Künstler – kaum ein Beruf ist mit so vielen Klischees behaftet: Glitzer und Erfolg, Genie und Wahnsinn, Einsamkeit, manischer Schaffensdrang und Lähmung. Aber ist das so? Natürlich nicht – oder wenn doch, dann nur ein kleines bisschen. Kunst ist einfach auch nur ein Job. Oft ein harter. Manches kann man lernen, anderes ist Begabung. Carolin Pirich hat mit drei jungen Künstlern gesprochen – darüber, weshalb sie Künstler geworden sind und was sie einmal mit ihrer Arbeit erreichen wollen.
Spencer Chalk-Levy, 25, Berlin
Bevor ich Künstler wurde, lebte ich in New York und hatte einen ziemlich guten Job. Ich verkaufte für das Modelabel Miu Miu teure Taschen und zog Schaufensterpuppen so an, wie es mir gefiel. Damit habe ich direkt nach meinem Collegeabschluss ziemlich gut verdient. Wenn ich jetzt auf mein Konto schaue, liegen da manchmal gerade mal ein paar Euro. Aber als damals meine Beziehung nach fünf Jahren in die Brüche ging, zog ich alles in Zweifel. Ich habe mir meine Zukunft vorgestellt und gesehen, dass nichts in meinem Leben mit Kunst zu tun hatte. Dabei wollte ich schon immer mehr anfangen mit meiner Begabung, zu zeichnen und zu malen. Vielleicht würde ich Psychiater werden, hatte ich mir in der Highschool mal vorgestellt, oder Modedesigner. Aber dann studierte ich Malerei an der School of Visual Arts in New York.
Vor zwei Jahren dachte ich also, wenn ich jetzt nicht gehe, dann würde ich mein ganzes Leben lang für Miu Miu Taschen verkaufen. Ich wusste, dass ich ein großes Risiko einging, wenn ich den Job aufgebe und New York und meine Freunde und Familie zurücklasse. Trotzdem habe ich alle meine Ersparnisse genommen, meinen Bruder in Berlin besucht und entschieden, neu anzufangen. Jetzt war ich "nur" ein Künstler, jemand mit dem tiefen Wunsch, sich auszudrücken. Davon hatte ich geträumt: einen Job zu haben, den ich immer weitermachen will, selbst wenn ich sehr, sehr müde bin.
Seit knapp zwei Jahren lebe ich nun in Berlin und arbeite an meinen figurativen Bildern, die immer eine Geschichte erzählen. Meine Kunst ist nicht politisch, ich würde sie eher als emotional bezeichnen, immer mit einem humorvollen Seitenblick. Meine Eltern sind traurig, dass ich so weit weg bin. Sie sagen, ich solle nach New York zurückkommen. Ich bin überzeugt davon, dass ich in zehn Jahren noch immer male, das ist das Wichtigste, allerdings werde ich auch Unternehmer sein und mit Modedesignern zusammenarbeiten, Stoffe entwerfen und viel Geld verdienen. Das ist der Plan. Damit will ich auch etwas zurückgeben, zum Beispiel auch, indem ich anderen Menschen beibringe, wie sie sich durch Malerei ausdrücken können.
Mein neues Leben ist nicht immer leicht, manchmal sogar ziemlich hart. Aber dann denke ich daran, wie es in New York wäre: Ich hätte nichts verändert. Dann fühle ich mich besser. Und das würde ich jedem raten: Traut euch, etwas zu riskieren!
Spencer Chalk-Levy, 1986 in New York geboren. Lebt und arbeitet als Maler und Bildhauer in Berlin. www.spencerchalklevy.com
Tina Schwarz, 33, Köln
Jahrelang habe ich auf die Frage, was ich beruflich mache, geantwortet: Ich male. Als "Künstlerin" haben mich, lange bevor ich das tat, eher andere um mich herum bezeichnet. Vielleicht habe ich das nicht gemacht aus Achtung vor Künstlern, die ich bewundere, vielleicht auch aus Angst, mich von dem Moment an mit anderen vergleichen lassen zu müssen. Aber ich finde diese Bezeichnung für mich auch unwichtig. Mir war ohnehin früh klar, dass ich keinen anderen Beruf haben will. Ich habe schon als kleines Mädchen Dinge gesammelt. Bilder, aber auch Wörter und Klänge – das gehört für mich zusammen. Ein bisschen ist es so wie bei der Maus Frederick aus dem Kinderbuch, die nicht Nüsse und Samen für den Winter sammelt, sondern Geschichten und Farben. Irgendwann musste das raus. Allerdings bin ich erst mit Mitte 20 an die Kunstakademie gegangen, vorher habe ich eine Tanzausbildung gemacht. Zwar war diese Erfahrung sehr wichtig, aber allein beim Tanz konnte es nicht bleiben. Ich wollte mit meinen Händen arbeiten, mit verschiedenen Materialien und natürlich mit Farbe. In dem Moment, wo ich mir das eingestand, hatte ich ein Gefühl, dass etwas in mir seinen Platz gefunden hat.
Ich glaube, dass bestimmte Menschen die Welt um sich herum intensiver wahrnehmen als andere, sie haben feinfühligere Antennen. Künstler gehören sicher dazu. Sie haben eine große Neugierde und den Drang, immer tiefer in die Dinge einzudringen. Ein Künstler hört dort nicht auf zu fragen, wo andere aufhören würden. Aber ich würde nicht sagen, dass er dabei unbedingt gesellschaftskritisch sein muss. Meine Arbeiten haben immer mit Menschen zu tun und oft mit Dingen, die sie sich antun, aber die sich auch meinem Verstand entziehen. Wie zum Beispiel Krieg. Erziehen will und kann ich niemanden mit meiner Kunst. Es steht jedem frei, wie er Kunst betrachtet und wie nah er etwas an sich heran lässt. Oskar Wilde hat gesagt, es sei ein "eigenes Risiko", sich auf Kunst einzulassen. Sie spiegelt ja den Betrachter. Aber jeder sieht nur, was er sehen will. Ich denke, ich mache das mein Leben lang. Ohne all das würde ich nämlich sehr unglücklich. Es mag pathetisch klingen, aber ich habe auch gar keine andere Wahl.
Tina Schwarz, 1979 in Friedberg geboren. Lebt als Malerin und Bildhauerin in Köln.
Blog: Madamoiselleverte.blogspot.com, Galerie: www.weareteapot.com
Johannes Denda, 28, Berlin
Zuerst habe ich Architektur studiert, weil ich gehofft hatte, dass ich das Schöne mit dem Nützlichen verbinden könnte. Ich wollte gestalterisch arbeiten, aber davon auch einmal leben können. Deshalb also Architektur. Aber ich habe bald gemerkt, dass das nicht zu verbinden ist. Bauphysik und solche Fächer liegen mir einfach weniger. Außerdem ist die Architektur zweckorientiert, und für mich ist Kunst nicht an einen Zweck gebunden, sondern frei. Mir geht es um die Verbindung von elementaren Dingen des Lebens in meinen vielschichtigen und fragilen Objekten aus Metall, Holz, Stein oder Kunststoff: Wie funktioniert das Sein? Diese Fragestellung ist ein inneres Bedürfnis, die Arbeit daran eine Art Ventil: Man kehrt sein Innerstes nach außen. Aber man darf das nicht als Therapie verstehen, sondern dieses Innerste erreicht eine Art Allgemeingültigkeit. Ein Künstler hält der Gesellschaft den Spiegel vor, wobei das eigentlich kein bewusster Vorgang ist. Wir arbeiten ja nicht mit Worten, und Kunstwerke sind aus vielen Positionen heraus lesbar.
2007 beschloss ich also, das Architekturstudium abzubrechen und mich für Bildende Kunst zu bewerben. Meine Freunde fanden, dass das eine konsequente Entscheidung ist, sie wussten ja, wie wichtig mir die Kunst ist und wie oft ich irgendwo in einer Werkstatt stand. Meine Eltern allerdings waren erst überhaupt nicht einverstanden, weil ich ja als Künstler nirgendwo jemals angestellt würde. Es gab viele Diskussionen, aber mittlerweile hat sich ihre Meinung zurechtgeschliffen. Seitdem ich Kunst studiere, bezeichne ich mich auch als Künstler. Ich kenne viele, die mit dem Begriff hadern, aber mir hat es eine gewisse Form von Selbstbewusstsein gegeben. Endlich kann ich in der Autonomie leben, die ich brauche. Ich glaube, für einen Künstler sind Selbstbewusstsein und Selbstdisziplin absolut elementar. Er muss die Kraft haben, an die eigene Idee zu glauben und die auch durch- und umzusetzen. Kunst kann nie nur ein Hobby für mich sein. Wenn ich nach meinem Studium von meiner künstlerischen Arbeit leben könnte und meine Zeit nicht mit Jobs vergeuden müsste, um das Material dafür kaufen zu können, das würde ich mir wünschen.
Johannes Denda, 1984 in Leipzig geboren, studiert im 8. Semester Bildende Kunst an der UdK Berlin, in der Klasse von Gastprofessor Karsten Konrad.
Protokolle von Carolin Pirich.
Carolin Pirich schreibt als freie Journalistin für u.a. die ZEIT, die Sonntaz und Deutschlandradio Kultur und arbeitet als Moderatorin im Radio.
Fotos: Privat
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