Autor Albert Lefranc
Der französische Autor Alban Lefranc, 36, beschäftigt sich gerne mit Deutschland: Er hat je einen Roman zu Fassbinder, Nico und Vesper geschrieben, Peter Weiss übersetzt und in verschiedenen deutschen Städten gelebt. Nicht nur in Berlin, sondern auch, zum Beispiel, in Bochum. Heute lebt er in Paris und arbeitet regelmäßig als Moderator und Kurator für das dortige Goethe-Institut.
Zurzeit allerdings schreibt er an einem Roman über Muhammed Ali und an einer neuen Fassung seines Buches über den deutschen Regisseur Rainer Werner Fassbinder.
Stephanie Wurster: Lieber Monsieur Lefranc, Sie leben in Paris, haben aber auch eine längere Zeit in Berlin verbracht. Was haben Sie da denn gemacht?
Alban Lefranc: Ich habe drei Jahre in Berlin gelebt, sieben Jahre insgesamt in Deutschland – neben Berlin auch in Bonn, Dresden und Bochum. In Berlin habe ich mehrere Ausgaben der Zeitschrift La mer gelée herausgegeben, einem Projekt, das damals ziemlich zeitintensiv war, weil wir viele öffentliche Lesungen gemacht haben, meistens zweisprachig, auf Festivals oder Buchmessen. Das war eine editorische Arbeit, wir mussten es aber auch immer wieder hinkriegen, die Zusammenarbeit der zahlreichen Akteure der Zeitschrift zu koordinieren: Autoren, Übersetzer, Grafiker, aber auch bildende Künstler, Filmemacher und so weiter.
La mer gelée, das war eine echt schicke französisch-deutsche Literaturzeitschrift, im Netz und auch als Heft – leider gibt es die nicht mehr, oder?
La mer gelée gibt es immer noch! Die Herausgeber tauschen sich nach wie vor untereinander aus und denken über die nächste Ausgabe nach. Es wird aber wohl ein Weilchen dauern, bis eine neue Ausgabe erscheint.
Bereichernde Begegnungen und Entdeckungen
Ich habe in Berlin auch meine zwei letzten Bücher geschrieben, "Des foules, des bouches, des armes" und "Vous n'étiez pas là", die in Deutschland gemeinsam als Trilogie veröffentlicht wurden, in "Angriffe" [Blumenbar 2008], in der Übersetzung von Katja Roloff. Die Arbeit mit ihr war für mich sehr wichtig: Sie hat sehr genaue und anregende Fragen an den Text gestellt, Fragen, die mir ermöglichten, mir genauer darüber klar zu werden, was ich wollte.
Und nicht zuletzt war das eine Zeit voller bereichernder Begegnungen und Entdeckungen, ich habe immer noch viele Freunde in Berlin. Ich kehre regelmäßig dorthin zurück, für verschiedene Projekte – wie die Konferenzreihe "PARIS/BERLIN 2030", die von La mer gelée und sprachgebunden organisiert wurde. Oder dieses Jahr für Konferenzen über Fassbinder, die die Filmzeitschrift Revolver veranstaltet.
Was mögen Sie an Deutschland?
An Berlin mag ich sehr, dass man sich viel freier fühlt als in Paris und dass die Stadt ein unvergleichbar vielfältigeres Nachtleben bietet. In Berlin – aber das ist ja schon häufig gesagt und geschrieben worden – ist es einfacher, mit wenig Geld auszukommen. Dass die Stadt in permanentem Wandel begriffen ist, dass man dort ziellos umherirren kann, das ist auch sehr stimulierend.
Und dann gibt es da noch eine ganze Reihe diffuser Gefühle – aber es ist ja immer bedenklich, nach kollektiven Eigenschaften zu suchen, einen vermeintlich "deutschen Charakter" einem vermeintlich "französischem Charakter" entgegenzusetzen.
Was ich sehr spannend fand, ist, dass man sich ständig mit ganz konkreten, sprachlichen Problematiken auseinandersetzt: Wie sagt man dies, wie sagt man jenes? Wie wird die französische Sprache nach und nach von deutschen Wendungen, von Germanismen beeinflusst? Warum lassen sich manche französische Ausdrücke nicht einfach ins Deutsche übertragen?
Man entdeckt also, dass es unübersetzbare Wörter gibt und verliert ein für alle Mal die Illusion der Selbstverständlichkeit, auch in seiner eigenen Sprache. Man befindet sich in einem andauernden Zustand des "Weder-nochs", ist nie ganz "zu Hause" im Deutschen, empfindet der französischen Sprache gegenüber aber ein zunehmendes Fremdheitsgefühl – und stellt mit einem Mal vieles in Frage.
Sie haben 2008 mit "Angriffe" – Sie haben es ja schon erwähnt – ein Buch mit drei kurzen Romanen veröffentlicht, je einer zu deutschen Großfiguren, nämlich zu Rainer Werner Fassbinder, Nico und Bernward Vesper. Wieso diese drei?
Diese drei setzten sich intensiv mit dem Verhältnis zwischen Körper und Politik auseinander. Jeder von ihnen verkörpert die Epoche auf seine Weise, reagiert physisch auf die politische Gewalt der 1960er- und 1970er-Jahre. Ausgangspunkt des Ganzen war der Film "Deutschland im Herbst", der aus mehreren Kurzfilmen besteht, von Filmemachern, die auf die Ereignisse im Herbst '77 reagierten – als die politische Gewalt ihren Höhepunkt erreichte und sowohl die RAF als auch der Staat die BRD in eine regelrechte Gewaltspirale hineinzogen.
Anstatt diskursiv auf die Ereignisse einzugehen, entschied Fassbinder, sich zu entblößen; seinen verletzten, erschütterten, gleichsam dramatischen Körper zu zeigen. Er entschied sich dafür, das Intime auszustellen, um so über die politische Situation zu sprechen. Und diese sehr intuitive, sehr direkte Herangehensweise erschien mir sehr stimmig.
Ich habe versucht, diese drei Persönlichkeiten nicht zu beurteilen, sondern ihre emotionale Disposition möglichst präzise zu erfassen, sie von innen heraus erzählen zu lassen, mit der ihnen eigenen Gewalt, ihrem Wahn, ihrer Schönheit.
Für Fassbinder und Nico galt, dass man sie im Ausland höher schätzte als in Deutschland. Sind gerade die Künstler, die in ihrem eigenen Land unterschätzt werden, die interessanteren?
Das sehe ich nicht so. Fassbinder hat in Deutschland eine große Bedeutung. Er wird oft als der wichtigste Filmemacher der Nachkriegszeit bezeichnet. Sein Einfluss ist auch heute noch enorm. Wim Wenders und Werner Herzog zum Beispiel, um nur zwei zu nennen, machen zwar ganz andere Filme, sind jedoch immer große Fassbinder-Bewunderer gewesen. Die jungen Leute kennen ihn vielleicht weniger, aber einige seiner Filme waren damals sehr erfolgreich. Er war natürlich umstritten, mitunter sogar verhasst – aber jeder kannte seinen Namen. Und was Nico betrifft, so ist das genau das Thema meines Buches. Es ist das tragische Schicksal einer Frau in einem Männer-Milieu, einer Frau, die viel zu oft nur auf ihre Schönheit reduziert wurde. Ich habe mir vorgestellt, wie sie gegen das alles rebelliert.
Muhammed Ali: die lichte Seite
Sie arbeiten zurzeit, höre ich, an einem Buch über Muhammed Ali, der auch schon in "Angriffe" eine Rolle spielt. Stimmt das?
Ja, Ali tauchte auch schon in meinen anderen Büchern auf. Ich verfolge mehrere Projekte rund um diese Figur: ein Hörspiel, das auf France Culture im Oktober 2011 ausgestrahlt wurde, ein Dokumentarfilmprojekt und schließlich einen Roman, der demnächst bei Verticales/Gallimard erscheinen soll.
Ali ist in meinen Augen eine sehr wichtige Figur – darin, wie er, mit einer Art physischer Leidenschaft, die Gewalttätigkeit einer Ära verkörpert, wie Fassbinder und Nico auch, wenn auch auf eine ganz andere Art. Mit seiner außergewöhnlichen physischen Kondition und seinem herausragenden Erfolg verkörpert er die lichte Seite dessen, was Nico und Fassbinder mitunter in Niedergang und Erschöpfung durchlebt haben. Auf den Körper von Ali – diesen kontrollierten, disziplinierten, ausgestellten Körper, der zugleich eine Werbeikone war – wurden eine Reihe politischer Fragen projiziert, die weit über die Welt des Boxens hinausgingen.
Obwohl Frankreich unser direktes Nachbarland ist, erscheinen erstaunlich wenige Übersetzungen aus dem Französischen in Deutschland. Was glauben Sie, woran das liegt?
Ja, das ist tatsächlich so. Erstaunlich eigentlich, denn es gibt sehr viel Austausch. Angesichts der Tatsache, dass in Frankreich immer weniger Deutsch gelehrt wird, können wir uns immerhin darüber freuen, dass jedes Jahr zahlreiche deutschsprachige Autoren übersetzt werden.
Ganz allgemein glaube ich, dass es eine viel stärkere erzählerische Tradition in Deutschland gibt, dass der angelsächsische Einfluss größer ist. Was meistens gut ist, aber auch nach hinten losgehen kann.
Sie reden jetzt über die Gegenwartsliteratur, oder? Was geht da manchmal nach hinten los?
Man hat es – in Frankreich wie auch in Deutschland – oft mit gut gemachten Geschichten zu tun, die aber seelenlos sind, gleichsam blutleer, leblos. Geschichten, die jegliche Spannung vermissen lassen, die wie von einem Computer geschrieben wirken. Das sind dann eher Drehbücher als Romane, mit einer äußerst armseligen Sprache, voller Klischees und Phrasen.
Allgemein interessiert mich an einem Buch viel mehr die Art des Ausdrucks als die Erzählung an sich. Viel wichtiger als kleinkrämerische Plots scheint mir die sprachliche Intensität, liegt mir daran, dass die Sprache gegen den Strich gebürstet wird. Hinter der Sprache eines Schriftstellers muss ich einen Körper spüren. Die Sprache ist nichts Glattes, nichts Geruch- und Farbloses, das uns von vorneherein gegeben ist: Man muss ihr eine fleischliche, sexuelle, politische Dimension geben – oder zurückgeben –, das gelebte Leben muss sich in ihr ausdrücken, das Erstaunen, die Verwunderung, die Verzweiflung, auf der Welt zu sein.
"Berlin Alexanderplatz" ist ein gutes Beispiel dafür. Vor kurzem wurde es in Frankreich wiederentdeckt, dank der wunderbaren Übersetzung von Olivier Le Lay. Ich beschäftige mich derzeit wieder sehr intensiv mit dem Text, weil ich eine neue Fassung meines Buches über Fassbinder vorbereite. Döblins Buch hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet.
Ja, das ist wirklich ein großartiges Buch …
"Berlin Alexanderplatz" ist ein Meisterwerk, wie es nicht zehn in einem Jahrhundert gibt. In jedem Satz findet sich Neues. Nicht Döblin ist modern, sondern ein Großteil der aktuellen literarischen Produktion hinkt ihm hundert Jahre hinterher.
Ein letzter Punkt noch: Die Arbeit der Übersetzer wird allzu oft übersehen, verkannt. Und sie sind in Deutschland skandalös unterbezahlt – 30 Prozent weniger als in Frankreich. Dabei ist der Übersetzer viel mehr als nur ein einfacher Techniker: Er nimmt Besitz von der Sprache, legt seine ganze Energie hinein. Geht es um die Übertragung großer Schriftsteller (wie beispielsweise Céline, großartig übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel), muss der Übersetzer eine ganz neue Sprache finden, sich selbst einer ähnlichen Aufgabe aussetzen wie der Schriftsteller mit seinem Originaltext.
Sie müssen es wissen, denn Sie arbeiten selber als Übersetzer aus dem Deutschen. Kurz und knapp: Was gefällt Ihnen an der deutschen Sprache?
Ihre Autoren: Büchner – der "Lenz" von Büchner ist eine der verrücktesten Sachen, die ich kenne –, Brecht, Döblin, Grass und viele andere. Und was heutige Autoren angeht: Thomas Jonigk oder Thomas Melle.
Alban Lefranc: Angriffe (Blumenbar 2008, 320 S., 19.90 €)
Stephanie Wurster lebt als freie Autorin und fluter.de-Redakteurin in Berlin.
Foto: © privat
Coverabbildungen: © Blumenbar Verlag; © La mer gelée
Alban Lefrancs Blog (franz.)
Die Seite von La mer gelée
Blog zu dem Buch "Angriffe" von Alban Lefranc
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