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Der französische Film, ein Nationalgut

Wenn die Politik den Film verteidigt

4.4.2012 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Henri Langlois

Henri Langlois

Die Franzosen lieben ihre Weine, ihre Sprache, ihre Autos, ihre Traditionen. So vehement, wie sich die Hüter der französischen Sprache seit Jahrzehnten gegen die Durchdringung ihres Wortschatzes mit anglophilen Begriffen wehren, wird auch die eigene Kultur mit allen Mitteln gegen äußere Einflüsse verteidigt. Die Künste haben in Frankreich schon immer einen Sonderstatus genossen, wobei die Politik die Rolle des Schutzpatrons übernahm.

"Exception culturelle"

Kulturelle Ausnahme, so heißt das Prinzip, das in Frankreich die Kultur sozusagen unter Artenschutz stellt. Die "Exception culturelle" verbietet es, kulturelle Erzeugnisse wie kommerzielle Produkte zu behandeln. Die französische Kultur darf weder den Kräften des Marktes ausgesetzt sein, noch dürfen ihr ökonomische Attribute zugeschrieben werden. Diese politische Maßnahme war in erster Linie eine Reaktion auf die Hegemonie der amerikanischen Kultur, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg förmlich überrollte. Die Schutzmechanismen hatten jedoch den schönen Nebeneffekt, dass die kulturelle Diversität in Frankreich über Jahrzehnte gefördert wurde und sich ein stärkeres kulturelles Bewusstsein entwickeln konnte.

Das Land der Filmpioniere

Es verwundert daher nicht, dass das Kino gerade in Frankreich den Stellenwert einer nach Architektur, Bildhauerei, Malerei, Tanz, Musik und Dichtung "siebten Kunst" genießt. Das Kino, dank Filmpionieren wie den Brüdern Lumière und Georges Méliès gewissermaßen eine französische Erfindung, ist Teil der kollektiven Erinnerung. In keinem anderen Land ist die Filmkultur so ausgeprägt wie in Frankreich, das über die weltweit größte Dichte an Kinos verfügt. Mit einem Anteil von weniger als 50 Prozent internationaler Produktionen, darunter in erster Linie natürlich amerikanische Filme, auf den einheimischen Leinwänden erfreut sich das französische Kino zudem eines großen Publikumszuspruchs. Diese Entwicklung verdankt sich der spezifisch französischen Gemengelage aus kulturellem Selbstverständnis, politischem Willen und den unermüdlichen "Erziehungsmaßnahmen" durch prägende Figuren wie dem Gründer der Cinémathèque Française, Henri Langlois, und den Filmemachern der Nouvelle Vague wie Godard, Truffaut, Rivette oder Rohmer.

Viele Euro für den Film

Der politische Faktor ist hierbei nicht zu unterschätzen. Denn während das Kino in den meisten westlichen Kulturnationen lediglich als Ware betrachtet wird, blickt die staatliche Filmförderung in Frankreich auf eine lange Tradition zurück. 1946 wurde das Centre National de la Cinématographie (CNC) als zentrale Schaltstelle staatlicher Filmpolitik ins Leben gerufen. Das CNC ist bis heute für die Verteilung von Subventionen sowie den Schutz des Filmerbes verantwortlich, womit im Instrument des CNC auf die Vergangenheit und auf die Gegenwart bezogene Kulturpolitik ineinandergreifen. Die Fördergelder des CNC stammen zum überwiegenden Teil aus der Filmindustrie selbst. In Frankreich müssen Filmverleiher bis zu 12 Prozent der Einnahmen aus Kinokartenverkauf als kulturelle Sondersteuer entrichten, die somit über Umwege wieder der französischen Filmindustrie zugute kommen. Über die Hälfte dieser Fördergelder fließt in die Filmproduktion, etwa ein Drittel wird in die Infrastruktur investiert, etwa in die Aufrüstung der Kinosäle mit digitalen Projektoren oder in die finanzielle Unterstützung von kommunalen Kinos. Aber natürlich entsteht ein kulturelles Bewusstsein nicht allein durch politische Maßnahmen; solche Maßnahmen können es höchstens befördern. Kino ist in Frankreich schon immer ein integraler Aspekt des öffentlichen Lebens gewesen.

Eine große Liebe, die Liebe zum Kino

Bereits in den 1950er-Jahren begannen in Paris Filmclubs aus dem Boden zu schießen. In den Clubs wurden nicht nur Filme gezeigt, sondern auch Seminare abgehalten. Das Kino war in einen weitreichenden gesellschaftlichen Diskurs eingebunden. Die Filmclubs erfüllten in diesem Prozess eine wichtige Funktion. Sie entfachten die Kinobegeisterung (Cinéphilie) einiger weniger, welche wiederum die Botschaft in die Welt hinaustrugen. Henri Langlois, der einen der ersten Pariser Filmclubs organisierte, hat in seinem Leben wahrscheinlich mehr Filmemacher inspiriert als jeder Regisseur. Seine Filmabende, die er zur Not auch im eigenen Wohnzimmer organisierte, waren Treffpunkt der Pariser Künstlerszene. Es gab keine Berührungsängste mit anderen Disziplinen – schließlich war auch der einflussreiche Regisseur Jean Renoir Spross eines berühmten französischen Malers.

Die Übernahme der Cinémathèque Française durch Langlois löste in Paris eine Welle der Cinéphilie aus, die bald das Umland erfasste. Die Regisseure der Nouvelle Vague entdeckten in der Cinémathèque Française ihre Liebe für das Kino, sie schrieben Artikel, gründeten die Zeitschrift Cahiers du Cinema und gingen später dazu über, selbst Filme zu drehen. Die Aufbruchsstimmung der jungen Wilden, die die Generation der alten Männer – Jean Renoir, Rene Clair, Jean Cocteau, Henri-Georges Clouzot, Julien Duvivier – und den französischen Filmkanon aufmischten, fiel nicht zufällig in die Zeit der gesellschaftlichen Unruhen des Mais 1968. Die Entlassung von Langlois als Direktor der Cinémathèque zog bereits im Februar 1968 erste Proteste nach sich, die sich einige Monate später in den Pariser Mai-Unruhen entluden. Langlois hat bis zu seinem Tod 1977 immer wieder gern erzählt, für die 68er-Proteste verantwortlich gewesen zu sein. Historisch ist das eine gewagte Behauptung, aber sie zeigt auch, welche gesellschaftliche Bedeutung sich das französische Kino damals beimaß.

Wegweiser in der Kulturpolitik: Jack Lang

Welchen Stellenwert das Kino heute in Frankreich genießt, zeigt sich darin, dass das Fach Filmvermittlung inzwischen auch auf den Lehrplänen öffentlicher Schulen zu finden ist. Bereits in den 1980er-Jahren wurde an ausgewählten Gymnasien das Wahlpflichtfach "Film und audiovisuelle Medien" angeboten. Wegweisend war jedoch das Projekt "Kino an der Schule" aus dem Jahr 2000, mit dem der damalige Kultusminister Jack Lang die Filmpädagogik revolutionieren wollte. Lang sah das Kino wie selbstverständlich in einer Traditionslinie mit den klassischen gestalterischen Künsten. Was er jedoch vermisste, war eine Förderung der Persönlichkeitsbildung im Schulunterricht durch die ästhetische Auseinandersetzung mit der Kunstform Film. Hierfür schrieb der Filmhistoriker Alain Bergala ein Manifest, das später auch auf deutschen Lehrplänen übernommen wurde. In Frankreich musste "Kino an der Schule" nach nur zwei Jahren eingestellt werden. In der Filmpädagogik hat Bergalas Manifest dennoch Spuren hinterlassen. Das Verständnis, dass das Kino ein lebendiger Gegenstand des gesellschaftlichen Umgangs sein kann, wenn man es nur in einen öffentlichen Diskurs einbettet, ist in Frankreich noch immer weit verbreitet. Darin wird auch der Grundgedanke der Cinéphilie französischer Prägung deutlich, die für ein paar Jahre so starke gesellschaftliche Kräfte mobilisieren konnte. In diesem Anspruch unterscheidet sich das Kino nicht von der Oper oder dem Theater. Und darum wird es in Frankreich auch gleichermaßen ernst genommen. In Deutschland hingegen müssen sich Regisseure wie Christian Petzold und Christoph Hochhäusler noch immer vorwerfen lassen, sie richteten sich mit ihren "schwierigen Filmen" im "Goldenen Feuilletonkäfig" ein.

Andreas Busche ist Filmkritiker für taz, Zeit, konkret und andere.

Foto: ©Cinémathèque Française



Mehr über den französischen Film auf den Seiten der Cinématheque francaise

Das weltweit bedeutende Filmfestival findet jedes Jahr in Cannes statt.





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