"Das ist ein geiles Gefühl"

Fünf "schönste Momente"

2.6.2012 | Protokolle: Natascha Mahle | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Kürzlich bei einer Geburtstagsfeier erzählte eine 18-jährige Schülerin von ihrer ersten Autofahrt alleine über die Autobahn – sie schwärmte davon, wie wunderbar und einmalig dieser Moment gewesen sei. Dann umarmte sie ihre Mutter und sagte: "Dein schönster Moment war doch bestimmt, als ich auf die Welt gekommen bin?!" "Nein", antwortete die Mutter, "das war schrecklich: Schmerzen und Geschrei." Wir erleben täglich so viel – was davon im Herzen gespeichert wird, ist sehr persönlich. Fünf junge Menschen erzählen von einem besonderen Moment in ihrem Leben.

Johannes (22)

Meine Großeltern hatten in Italien am Lago Maggiore ein Ferienhaus. Den Großteil meiner Schulferien verbrachte ich dort mit meinen Eltern und Geschwistern. Als ich 13 Jahre wurde, haben sich meine Eltern scheiden lassen, die unbeschwerten Tage am Lago Maggiore waren passé. Vor einem Jahr bin ich mit meiner Freundin Sophie dort wieder hingefahren. Mit Igluzelt und Campingkocher. Das waren wunderschöne Tage. Ich konnte wichtige Orte meiner Kindheit wieder neu entdecken – aber in anderer, unabhängiger Form. Wir bummelten durch die Gässchen, lagen am Strand, besuchten täglich denselben Eisverkäufer und suchten, verbotenerweise, unser ehemaliges Ferienhaus auf. In diesen Tagen wurde mir richtig bewusst, dass ich jetzt erwachsen bin und mein Leben selbst gestalten kann.

Cassie (17)

Ich lebe in den Vereinigten Staaten, in Oregon. Auf meiner Highschool kann man bei einem Schüleraustausch mitmachen. Ich besuchte für drei Wochen einen deutschen Schüler, im Gegenzug wird er für drei Wochen zu mir kommen. Diese drei Wochen in Deutschland waren die beste Zeit meines Lebens. Ich habe Prag und München besichtigt und war sehr angetan von der dortigen Kultur und Architektur. Mit meiner Gastfamilie und deren kleiner Enkelin haben wir einen Ausflug nach Lindau an den Bodensee gemacht.

An einer bestimmten Stelle hat man dort Aussicht auf drei Länder gleichzeitig: auf Deutschland, Österreich und die Schweiz. In Amerika findet man das nicht. Da ist es eine halbe Weltreise, wenn man nur an eine Landesgrenze kommen will. Das war für mich ein wunderbarer, für mein amerikanisches Denken auch ein unvorstellbarer Moment. Diese positiven Erlebnisse haben dazu beigetragen, dass ich in Deutschland studieren möchte, Kommunikationswissenschaften oder Journalismus. Das ist jetzt mein größter Traum.

Pete (23)

Jeder Auftritt mit meiner Band Indestructible ist ein besonderer Moment. Als Elfjähriger bekam ich zum ersten Mal eine Metal-CD in die Finger. Die Musik scheint irgendwas in mir ausgelöst zu haben, auf jeden Fall habe ich mir viele weitere CDs gekauft und bin dabei hängen geblieben. Meinem Cousin und ein paar Kumpels ging es ebenso. Wir wollten aber auch unsere eigene Musik rausbringen, quasi unsere Definition und persönliche Empfindung von Metal verwirklichen. So haben wir eine Band gegründet.

Wir treffen uns einmal in der Woche zum Proben, etwa jeden zweiten Monat haben wir einen Auftritt. Wir spielen in Metalschuppen. Meistens vor 40 bis 70 Menschen. Wenn wir dann auf die Bühne kommen und eine Horde von langhaarigen Metallern zu unseren Liedern bangt, die Texte mitgrölt, dann geht mir jedes Mal von Neuem mein Herz auf. In diesem Moment ist der ganze Raum ein großes Ganzes. Alle fühlen dasselbe und genießen gemeinsam die Musik. Das ist ein geiles Gefühl.

Sophie (19)

Ich hatte meinen besonderen Moment auf einer griechischen Insel. Meine Familie und ich hatten ein Ferienhaus direkt am Strand inmitten eines kleinen Fischerdorfs. Wir waren dort die einzigen Touristen. An einem Morgen bin ich sehr früh aufgewacht, konnte nicht wieder einschlafen. Mit einem Leintuch, das ich mir um die Schultern wickelte, ging ich auf die Terrasse. Die Sonne ging gerade über dem Meer auf, der Himmel war blau und intensiv rot zugleich. Im Wasser saßen schwatzend drei griechische Omis mit altmodischen Bademützen. In diesem Moment fühlte ich mich frei und unbeschwert. Meine Realschulprüfung war vorbei, nichts "Bedrohliches" war gerade in meinem Leben. Ich konnte einfach da stehen: allein, in dieser absoluten Ruhe das Naturschauspiel und die alten Frauen in ihrem ganz normalen Alltag beobachten – für die das Meer und der Sonnenaufgang nichts Außergewöhnliches war.

Daniela (22)

Mit 14 Jahren kam ich durch eine Freundin in eine feste Clique. Unser gemeinsamer Wunsch war ein fester Treffpunkt, ein Ort nur für uns. Ein Kumpel bekam dann von seinem Opa ein kleines Grundstück direkt am Bach mit einem Schuppen darauf. In mühevoller Kleinarbeit wurde der Schuppen von vier Jungs umgebaut und saniert – zu einem großen gemeinsamen Wohnzimmer. Seit acht Jahren treffen wir uns dort, veranstalten Partys, grillen oder baden im Sommer im Bach.

Letztes Jahr im Juli gewann einer aus der Clique ein Spanferkel, das haben wir wochenlang gefüttert, weil wir zuerst nicht wussten, was wir damit anfangen sollten. Dann war die Idee da: Wir wollten ein großes Fest mit Eltern, Geschwistern und Partnern veranstalten. Das Schwein kam auf den Spieß, jeder brachte einen Salat oder Häppchen mit. Dieser Abend war für mich sehr besonders: Wir fühlten uns als große Gemeinschaft. Die Eltern haben sich wunderbar unterhalten, Geschichten aus "alten Zeiten" wurden aufgewärmt, überall war Gelächter und gute Stimmung. An diesem Abend habe ich gespürt, wie wichtig mir diese Gruppe ist. Dort in diesem ehemaligen Schuppen fühle ich mich zu Hause.

Fotos: Privat







Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)