Frankreich hatte die Wahl!
Rominka | 07.05.12 01:40 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Frankreich hat die Wahl
It's all over now...
Zum verabredeten Treffen zwischen mir und Diane ist es nicht gekommen! Nicht nur, weil die Handynetze zeitweise völlig zusammengebrochen waren, sondern auch weil es kein physisches Durchkommen mehr gab. Während ich auf der Pressetribüne beste Aussichten auf das feiernde Wahlvolk hatte, endete für Diane, die selbst noch wählen war, der Weg schon einige hundert Meter vor dem Place (to be) de la Bastille. Gegen die trötenden, tanzenden, Fahnen schwenkenden Massen kam sie nicht an und folglich auch nicht zu mir.
So konnte ich mich zumindest auf meine eigentliche Aufgabe konzentrieren: das Einsammeln von Stimmen, Festhalten der bewegendsten Momente, die Atmosphäre einsaugen inmitten von einer Viertel Millionen Menschen, so viele nämlich hatten sich laut Medienangaben auf den Weg gemacht. An diesem symbolischen Ort endet der Wahlkampfmarathon der vergangenen Wochen, endet das Bangen und Hoffen der Franzosen, beider Lager und endet (fast) auch dieser Blog... ein kleiner Rückblick auf die Karriere des neuen Präsidenten war Diane wichtig. Und mir war wichtig, in diesem historischen Augenblick in Frankreich zu sein. Schön war's!
Romy Straßenburg
Der lange Weg von François Hollande
17 Jahre. 17 Jahre lang hat (nicht ganz Frankreich) darauf gewartet. Nun ist es wahr geworden und zum zweiten Mal wird ein Präsident der sozialistischen Partei (PS) die Geschicke des Landes lenken. Mit 51,6 Prozent der Stimmen siegt François Hollande, so wie es seit langem vorausgesagt worden war. Nicolas Sarkozy hingegen muss den Preis für seine vielen Fehler, vor allem zu Beginn seiner Amtszeit, zahlen und auch für seinen in den Augen vieler Franzosen - sagen wir - merkwürdigen Stil.
Der neue Präsident war vor einem Jahr in den Wahlkampf gezogen, nach einem Marsch durch die politische Wüste. Der Mann aus dem Departement Corrèze schien zunächst wie der absolute Outsider. Als ehemaliger Parteisekretär musste er gegen den Ruf kämpfen, Liebling des Konsens' zu sein, es allen recht machen zu wollen ohne jemals tatsächliche Entscheidungen zu treffen und 2007 stiehlt seine Lebensgefährtin Ségolène Royal ihm die Show. Sie gewinnt bei den Vorwahlen zum sozialistischen Präsidentschaftskandidaten und sie ist es, die für die Partei antritt... und verliert. Hinter den Kulissen zerbricht die Beziehung des Paares, auf der Bühne hielt der gekränkte Hollande stets zu seiner Ex. Und im Gegensatz zum Rosenkrieg von Nicolas Sarkozy, schafft es das Paar die Presse im Zaum zu halten.
Nach der Niederlage von Ségolène Royal betritt eine andere Sozialistin die Bühne: Martine Aubry wird neue Parteivorsitzende der PS und gibt zu Protokoll, Hollande habe ihr eine "verkommene Partei hinterlassen, bei der nicht mal die Toiletten funktionieren". Die ehemalige Nummer Eins zieht sich daraufhin ins Corrèze zurück und backt vorerst scheinbar kleinere, regionale Brötchen. Keiner rechnet noch mit ihm! Denn laut Umfragen wollen die meisten Anhänger der Sozialisten den Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, als Sarkozys Herausforderer sehen. Bis zu jenem legendären 14. Mai 2011, als er den "Walk of Shame" einer New Yorker Polizeistation entlang laufen musste, weil er der Vergewaltigung einer Hotelangestellten beschuldigt wurde.
Die Vorwahlen der Sozialisten läuten schließlich eine Renaissance ein. Von der eigenen Partei mitunter unschön behandelt, schafft Hollande es bei der landesweiten Befragung an die Spitze der Partei, mit beachtlichen 57 Prozent. Jetzt geht es los, mit dem ewig Unterschätzten, dem ewigen Langweiler. Hoch konzentriert arbeitet er an seinem Wahlkampfprogramm, fährt durch das Land, sucht nach Verbündeten, nach Allianzen im Ausland und wird nicht müde, zu wiederholen, dass er vor allem eins sein will: ein normaler Präsident. Das führt auf gegnerischer Seite zu allerlei Häme, zu Spitznamen wie Walderdbeere, Pudding, Schwabbelbauch oder Weichei-Linker...Nicolas Sarkozy wird nicht müde, den Journalisten zu erklären, Hollande sei eine absolute Niete und er werde ihn niederwalzen.
Der neue König Frankreichs
Doch nach und nach schiebt sich der Pudding nach vorne, macht eine unerwartete Wandlung durch und beißt sich bis an die Spitze der Umfragen durch. Und nach der ersten Wahlrunde erlebt Frankreich dann endgültig einen Kandidaten, der das Zeug zum Präsidenten hat. Jetzt greift er den scheidenden Präsidenten scharf an und lässt sich nicht von dessen Aggressivität aus dem Konzept bringen.
Im Alter von 57 Jahren tritt François Hollande nun an die Spitze einer Nation, die neben der hohen Arbeitslosigkeit noch viele andere Baustellen zu bearbeiten hat. Sein erster Besuch, so hat er angekündigt, führt ihn direkt zu Angela Merkel. Der deutschen Kanzlerin, die Nicolas Sarkozy so lange unterstützt hatte. Auch sie hat wohl viel zu lange den neu gekürten König von Frankreich unterschätzt.
Diane La Phung