Die AUFmacher

Wie ein Zeitungsprojekt Hoffnung geben will

26.5.2012 | Alfhild Böhringer | Artikel drucken

Der Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern ist fast doppelt so groß wie das Saarland. Gleichzeitig gehört er zu den am dünnsten besiedelten Landstrichen in Deutschland. Unter der massiven Abwanderung nach der Wende haben auch die Plattenbausiedlungen in Hagenow, Boizenburg, Neustadt-Glewe und Wittenburg stark gelitten. Es sind vergessene und verlassene Wohngebiete.

Dieser Tristesse wollte die Evangelische Jugend Schwerin (ESJ) etwas entgegensetzen. "Wir wollen die Themen der Bürger platzieren", sagt Thomas Ruppenthal. Er kennt die Gegend wie kaum ein anderer. Seit Jahren ist er hier für die ESJ mit seinem roten Minibus namens "Volxmobil" unterwegs und kümmert sich um die Belange jener, die von vielen bereits vergessen wurden. In seiner Arbeit ist er schon oft auf Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gestoßen. Um diesen Ansichten etwas entgegenzuhalten, haben die EJS und die Jugendpresse Deutschland die Bürgerzeitung "Die AUFmacher" ins Leben gerufen. Darin berichten die Anwohner selbst über Themen, die sie bewegen. Der Austausch über Veranstaltungen und Entwicklungen in den Siedlungen soll gefördert und die lokale Identität gestärkt werden.

Redaktion mit acht Mitgliedern

"Eine der größten Herausforderungen sind die enormen Distanzen im Landkreis", erzählt Jochen Markett, der gemeinsam mit Greta Wonneberger die monatlich stattfindenden Redaktionskonferenzen moderiert. Beide sind freie Trainer für Medienarbeit aus Berlin. "Die Redakteure sind selbst in die Themen involviert. Das ist ein anderes Handwerk als klassischer Journalismus, der ja relativ neutral berichtet", sagt Markett über seine Erfahrung mit dem Medium Bürgerzeitung. Das Titelthema der ersten Ausgabe lautet: "Müllkatastrophen im Stadtteil".

Nach ersten Anlaufschwierigkeiten hat die Redaktion inzwischen acht Mitglieder. Die Motivationen mitzuarbeiten sind verschieden. "Ich will es den Bürgern wieder schmackhaft machen, mit dem Schiff zu fahren", sagt Dieter Pohl, der früher Schiffe in Boizenburg gebaut hat. Christa Hess will hingegen für ihren "Mutti-Treff" werben. Hier berät sie Frauen bei der Suche nach einem Kitaplatz oder klärt sie über ihre Rechte bei möglichen Sorgerechtsstreits auf. Riccardo Leu will mit einem Raptext über das Leben in den Siedlungen berichten. "Es gibt viel Zusammenhalt, aber auch viele Probleme. Vor allem nerven mich die vielen Scherben auf den Spielplätzen", sagt der 20-Jährige.

Die Probleme sollen durch die Bürgerzeitung wieder zum Thema im Kiez werden. Ob das gelingt, untersucht ein Begleitforschungsprojekt der Universität Leipzig. "Die Forschung zeigt: Mediale Partizipation und politisches Interesse hängen eng zusammen. Wenn sich das Projekt im Ort herumspricht, kann möglicherweise ein positiver Effekt erzielt werden", sagt Professor Martin Welker vom Institut für Kommunikation und Medienwissenschaft. Wie viele Familien die Zeitung lesen werden, muss sich zeigen. 

Alfhild Böhringer (25) studiert in Berlin und arbeitet als freie Journalistin.

Fotos: © Alfhild Böhringer



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Das Projekt AUFmacher der Jugendpresse Deutschland