Journalist Johannes Willms
Die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahlen ist vorbei: François Hollande liegt vor Nicolas Sarkozy. Beide bestreiten in zwei Wochen die Stichwahl. Wir haben mit dem Journalisten und Frankreichkenner Johannes Willms über die Wahl gesprochen, über den Erfolg des rechtsextremen Front National, die Machtfülle des Präsidenten und die Aussichten der beiden Kandidaten.
Lieber Herr Willms, das Ergebnis der ersten Runde steckte voller Überraschungen. Was hat sie besonders erstaunt?
Die größte Überraschung war das Abschneiden des rechtsextremen Front National und der Spitzenkandidatin Marine Le Pen. Sie ist die eigentliche Siegerin. Auch wenn sie jetzt im zweiten Wahlgang nicht mehr vorkommt.
Wem werden die Wählerinnen und Wähler ihre Stimme geben, die im ersten Wahlgang für Marine Le Pen gestimmt haben?
Schwer zu sagen. Ich glaube nicht, dass alle zu Sarkozy gehen. Ein Wahlausgang lässt sich ja immer unterschiedlich interpretieren. Man kann sagen, drei Viertel der Franzosen haben gegen Sarkozy gestimmt, sie haben Sarkozy satt. Man kann aber auch sagen, es war eine Protestwahl. Ein Drittel hat für Extreme gestimmt. Die wollen weder den einen noch den anderen.
Nach den Umfragen wollten viele Jugendlichen Le Pen wählen. Wie kommt das?
Sie sehen keine andere Form von Protest. Die wissen, mit Marine Le Pen ärgern sie das System, sowohl die Linke als auch die Rechte. In den Umfragen vor der Wahl lag sie niedriger. Das ist bei extremen Parteien natürlich oft so. Wer rechtsextrem wählt, gibt das bei Umfragen meist nicht zu.
Sarkozy hat im Wahlkampf rechtsextreme Themen besetzt, warum hat ihm das nicht genutzt?
Weil die Wähler gesagt haben, das ist nur Taktik. Da haben sie gleich den rechtsextremen Front National gewählt. Die Leute sind empört und enttäuscht. Zum einen wird Sarkozy sein Auftreten übel genommen, zum anderen, dass er seine ganzen Versprechungen nicht eingelöst hat.
Was wäre, wenn Sarkozy trotzdem noch wiedergewählt wird?
Dann hätte er die Chance in fünf Jahren einiges durchzusetzen. Er kann sowieso nicht ein drittes Mal wiedergewählt werden. In der ersten Legislaturperiode wollte er nicht zu viele Leute vor den Kopf stoßen. Jetzt könnte er frei schalten und walten. Aber ich glaube nicht, dass er das täte.
Und wenn Hollande der neue Präsident wird?
Dann bin ich gespannt auf die Ratingagenturen. Wenn Hollande nur einen Teil seiner Versprechungen einlöst, wird Frankreich sofort heruntergestuft. Die wirtschaftliche Lage ist so schon miserabel. Wir haben eine Staatsverschuldung von über 80 Prozent des Bruttosozialprodukts, eine Arbeitslosigkeit von zehn Prozent, ein Handelsbilanzdefizit, das mit jedem Monat wächst, und eine Wirtschaft in der Absatzkrise. Hollande will trotzdem 60.000 neue Lehrerstellen schaffen, die 35-Stunden-Woche wieder einführen und die Rente mit 60.
Was müsste sich denn für Sie ändern in Frankreich?
Das Land müsste grundsätzlich reformiert werden. Aber dazu hat weder Sarkozy noch Hollande den Willen oder die Macht. Vielleicht hätte Sarkozy die größere Chance, weil er nicht wiedergewählt werden kann. Aber die Kraft hat er nicht.
Dabei hat der französische Präsident doch nach der französischen Verfassung eine einmalige Machtfülle.
Stimmt. Der Präsident kann im Grunde seine Politik durchsetzen ohne Rücksicht auf das Parlament. Er ist zwar in bestimmten Fragen von der Parlamentsmehrheit abhängig, aber durch taktische Spielereien lassen sich solche Mehrheiten herstellen. Er kann Politik machen wie kein anderer. Selbst der amerikanische Präsident ist eingeschränkter in seinen Entscheidungen. Wer aber als Präsident fünf ruhige Jahre verbringen will, wird ein bisschen in der Außenpolitik brillieren und die Finger von der Innenpolitik lassen. Das hat Sarkozy gemacht. Das gefällt den Franzosen, weil sie der überkommenen Vorstellung anhängen, dass sie eine Großmacht sind. Man kann diesen Wahlkampf beschreiben als einen Wahlkampf im Dorf von Asterix und Obelix. Das Dorf trotzt dem römischen Imperium und Frankreich trotzt der Globalisierung. Beide Spitzenkandidaten sagen, mit mir werden wir wieder das Gesetz der Welt bestimmen. Das ist natürlich Quatsch.
Wie wird der Wahlkampf in diesem gallischen Dorf weitergehen?
Fast die Hälfte der Wähler hat nicht für einen der erstplatzierten Kandidaten gestimmt. Das ist schon eine finstere Auskunft. Gleichzeitig hatten sie mit über 80 Prozent eine wahnsinnig hohe Beteiligung. Wie das im zweiten Wahlgang aussieht, kommt vermutlich auf die Schlacht an, die jetzt entbrennt. Ich fürchte, das wird eine sehr böse, hässliche Schlacht werden.
Und wie wird sie ausgehen?
Sarkozy hat noch die leise Hoffnung, das Blatt zu wenden, aber ich glaube nicht, dass ihm das gelingt. Dafür ist die Abneigung in der Bevölkerung zu stark. Sarkozy ist immerhin der erste Präsident, der als Zweitplatzierter in die zweite Runde geht. Das ist eine Ohrfeige. Ich denke, dass Hollande das Rennen machen wird.
Interview: Carola Dorner
Foto: "Johannes Willms"/© Karin Rocholl
Johannes Willms: Frankreich (2009. 191 S.: Mit 7 Abbildungen, 2 Karten im Innenteil und 2 Karten im Vorsatz. Gebunden C.H.BECK, 18 Euro)
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