Wolfgang Müller
Wolfgang Müller schreibt sich im Vorwort von jeglicher Verantwortung frei: "Sämtliche Persönlichkeiten der folgenden Geschichte sind frei erfunden." Dieser Satz war wohl nötig, um das Buch überhaupt veröffentlichen zu können. Denn auf den nächsten 160 Seiten werden Damien Hirst, Gunther von Hagens, Joseph Beuys und viele weitere Berühmtheiten aus dem Kunstbetrieb vorkommen. Leider nicht immer zu ihren Vorteil. Wolfgang Müllers Debütroman ist ein Geschichtenbaum mit einem wirren Wurzelsystem – Wurzeln, die von der Gegenwart in die Zukunft und in die Vergangenheit reichen.
Der rote Faden in diesem ausufernden Plot ist ein chinesischer Klimaanlagenverkäufer. Aloysius Tong aus Singapur ist reich – so reich, dass das tägliche Checken des Kontostands ihm keinen Adrenalinkick mehr bereitet. Tong wird depressiv. Auf Anraten seines Arztes beginnt er, als therapeutische Maßnahme, Künstler, die er für arm hält, zu unterstützen. Tong wird Kunstsammler. Irgendwann stößt er auf den jungen Briten Damien Hirst, damals noch Student, der einen echten Tigerhai, in Formaldehyd gegossen, ausstellt. Dieses Kunstwerk mit dem sperrigen Titel "The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living" (Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden) kauft Aloysius Tong. Es wird sein größter Schatz.
Den eingelegten Tigerhai von Damien Hirst gibt es wirklich. Er gilt als ikonisches Kunstwerk der 1990er, als eines der Werke, die das Abdriften des Kunstmarktes in nahezu grenzenlosen Hype markierten. Aber der "Kosmas"-Konsument muss nicht die letzten Kunstdiskurse verfolgt haben, um sich früher oder später zu fragen, ob es im Kunstbetrieb wirklich so schlimm ist, wie es Müller beschreibt. Oder ob er einfach nur die Überspitzung als Stilmittel einsetzt.
Sitzen wirklich Galeristen und dickbäuchige Kunstauktionatoren mit Verdauungsproblemen in geheimen Verhandlungen zusammen und hecken Strategien aus, wie man den Preis von Hirsts Tigerhai in die Höhe treiben kann? Den Lesern/innen mag es verschwörungstheoretisch vorkommen, wie, von Müller dargestellt, eine kleine Gruppe von Menschen die Presse für ihre eigenen Anliegen instrumentalisiert. Die Pressevertreter werden hier als homogene Masse unkritischer Journalisten dargestellt, in der nur einige wenige Kunstkritiker – es sind gerade die wenig beachteten und schlecht bezahlten – es wagen, sich gegen die allgemeine Meinung zu stellen.
Genau diese Fragen aber, in denen Müller Insider-Wissen preisgibt, machen das Buch so herausragend. Müller, den man auch als Musiker und Künstler kennt (u.a. als Mitglied der "Genialen Dilletanten" und der "Tödlichen Doris") ist ein Buch gelungen, das unter dem Deckmantel der Satire eine Bestandsaufnahme des aktuellen Kunstbetriebs vorlegt.
Der explodierende Kunstmarkt, der Hype um bestimmte Kunstwerke – gerade Hirsts Werke sind beispielhaft dafür – ist in den letzten Jahren mehrfach in Büchern aufgegriffen worden: In "Karte und Gebiet" beispielsweise, dem letzten Roman von Michel Houellebecq (2011 auf Deutsch erschienen) geht es um den fiktiven, überaus erfolgreichen Künstler Jed Martin. Auch in Sachbüchern wie "Hype" von Piroschka Dossi (2007) oder "Kunst ist käuflich" von Dirk Boll (2011) ist die Kommerzialisierung des Kunstmarktes Thema.
Kunstmagazine kommen um das Thema sowieso nicht herum. Die April-Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol widmete sich der Frage, ob Damien Hirst ein wichtiger Künstler sei oder lediglich ein Karrierist. Hirsts Studio aber untersagte kurzerhand die Bebilderung. Aus Protest gegen diesen Versuch der Einflussnahme erschien die Story trotzdem – mit leeren Flächen dort, wo die Kunstwerke hätten abgebildet werden sollen.
Man hat nicht den Eindruck, dass den Freigeist Wolfgang Müller die Frage nach der Qualität wirklich interessiert. An Hirsts karrieristischen Ehrgeiz aber weidet er sich in seinem Roman genüsslich: Sein Protagonist sei, so steht an einer Stelle, "flexibel, formbar, anpassungsfähig, superehrgeizig, also hochtalentiert für den Kunstbetrieb". Diese Eignung ist dann auch Hirsts Eintrittskarte in den Kunstmarkt.
Die fließenden Grenzen zwischen Kunst und Vermarktung sind eines der großen Themen in Müllers Roman. Der teils irrwitzige Handlungsverlauf macht das Buch zum perfekten Zeitvertreib an der Schlange zum nächsten Kunst-Großereignis. Es kann natürlich sein, dass man sich dann am Eingang fragt, ob man wirklich noch rein will. Und den Hype mit befördern will.
Wolfgang Müller verteufelt den Kunstbetrieb nicht, er benutzt ihn nur – und das mit Kunstfertigkeit und einer Menge Spaß – als bunte Folie für sein amüsantes, mitunter waghalsiges Romanexperiment. Was die Kunst darf, darf Wolfgang Müller schon lange. Denn, letztlich: Alle Beschreibungen in dem Buch "entspringen lediglich den Eingebungen, Hirngespinsten, Phantasien oder Wahnvorstellungen des Autors". Natürlich. Es ist ja Kunst.
Wolfgang Müller: Kosmas (Verbrecher Verlag 2012, mit Zeichn. von Max Müller, 163 S., 21 €)
Andi Weiland lebt in Berlin und würde sich kaum einen Tigerhai für 9,3 Millionen Euro kaufen. Vor einem interessanten Kunstwerk kann er trotzdem lange stehen bleiben.
Foto: © Hertha Hurnau
Illustrationen: © Max Müller
Mehr über den legendären Tigerhai auf Wikipedia
Interview mit Wolfgang Müller in Monopol
Wolfgang Müllers Seite
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