Kriegsähnliche Zustände

Für Soldaten mit PTBS wird der Alltag zum Schlachtfeld

18.5.2012 | Andreas Pankratz | Artikel drucken

Lars Schlierkamp erlebt hautnah, wie Selbstmord-Attentäter das Nato-Hauptquartier in Kabul attackieren. Taliban-Kämpfer töten bei einem anderen Angriff italienische Kameraden. Täglich hantiert er an seinem Schreibtisch mit Meldungen und Bildern von toten und verwundeten Menschen. "Man muss da einfach nur funktionieren", sagt der junge Soldat. Nach dem sechsmonatigen Einsatz in Afghanistan kehrt er Anfang 2010 planmäßig zum Stützpunkt in Münster zurück und funktioniert eine Zeit lang weiter. Irgendwann ist aber klar – was da passiert ist, das war zu viel. Er schläft schlecht, erschreckt sich häufig, ist immer auf 180, wie er selbst sagt. "Vier Monate habe ich das mit mir rumgeschleppt", sagt der inzwischen 28-Jährige.

Schließlich geht er zum Arzt: Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS. Natürlich hatte er von dieser Krankheit schon vorher gehört, die Soldaten in Kampfeinsätzen davontragen können. Aber ihn, nein, ihn kann das nicht treffen. Eigentlich ist es eine zwar seltene, aber normale Reaktion des Organismus, mit erlebten Katastrophen umzugehen. In weiten Teilen der Bundeswehr ist es jedoch nach wie vor ein Tabu. "Als ich das den Kollegen und meiner Familie erzählt habe, war das bestimmt so ähnlich wie für Homosexuelle, die sich outen", sagt Schlierkamp. So groß waren die Sorgen um Karriere und Ansehen bei den Kameraden.

Nach stationären Aufenthalten in Bundeswehr-Krankenhäusern und unzähligen Therapie-Sitzungen fühlt er sich inzwischen wieder viel besser. In seiner Flecktarn-Uniform sitzt er ruhig in einem Büro des Deutsch-Niederländischen Korps in Münster. Sein Blick ist leer. "Ich hätte lieber einen Arm im Kampf verloren", sagt er heute. Das würde man wenigstens direkt sehen.

Rund 1.000 Bundeswehr-Angehörige befinden sich in PTBS-Therapie

In ihren Gedanken kehren PTBS-Patienten immer wieder an die Orte zurück, wo ihr Leiden seinen Ursprung hat. Diese permanent wiederkehrenden Erinnerungen sind ein typisches Merkmal der Krankheit. Bei vielen löst ein einziges, besonders katastrophales Erlebnis das Trauma aus: wenn sie etwa verwundet werden, Kameraden oder Zivilisten vor ihren Augen ums Leben kommen oder sie selbst Menschen töten müssen. Zurück in der Heimat wird dann der Alltag zum Schlachtfeld. Da reicht der Geruch von Grillfleisch oder schreiende Kinder, um die Hölle im Kopf ausbrechen zu lassen. Manche versuchen das Trauma in Alkohol zu ertränken, reagieren auf Kleinigkeiten gereizt und aggressiv.

Ein Großteil versucht, ohne Behandlung damit fertig zu werden. Das kannst du niemandem erklären, denken sich die Betroffenen und schweigen. Lieber verdrängen, als womöglich als Weichei abgestempelt zu werden. Dabei ist es längst kein Ausnahme-Phänomen mehr: Rund 1.000 Bundeswehr-Angehörige befinden sich derzeit wegen PTBS in Therapie – so viele wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Nochmal genau so viele verheimlichen ihre psychischen Probleme, schätzen Psychiater der Bundeswehr.

Berufssoldat Frank Eggen hat das Ausmaß des Problems erkannt, lange bevor PTBS durch Beiträge in Zeitungen und Fernsehsendungen zu einer Art Modekrankheit, ähnlich dem Burnout-Syndrom, geworden ist. Aus eigener privater Initiative hat er eine Infoseite im Internet entwickelt und zählte 2011 rund 3,2 Millionen Zugriffe. Klar, je länger Einsätze wie der am Hindukusch dauern, desto mehr verwundete Soldaten kehren Heim. Mitschuldig an der steigenden Zahl der traumatisierten Soldaten ist aus seiner Sicht aber auch der fehlende Rückhalt in der deutschen Gesellschaft. Ein unbeliebter Krieg ist nie gut für die Moral in der Truppe. "Wenn ein Soldat ständig zu hören bekommt, wie ungerecht oder sinnlos der Einsatz in Afghanistan ist", sagt Eggen, "umso leichter nimmt auch die Psyche Schaden."

Die machen das doch freiwillig, niemand wird dazu gezwungen, in ein Kriegsgebiet zu gehen, heißt es dann. Stimmt aber nicht immer. Militärische Fachleute mit seltenen Qualifikationen wie beispielsweise Rettungssanitäter können jederzeit abbestellt werden, andere gehen dorthin aus Verantwortungsgefühl gegenüber den Kameraden und der Bevölkerung in der Krisenregion. Für die Friedensmission gibt es ein Mandat des Bundestags.

Erste Fälle von PTBS hat es aber schon ab Mitte der 90er Jahre gegeben – nach Einsätzen in Somalia und auf dem Balkan. Die Bundeswehr hat sich darauf eingestellt, dass sie nicht nur Verwundete mit äußerlichen Schäden behandeln muss. Neue Therapie-Ansätze und vor allem das Psychotraumazentrum sind eine Antwort auf die Missionen, die für deutsche Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie so langwierig und gefährlich waren.

Kritiker: Bundeswehr spielt das Problem herunter

Das reicht aber noch nicht, sagen Kritiker. "Die Bundeswehr hat immer noch ein Problem, den Ernst der Lage einzugestehen", sagt Andreas Timmermann-Levanas. Als Berufssoldat war er in Bosnien und Afghanistan und schaffte es bis in den Rang eines Oberstleutnants, bevor er 2009 wegen PTBS seinen Dienst aufgeben musste. Über Alkoholsucht, Arbeitslosigkeit und Selbstmordversuche wolle niemand offen reden, obwohl diese Begleiterscheinungen von PTBS aus den USA bekannt sind, so der Ex-Soldat. In der US-Armee ist PTBS inzwischen zu einer Katastrophe geworden: Für jeden gefallenen Amerikaner in Afghanistan und Irak kommen in diesem Jahr statistisch noch mal 25 Soldaten, die sich wegen ihrer kranken Psyche das Leben nehmen.

Verglichen mit den USA, die bereits nach dem Truppenabzug aus Vietnam mit Hunderttausenden Verstümmelten und Traumatisierten umgehen mussten, haben die meisten Menschen in Deutschland wenig Erfahrung mit Veteranen. "Es ist gut, dass in der Öffentlichkeit über PTBS gesprochen wird", sagt Timmermann-Levanas. "Dabei fallen aber andere psychische Schäden unter den Tisch." Mit Anpassungsstörungen und Angstzuständen ohne das Label PTBS stoßen die Soldaten erst recht bei ihren Mitmenschen auf Ignoranz und Ratlosigkeit. Um für die Rechte der Versehrten zu kämpfen, hat er den Bund deutscher Veteranen gegründet und war mit dafür verantwortlich, dass durch ein neues Gesetz Betroffene und Hinterbliebene eine höhere Entschädigung bekommen.

Dennoch gehen vor allem Zeitsoldaten, die nicht mehr im Dienst sind, häufig leer aus. Viele müssen nach dem Einsatz mit der Waffe in ihrer Heimat noch einen langwierigen Papierkrieg führen. Oft scheitern traumatisierte Soldaten vor den Behörden mit Anträgen auf Entschädigung und Weiterbeschäftigung. Vor allem dann nämlich, wenn die Symptome der PTBS erst viele Jahre nach den traumatisierenden Ereignissen auftreten. "Das ist nicht gerade förderlich für die Genesung", sagt Peter Zimmermann, Chefarzt am Psychotraumazentrum in Berlin. Die Kritik an der Bundeswehr kann er nicht nachvollziehen. Trotz der Fortschritte der Militär-Mediziner im Kampf gegen die Krankheit, sieht aber auch er Verbesserungsbedarf. "Die Bundeswehr-Spitze tut sich schwer damit, der Psychiatrie den Stellenwert einzuräumen, der nötig wäre", sagt Zimmermann. Es fehlen vor allem Ärzte, die für die spezielle Behandlung qualifiziert sind.

PTBS ist heilbar, Therapie ist aber langwierig

Normalerweise ist PTBS heilbar. 80 Prozent der Patienten lernen nach aufwendigen Behandlungen, mit ihren Erlebnissen umzugehen, und können noch während der Therapie wieder den Dienst aufnehmen. Auch Holger Roßmeier hat seine Uniform inzwischen wieder angezogen. Über den Berg fühlt sich der Berufssoldat aber noch nicht. Nach guten Phasen kommt bei ihm die Aggressivität immer wieder durch, Erinnerungen an Kabul beherrschen in kritischen Zeiten seinen Alltag.

Die Ehe drohte zu zerbrechen, für die beiden Söhne ist es doppelt hart. "Zwischendurch erschien mir der Selbstmord als Möglichkeit", sagt der 41-jähirge Feldwebel mit kräftiger Stimme. Seine sachliche Eloquenz steht im Widerspruch zu seiner Gedankenwelt; bis heute quälen ihn Schuldgefühle. Inzwischen hat er die Selbsthilfegruppe "Roter Freitag" gegründet, in der sich traumatisierte Lokomotivführer, Polizisten und Feuerwehrleute gemeinsam treffen. Die Betroffenen können hier das Erlebte teilen und sich das geben, was ihnen zu viele Mitmenschen verwehren: Rückhalt, Verständnis und Anteilnahme. 

Andreas Pankratz ist Volontär der Bundeszentrale für politische Bildung.

Fotos: ©Holger Roßmeier



Links

Dossier der bpb über Afghanistan: www.bpb.de/internationales/asien/afghanistan

Mehr Infos über PTBS: www.angriff-auf-die-seele.de/ptbs

Selbsthilfegruppe "Roter Freitag": www.roterfreitag.de

Buch von Timmermann-Levanas: http://die-reden-wir-sterben.de