Wir sehen nicht mit den Augen! Wir sehen mit dem Gehirn! Für die Wissenschaftler und Künstler, die Ende Mai dieses Jahres bei der zehnten Konferenz der Neuroästhetik an der Universität von Berkeley in Kalifornien zusammenkommen, ist das eine ganz normale Feststellung.
Den Begriff der Neuroästhetik hat Semir Zeki geprägt. Er ist Professor für Neurobiologie und unterrichtet am University College in London. Zeki sagt, "die Neuroästhetik verwendet Kunstwerke, um zu erklären, wie das Gehirn beim Umgang mit künstlerischer Ästhetik arbeitet". Um das herauszufinden, setzen die Wissenschaftler moderne Mittel der Diagnostik ein. Mit dem bildgebenden Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) wird zum Beispiel sichtbar gemacht, welche Regionen des Gehirns bei der Betrachtung eines Kunstwerks aktiv werden. Neuroästheten interessiert hierbei, welche Teile des Gehirns auf die Wahrnehmung von Farbe, Formen oder Bewegung reagieren. Sie erforschen, wie diese Bereiche interagieren, und versuchen dann, Rückschlüsse auf die alltägliche Wahrnehmung und die Vorgehensweisen im Gehirn zu ziehen. Durch angeborene Hirnkonzepte werden Sinneseindrücke im Gehirn zu Erfahrungen organisiert. "Eine Person", gibt Zeki zum Beispiel, "hat nicht die Freiheit, keine Farben zu sehen, wenn sie die Augen öffnet."
Zeki hat herausgefunden, dass jedes Sehzentrum – von denen es im Gehirn 30 gibt – auf das Erkennen ganz bestimmter Signale spezialisiert ist. In seinem Buch "Splendors and Miseries of the Brain" (Glanz und Elend des Gehirns) beschreibt er ein Sehzentrum für Farbe, eines für Form, ein weiteres für Bewegung, für Gesichter, Raumtiefe und so weiter. Sie alle liegen in der Großhirnrinde, die die beiden Hirnhälften umschließt. Die Sehzentren arbeiten wie ein Netzwerk, das innerhalb von Millisekunden Informationen austauscht. Die Augen nehmen schließlich nur die Eindrücke der Sehnerven auf. Neuroästheten schlussfolgern daraus: Wir sehen nicht mit den Augen, sondern wir sehen mit dem Gehirn.
Ölgemälde von Garry Kennard
"Das war eine sehr bedeutende Erkenntnis für mich", sagt der englische Maler Garry Kennard und erinnert sich an den Moment, in dem ihm bewusst wurde, dass die Bäume, die er in Südfrankreich malte, eigentlich nichts waren, sondern nur von seinem Gehirn gemacht. "Ich bin aufgesprungen und rief: 'Ja, das ist es!'" Von dem Augenblick an war Kennard begeisterter Neuroästhet, schrieb Briefe an Wissenschaftler und Künstler. Er initiierte das Art-and-Brain-Festival, bei dem seit 2004 das Gehirn und seine Beziehung zu Kunst, Traum, Architektur und vielen anderen Bereichen Thema ist.
Neuroästheten nennen den Kubismus gerne als Beispiel für ihre Theorien, weil er zwei verschiedene Perspektiven eines Objekts zusammenführt, sodass sie einander überlagern. Man sieht beispielsweise ein Gesicht zugleich im Profil und von vorne. Gerade die Künstler der Moderne versuchen, die Herstellung von Realität im Gehirn bewusst zu machen, indem sie normale Wahrnehmungsprozesse stören.
Wie es der Kunst gelingt, angeborene Hirnkonzepte zu aktivieren, untersucht Vilayanur Ramachandran. Er ist der Direktor des Center for Brain and Cognition in San Diego, Kalifornien. In seinem Buch "The Emerging Mind" (Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn) schreibt Ramachandran, die Kunst verwende absichtlich Überzeichnungen, Übertreibungen und Verzerrungen, um Wirkung zu erzielen. Dabei geht es ihm weniger darum, zu zeigen, wann Kunst überhaupt eine Reaktion beim Betrachter hervorruft, sondern es geht Ramachandran um die Frage, wann die Wirkung eines Kunstwerks alle Menschen anspricht.
Stimulierte menschliche Nervenzelle
Wann also fangen die Nervenzellen beim Anblick eines Gemäldes oder einer Skulptur so richtig an zu feuern? Ramachandran vergleicht das mit der Reaktion, die Verhaltensforscher bei Tieren erkannt haben. Silbermöwen-Küken sperren ihre Schnäbel auf, wenn man ihnen einen gelben Stock mit roten Markierungen entgegenhält. Die Küken meinen so, von ihren Müttern gefüttert zu werden. Die Neurowissenschaftler haben nachgewiesen, dass auch der Mensch auf bestimmte Reize mit erhöhter Stimulanz der Nervenzellen spezieller Hirnareale reagiert. Je eindeutiger der Reiz, desto stärker ist die Reaktion darauf.
Picassos Fahrradsattel, der mit der Lenkstange wie der Kopf eines Stiers aussieht, ist vielleicht ein gutes Beispiel. Die charakteristischen Eigenschaften eines Objekts werden herausgegriffen und in reduzierter Form dargestellt. Ramachandran bezeichnet das als Akzentverschiebung. Metaphern, Kontrastierungen und verallgemeinernde Sichtweisen sind nur einige der Gesetzmäßigkeiten, durch die Kunst für Ramachandran auf universelle Weise mit dem Nervensystem des Betrachters kommuniziert.
Für den Maler Garry Kennard ist genau dies das Faszinierende an der Neuroästhetik. Er möchte weniger das Kunstwerk als Objekt betrachten, das man bestaunt, als sei es in einem Käfig im Zoo. Er möchte Kunst als eine Form der Kommunikation sehen, die nicht anders ist als die alltäglich zwischen Menschen stattfindende. Kennard sagt, "es geht um den Betrachter und die Reaktion seines Nervensystems. Das ist, was zählt."
Michael Götting schreibt für Zeitungen und Magazine. Er lebt in Berlin.
Foto Oben: © Nadine Platzek / photocase.com
Foto Mitte: © Gary Kennard
Foto Unten: ©Shutterstock.com
De Begriff der Neuroästhetik auf Wikipedia
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