und aufnehmen zu können. Sie bezieht sich auf eine bestimmte Ausdruckstradition, in die man eingeweiht sein muss. Von daher wird es immer eine Unterscheidung zwischen hoher und populärer Kunst geben. Manchen Filmen, Romanen oder mancher Aktionskunst gelingt es diesen Graben zu überschreiten. Grundsätzlich ist ein gewisses Expertentum aber auch nicht unbedingt schlimm – das gibt es in der Kunst genauso wie in der Physik oder Biologie.

Aber welchen Beitrag leistet denn solche Kunst, die nur in elitären Kreisen stattfindet, für die gesamte Gesellschaft? 

Kunst ist ganz allgemein ein Differenzierungsmodus unserer ganzen gesellschaftlichen Verständigung und trägt einen wichtigen Teil dazu bei. Darin liegt ihre gesellschaftliche Aufgabe. Dabei ist sie jedoch nicht im Mainstream beheimatet, sondern artikuliert eher die Grenzen der Kommunikation. Zum Beispiel hat man von Samuel Becketts Romanen gesagt, dass sie im Sprechen das Sprechen selbst abgründig und letztlich sinnlos werden lassen und an den Rand des Verstummens treiben. Genauso können Bilder den Bildgebungsprozess fadenscheinig werden und die Künstlichkeit von Bildern erkennbar werden lassen. Kunst geht weiter, als es in normalen Kommunikationskanälen wie dem Fernsehen oder einer sachlichen Diskussion möglich ist. Sie fragt danach, welche Bilder in unserer Gesellschaft viel zu wenig oder gar nicht vorkommen. Immer wieder hat sie so wichtige Fragen aufgeworfen, zum Beispiel als feministische Künstlerinnen und Künstler sich intensiv mit sexueller Gewalt gegen Frauen oder der Sexualisierung des Frauenkörpers auseinandergesetzt haben. Wie etwa Cindy Sherman, die alle möglichen Geschlechterrollen durchprobiert und auf ihren Fotos abgelichtet hat.

Aber die Debatten um Geschlechterthemen werden doch inzwischen auf vielen gesellschaftlichen Ebenen geführt …

Natürlich, die Themen drängen irgendwann ins Zentrum vor und sind dann auch Thema der Massenmedien, wie auch der Rechtsprechung und Gesetzgebung. Aber zunächst sind es vor allem Künstlerinnen und Künstler gewesen, die in den 1960er-Jahren auf die Straße gegangen sind und das Thema erst ins öffentliche Leben hineingebracht haben.

Zur Person: Michaela Ott beschäftigt sich schon lange mit dem Zusammenhang zwischen Kunst und Politik und ist Professorin für ästhetische Theorien an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Auch hat sie 2009 zusammen mit Harald Strauß den Sammelband "Ästhetik + Politik. Neuaufteilungen des Sinnlichen in der Kunst" herausgegeben.

Interview: Liz Weidinger

Foto Oben: © Michaela Ott

Foto Unten: Sowjetisches Plakat im Stil des sozialistischen Realismus, 1930 (gemeinfrei)



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