2012 ist wieder documenta-Jahr. Anfang Juni eröffnet sie für 100 Tage. In Kassel sind die Hotelzimmer für die ersten Tage schon seit Wochen ausgebucht. Fünf Jahre liegt die letzte documenta, die international wichtigste Überblicksschau für zeitgenössische Kunst, zurück. Rund 750.000 Besucher wollten sie damals sehen.
Wer sich schon jetzt mit dem Gedankenkosmos der dOCUMENTA (13) - so schreibt sie sich diesmal - auseinandersetzen möchte, sollte sich unbedingt das ein oder andere "Notizbuch" der Schriftenreihe "100 Notizen – 100 Gedanken" anschauen. Diese so kleinformatigen wie günstigen Hefte ergänzen diesmal die Großveranstaltung publizistisch.
Ein passendes Format, denn Notizbücher können "sprechen": Sie erzählen von aufrüttelnden Ereignissen, umkreisen hochfliegende Ideen. Durch ihr kleines Format bewähren sie sich als Reisebegleiter, als Gedankenstützen für Vorträge, als Stichwortgeber. Gerade ihr unfertiger, intimer Charakter lassen ausreichend Platz, um die Vorstellung vom "Denken in Bewegung" und von brennender Leidenschaft für eine Sache wachzuhalten. Das gilt für die Verfasser/innen wie für die Leserschaft.
Für die "100 Notizen – 100 Gedanken" gilt es allemal. Die Reihe besteht aus schmalen broschierten Heften, die wie "Multiples", wie seriell hergestellte Kunstobjekte einzeln nummeriert sind. Jedes Heft ist in ein mattfarbiges Cover von zartbeige oder hellrosa bis hin zu mintgrün eingeschlagen, der Inhalt ist auf gelbstichigem Papier gedruckt. Das Liebäugeln der Macher mit Patina und Unikat springt einem bei dieser Gestaltung sofort ins Auge. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass jedes einzelne Heft in Folie verschweißt ist und vor dem Durchblättern mühsam befreit werden muss.
Rechtzeitig vor der Eröffnung der documenta am 9. Juni sind bereits 55 Hefte in drei verschiedenen Formaten im Handel. Die nächsten 45 werden folgen. Seit März 2011 haben Autoren, Künstlerinnen, Naturwissenschaftler, Politologinnen und Poeten jeweils ein Heft gestaltet. Jedes funktioniert für sich allein; mal besser, mal schlechter. Zu empfehlen ist, sich eine Handvoll der Hefte anzusehen. So lassen sie sich zusammen denken und geben einen Einblick in die Haltung, aus der heraus die kommende documenta entsteht.
Den programmatischen Auftakt der Reihe macht der australische Anthropologe Michael Taussig. Im Heft Nummer 1 vergleicht er das Notizbuch mit einer "Insider-Story". Es biete "den 'schnelleren Zugang' zur Seele einer Person, die das Notizbuch führt, und ebenso den schnelleren Zugang zur Entstehung ihrer Ideen und Errungenschaften".
Museum der 100 Tage
Die 100 ist eine magische Formel für das Großereignis in Kassel – seit documenta-Gründer Arnold Bode für die 3. documenta den Titel "Museum der 100 Tage" prägte. Ganz besonders feierte das die documenta X von 1997 mit ihrer Veranstaltungsreihe "100 Tage – 100 Gäste." Die künstlerische Leiterin der diesjährigen documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, greift die magische Zahl mit der Publikationsreihe "100 Notizen – 100 Gedanken" wieder auf.
Dem internationalen Charakter der Großveranstaltung entspricht, dass nicht alle Hefte in deutscher Sprache erscheinen. Warum aber nicht wenigstens immer zweisprachig? Das Lexikon der Künstlerin Mariam Ghani, die gemeinsam mit ihrem Vater, Ashraf Ghani, einem bekannten Anthropologen und Politikwissenschaftler, in Heft Nummer 29 in illustrierten Begriffen den wiederholtem Zusammenbruch und die Erneuerung Afghanistans im 20. Jahrhundert zusammenfasst, erscheint ausschließlich in englischer Sprache. Und bleibt so bestimmt manchen interessierten Lesern leider verschlossen.
Bei Matias Faldbakken, einem dänischen Künstler und Autor, der in Norwegen lebt, ist die Frage der Übersetzung glücklicherweise nicht so wichtig: Sein schmales, blassgrau eingeschlagenes Heft Nummer 35 gibt Verläufe von Google-Recherchen wieder. Im kurzen Nachwort ist zu lesen, dass die abgedruckten Begriffe überwiegend auf Bildrecherchen beruhen. Sie sollen die sprachlichen Grundlagen der Bildproduktion des Künstlers zeigen.
Und da Notizbuch nicht gleich Notizbuch ist, versammelt die Reihe verschiedene Text- und Bildproduktionen, darunter Vorträge, Briefe, aber auch Reproduktionen - wie bei Walter Benjamin. Das ihm gewidmete Heft mit der Nummer 45 gibt einen guten Einblick in seine Arbeitsweise. Es zeigt auch, wie sehr den Philosophen die Materialität von Notizen und ihre mögliche Ordnung durch Farbe faszinierten. Leider sind die Faksimiles aus dem Benjamin-Archiv – Notizen zu seinem unvollendeten "Passagen-Werk" – so klein abgedruckt, dass sich zwar ihr sinnlicher Reiz, nicht aber ihre semantische Bedeutung entfalten kann.
Kunst: Wieso, wozu, für wen?
Informativer ist dagegen das Heft Nummer Zwei, der Abdruck einer Vorlesung des kanadischen Künstlers Ian Wallace zur ersten documenta von 1955. Der Text ist von 1987 und wurde vor dem Abdruck nicht aktualisiert. Und so ist, zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, Wallaces Sprachduktus und sein Blick auf die Gründungsgeschichte der documenta in weiten Strecken von einer Welt mit Eisernen Vorhang geprägt. Das kann befremden, hat aber ach einen eigenen Reiz. Wallace gelingt es, die kulturpolitische Dimension der von Bund, Land und Stadt finanzierten Großausstellung deutlich zu machen, denn er verhandelt nicht nur Kunstwerke und ästhetische Tendenzen, sondern reflektiert auch Stand und Stellung der Kunst in der jeweiligen Gesellschaft.
Klar darf bei einer solch ambitionierten Reihe der Konzeptkünstler Lawrence Weiner nicht fehlen. Schließlich war Weiner mit seinen Arbeiten dreimal hintereinander – 1972, 1977 und 1982 – auf der documenta vertreten. Sein kleines beigefarbenes Heft Nummer Acht, mit dem Titel "IF IN FACT THERE IS A CONTEXT" ist vollgepfropft mit handschriftlichen Notizen und stempelartigen Piktogrammen in der für ihn typischen funktionalistischen Typografie.
Der Titel könnte auch als ketzerischer Kommentar zum bisherigen Entwurf der dOCUMENTA (13) gelesenen werden. Denn bisher stiftet die Heftreihe wie auch das, was man über die Konzeption der diesjährigen documenta in Erfahrung bringen kann, mehr Verwirrung als Aufklärung.
Während "100 Notizen – 100 Gedanken" Heft um Heft mit je einem spezifischen Fokus entsteht, ist die documenta keine monothematische Ausstellung, sondern scheint ein riesiges Arsenal spannender Positionen zu bieten. Für beide Formate – die Publikationsreihe wie die Ausstellung – gilt, dass verschiedene Genres ineinandergreifen. Besonders in der Zusammenschau stiften sie Sinn. Und so lässt sich jedes "Notizbuch" auch als ein Kapitel der dOCUMENTA (13) begreifen
100 Notizen – 100 Gedanken (Hatje Cantz 2011/2012, zwischen 4 und 8 Euro, gibt es auch als E-Books)
Fotos: © Hatje Cantz Verlag
Die dOCUMENTA (13) findet vom 9. Juni bis zum 16. September 2012 in Kassel statt.
Gipfelgespräch über "100 Notizen – 100 Gedanken" (Carolyn Christov-Bakargiev mit Chus Martinez)
documenta-Archiv der Stadt Kassel
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