t

Mathieu Kassovitz: Hass - La Haine

24 Stunden in einem Film voller Gewalt und Verzweiflung

16.4.2012 | Imke Emmerich | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von 'nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: 'Bis hierher lief's noch ganz gut, bis hierher lief's noch ganz gut, bis hierher lief's noch ganz gut …' Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung." Mit diesen Worten in ein schwarzes Frame gesprochen beginnt Hass (La Haine, 1995), der in Anlehnung an reale Geschehnisse gedreht wurde. Schon lässt sich der Spannungsbogen erahnen, der einen Tag im Leben der drei Protagonisten Saїd, Vinz und Hubert bestimmen wird: Irgendwie geht es schon weiter im tristen, mit klotzigen Hochhäusern zugebauten Vorort von Paris. Bis die Landung bevorsteht, die Entscheidung zwischen Gut und Böse, Chance und Scheitern, Leben und Sterben.

"Ich muss abhauen, Maman"

Vinz ist Jude, Hubert afrikanischer Herkunft, Saїd hat arabische Wurzeln. Sie sind jung, aber ihr Alltag besteht bloß aus Joints, Rumlungern und krummen Geschäften. Zur Schule oder Arbeit gehen sie nicht. In der Nacht hat es mal wieder Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei gegeben, keine Besonderheit. Doch während der Krawalle wird Abdel, ein anderer Junge aus dem Viertel, von einem Polizisten schwer verletzt und liegt nun im Koma. Der ohnehin aggressive Vinz – die vier Buchstaben des Namens zieren den großen Schlagring an seiner Hand – will einen "Bullen" töten, "das Gleichgewicht" wieder herstellen, sollte Abdel sterben. Dass er eine Waffe findet, die ein Polizist bei den Ausschreitungen verloren hat, kommt ihm gelegen. "Mit der Wumme bist du der König des ganzen Viertels!", begeistert sich Saїd, der seine Perspektivlosigkeit mit prolligen Sprüchen als Clown des Trios übertüncht. Hubert ist ein Nachdenklicher, er will etwas verändern. Seiner Mutter erklärt er in der Küche: "Ich muss abhauen, Maman, ich muss einfach von hier abhauen!" "Aber klar, und wenn du an 'nem Supermarkt vorbeikommst, bringst du mir 'nen Salat mit." Sie weiß, wie gering seine Chance auf ein besseres Leben ist. Ein paar Mal läuft er an einem Plakat vorbei, darauf abgebildet ist die Erde mit dem Claim "La monde est à vous!": "Die Welt gehört euch!"

Auf bedrückende und zugleich spannende Weise erzählt Kassovitz die gesellschaftliche Misslage im Paris der 90er-Jahre – zwischen Stadt und Vorstadt, Reich und Arm –, die 2005 in heftigsten Unruhen gipfelten. Es fällt nicht auf, dass der Film und sein Thema bereits 17 Jahre alt sind. Kassovitz überlässt es den Zuschauern selbst, Urteile zu fällen und Überlegungen anzustellen über die Jungs, die Polizei, die Pariser Gesellschaft. Den verletzten Jungen Abdel sieht man nur als Bild in den Fernsehnachrichten, man erfährt nichts über die tatsächliche Freundschaft zwischen ihm und Vinz, Saїd und Hubert. Und so kann man auch nur spekulieren, ob Vinz' Hass wirklich aus der schweren Verletzung von Abdel gespeist ist oder ob es ein viel tiefer liegender Hass ist, der ihn immerzu antreibt zu noch mehr Gewalt.

Perspektivlosigkeit in Schwarz-Weiß

Kassovitz, der bei der Auszeichnung seines Films 1995 mit dem César selbst erst Ende 20 war, gelingt es, in der Kürze der Erzählung markante Portraits der Protagonisten in ihrer Umgebung zu zeichnen. Deren großer, gemeinsamer Nenner ist die Ausweglosigkeit des Alltags. Kälte und Trostlosigkeit macht Kassovitz durch das Schwarz-Weiß des Films und die schlichten, aber wirkungsvollen Bilder für den Zuschauer erlebbar. Die harte Sprache der Jungs und der französische HipHop im Hintergrund – der in den Banlieues der 80er- und 90er-Jahre entstand – untermalen das Derbe, das Direkte des Films. Die Dialoge sind aus dem Leben gegriffen, gleich einer gelungenen Dokumentation. Beim Kameraflug über die Banlieue-Kids zwischen den Hochhäusern sagen Edith Piafs berühmte Zeilen, gemixt in HipHop-Strophen, wohl alles über die Denke dieser chancenlosen Jugend: "Non, rien de rien. Non, je ne regrette rien!"

Imke Emmerich ist Volontärin der BpB.

Fotos: © Arthaus



Mehr zum Filmschaffen von Mathieu Kassovitz auf den Seiten der Internet Movie Database.




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)