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Es gab keinen Plan B

In Berlin zu Hause: Marie NDiaye, französische Autorin

20.4.2012 | Sarah Schmidt | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Marie NDiaye

Marie NDiaye

Seit 2007 lebt die französische Autorin Marie NDiaye in Berlin. Nach Frankreich zurückkehren möchte sie nicht. Nicht, solange Sarkozy dort Präsident ist. Dieser Mann "vergifte das Land", sagte NDiaye, er stehe für alles, was verachtenswert sei. Die konservative Regierung biedere sich an die Reichen und die Rechten an, und sie würde das Leben dort unerträglich machen.

Das sind starke Worte von einer der wichtigsten französischen Schriftstellerinnen. Ihre Kritik an Sarkozy und der französischen Migrationspolitik äußerte sie im August 2009 in dem Kulturmagazin Les Inrockuptibles. Wenig später wurde der damals 42-Jährigen der bekannteste Literaturpreis Frankreichs, der Prix Goncourt, zugesprochen.

"Maulkorb-Forderung"

Daraufhin forderte ein konservativer Regierungsabgeordneter, dass Preisträger sich in Zukunft nicht mehr politisch äußern sollten – sie seien Repräsentanten Frankreichs, und von denen erwarte man Zurückhaltung. Diese Äußerungen empörte viele Kulturschaffende in Frankreich. Letztlich wurde das "Stillschweigegebot" aber doch nicht durchgesetzt. Die unwürdige Debatte war ein deutliches Zeichen für das schlechte Verhältnis zwischen Intellektuellen und der Regierung in Frankreich.

Wer aber ist diese Schriftstellerin, die solche Diskussionen auslösen kann? Marie NDiaye wuchs in der Nähe von Orléans, in der französischen Provinz auf. Ihr Vater, der als Student aus dem Senegal nach Frankreich kam, hatte sich früh von der Familie getrennt. Sie lernte ihn erst mit elf Jahren kennen. NDiayes Sozialisation war, wie sie selber sagt, eine hundertprozentig französische.

Als Kind las sie viel, war Klassenbeste. Doch das Angebot, beim "concours général" mitzumachen, einem landesweiten Wettbewerb unter den besten Schülern, lehnte sie ebenso ab wie ein Studium an der "École normale supérieure" in Paris, einer der besten Hochschulen Europas. NDiaye wusste nämlich längst, was sie in ihrem Leben machen wollte: schreiben.

Ein klares Ziel vor Augen

Mit 17 Jahren verfasste sie ihren ersten Roman. Der Verlag, dem sie das Manuskript schickte, nahm sie sofort unter Vertrag. Marie NDiaye empfand das, erzählte sie später, als ganz selbstverständlich. Auf die Idee, dass ihr Buch abgelehnt werden könnte, war sie überhaupt nicht gekommen. Es gab für sie keinen Plan B; sie meinte es von Anfang an ernst mit der Schriftstellerei.

Lesen sei ihr Hobby, sagte sie einmal, Schreiben aber etwas, das sie tun müsse. Rund zwanzig Romane und Novellen hat NDiaye seitdem veröffentlicht, dazu mehrere Theaterstücke. Sie erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, heiratete und bekam drei Kinder. Ganz ohne Frage ist sie eine starke Frau.

"Drei starke Frauen", so heißt auch ihr letzter Roman, für den sie 2009 den Prix Goncourt erhielt. Es ist eine sehr eigenwillige Vorstellung weiblicher Stärke, die Ndiaye dort entwirft. Die Frauen, die in drei lose miteinander verknüpften Geschichten beschrieben werden, sind keine Kämpferinnen; ihre Kraft liegt im Stillen, im Ertragen und Hinnehmen. Das ist nicht leicht zu lesen. Immer wieder wünscht man sich, eine der Frauen würde aufstehen, mit der Faust auf den Tisch hauen und das Leben in die eigenen Hände nehmen. Das aber verweigert NDiaye ihrer Leserschaft konsequent. Ihre Frauen spielen einfach nicht mit, sie akzeptieren die gesellschaftlichen Regeln nicht und drücken dies in einer stummen Verweigerung aus, so dass die äußeren, oft grausamen Umstände nie ihre Seele angreifen können.

Die klare, klassisch geschulte Sprache von NDiaye hat etwas Magisches, ihre feinen Satzfäden dringen in die Tiefe der menschlichen Psyche vor und holen das Grauen an die Oberfläche. Wie bei der Szene eines morgendlichen Streits, nach dem der Mann sich später nicht mehr erinnert, was genau er zu seiner Frau sagte: doch hoffentlich nicht diesen einen, ganz furchtbaren Satz? Den er zwar manchmal gedacht hat, aber nie aussprechen wollte? Und was, wenn er ihm doch rausgerutscht ist? Wird sie ihn hassen, das gemeinsame Leben beenden, wegen einer Unbedachtheit?

In Grenzsituationen Stärke zeigen

Aus dieser Unsicherheit entwickelt sich nach und nach die Angst, dass sein ganzes Leben auseinanderfallen wird. Das erinnert ein bisschen an Hitchcock, ein bisschen an Kafka, bleibt aber doch etwas ganz Eigenes. NDiayes Frauen zeigen keine Angst. An ihnen prallt die Realität ab. Sie registrieren sie, aber reagieren nicht wie erwartet. Ob ein Vater nachts immer in einem Baum sitzt, die eigenen Kinder an fremden Orten auftauchen, im Garten plötzlich täglich eine fremde Frau steht: Nichts erschüttert diese Frauen, weil sie von Anfang an keine Sicherheiten vom Leben erwartet haben. Die drei starken Frauen, die einem auf den ersten Blick so schwach erscheinen, zeigen in diesen Situationen ihre wahre Stärke; sie nehmen das Leben, wie es ist, klagen nicht an, sondern behalten ihre stoische Haltung und damit ihren Stolz.

An Berlin, so Marie NDiaye, schätzt sie besonders die Freundlichkeit der Menschen. Das Gefühl, hier fremd zu sein, erleichtere außerdem das Entwickeln ihrer Romanfiguren, die sich auch nie ganz heimisch fühlen.

Die Stadt hat mittlerweile auch Eingang in ihr Schreiben gefunden. 2011 veröffentlichte sie unter dem Titel "Y penser sans cesse/Unablässig daran denken" ein kleines deutsch-französisches Buch, stilistisch eine Mischung aus Prosagedicht und Rezitativ. Inspiriert dazu haben NDiaye die "Stolpersteine" für die Familie Wellenstein vor ihrem Wohnhaus. Mit solchen in ganz Deutschland verteilten Gedenksteinen wird an das Schicksal jüdischer Menschen erinnert, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Was ist aus der Familie geworden? Wie geht man überhaupt mit Schuld und Vergangenheit um? Solche Themen umkreist sie in dem Text, für den sie eine Frau mit Tochter durch das heutige, ihnen fremde Berlin spazieren lässt.

Die Stadt, in der sie jetzt lebt, hat NDiaye vor allem zu Fuß erkundet: Sie liebt die täglichen, langen Spaziergänge, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Jean-Yves Cendrey, der ebenfalls Schriftsteller ist, unternimmt. Zum Arbeiten hat sie ein Büro im berühmten Corbusierhaus angemietet – ein unter Denkmalschutz stehendes Hochhaus im tiefen Berliner Westen, entworfen von dem französischen Stararchitekten Le Corbusier. Dort arbeitet sie in der Regel täglich zwei Stunden an ihren Texten.

Zurzeit wird es aber mehr sein, denn NDiaye schreibt an ihrem neuen Roman. Diesmal soll Charlottenburg, ihr Lieblingsbezirk in Berlin, eine wichtige Rolle spielen. Berlin ist eine Bereicherung in ihrem Leben, sagt sie. Diesen Satz kann man gewiss auch umdrehen – Marie NDiaye ist eine Bereicherung für die Stadt.

Marie NDiaye: Drei starke Frauen (Suhrkamp 2011, 342 S., Übers. v. Claudia Kalscheuer, auch als Ebook, 9.95 €)

 

 

 

Marie NDiaye: Y penser sans cesse/Unablässig daran denken (Editions de L’Arbre Vengeur 2011, 110 S., deutsch/französisch, Übers. v. Claudia Kalscheuer, Fotografien von Denis Cointe, 13 €)

 

Sarah Schmidt lebt als Autorin in Berlin.

Foto: © Catherine Hélie/Editions Gallimard.







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