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Der Austausch

Das Deutsch-Französische Jugendwerk verknüpft Menschen miteinander

10.4.2012 | Carola Dorner | Kommentar schreiben | Artikel drucken

1962 haben Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Elysée-Vertrag unterzeichnet. Das ist der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, mit dem die Erbfeindschaft zwischen den beiden Nachbarländern beendet wurde. Seitdem gibt es auch das Deutsch-Französische Jugendwerk. Das DFJW hat, wie es dort blumig heißt, die Aufgabe, "die Bande zwischen der Jugend der beiden Länder enger zu gestalten und ihr Verständnis füreinander zu vertiefen". Die Bande werden vor allem über den Jugendaustausch enger geknüpft. In den letzten 50 Jahren sind etwa acht Millionen junge Deutsche und Franzosen mit dem DFJW ins Nachbarland gereist. Wir haben zwei davon befragt. Eine hat den Austausch vor fast 50 Jahren gemacht und eine ist gerade aus Frankreich zurückgekommen.

Maria und ihre Austauschpartnerin Chloé

Maria und ihre Austauschpartnerin Chloé

Maria Valtchuk

Maria ist 15 und lebt in Berlin. Französisch lernt sie seit drei Jahren und kann sich gut vorstellen, einmal etwas mit der Sprache zu machen. In ihrer Freizeit spielt sie Gitarre, geht reiten und trifft ihre Freunde. In Frankreich war dafür wenig Zeit, weil die Schule dort den ganzen Tag dauert. Ihre Austauschpartnerin Chloé lebt in Trilport etwa 60 Kilometer östlich von Paris. Dort hat Maria gerade im Rahmen des Austauschprogramms "Voltaire" ein halbes Jahr verbracht. Seit zwei Monaten ist sie jetzt zurück in Berlin.

"Meine größere Schwester hat den Austausch auch gemacht, daher kannte ich das Voltaire-Programm. In der Schule hatte ich gar nichts davon gehört. Ich war auch die Einzige aus der Klasse, die sich überhaupt dafür interessiert hat, nach Frankreich zu gehen. Ich mag Französisch, in meiner Klasse ist das aber eher unbeliebt. Zuerst fand ich die Vorstellung komisch, wirklich ganz alleine nach Frankreich zu fahren. Aber ich wollte auch wissen, wie das ist und ob ich das kann. Ich habe eine Zwillingsschwester und bin noch nie wirklich alleine gewesen. Am Anfang hatte ich dann auch großes Heimweh. Da habe ich mich oft gefragt, warum ich mir das überhaupt antue. Nach zwei Monaten war alles in Ordnung.

Meine Austauschpartnerin und ihre Familie kannte ich zum Glück schon. Chloé war davor sechs Monate bei mir gewesen. Mit der Sprache hatte ich riesige Probleme. Anfangs hatte ich den Eindruck, ich verstehe nichts und lerne kaum dazu. Dann kam das ganz plötzlich. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich gar nicht mehr nachfrage, weil ich etwas nicht verstehe. Ich habe sogar Theater gespielt. Das war erst einmal schwierig. Mir die Wörter zu merken, alles richtig und vor allem laut auszusprechen. Wenn ich normal spreche, ist das ja nicht immer ganz so laut und deutlich, beim Theater schon.

Von der Schule hätte ich erwartet, dass die Umstellung von der deutschen auf die französische Schule krasser ist. Es ist mir dann aber gar nicht so aufgefallen, dass wir immer den ganzen Tag in der Schule waren. Zu Hause gehe ich reiten und zum Gitarrenunterricht oder treffe meine Freunde. In Frankreich bin ich wirklich nur zur Schule gegangen und wieder nach Hause. Am Wochenende stehen dann noch Hausaufgaben an. Was mir aufgefallen ist: Die französischen Jugendlichen haben ein ganz anderes Verhältnis zu ihren Eltern. Die erzählen sich nicht so viel, sie sind irgendwie kühler und respektvoller, bei uns ist das offener. Vielleicht betrifft das ganz generell die Beziehung zwischen den Generationen. Auch mit Lehrern und Großeltern gehen sie ganz anders um.

Dafür sind Franzosen unter Gleichaltrigen unkomplizierter. Dort sagt man schneller, dass man befreundet ist. Das fand ich auch komisch. Ein Mädchen, mit dem ich nur kurz gesprochen habe, sagte sofort, sie würde mich vermissen, wenn ich wieder gehe. Ich habe dort viele Leute kennen gelernt und war die meiste Zeit mit Chloé zusammen. Wir haben uns gut verstanden. Als wir in Deutschland waren, fand ich sie irgendwie unselbständig. Das hat mich etwas genervt. Später habe ich verstanden, dass es daran liegen könnte, dass die Schüler in Frankreich viel weniger über ihre Freizeit verfügen können. Vielleicht hätte ich mich mehr um sie kümmern sollen, als wir hier waren. Jetzt mailen und skypen wir viel.

In den Sommerferien kommt Chloé mit zwei Freundinnen zu mir, danach fahre ich mit ihrer Familie in den Urlaub. Es ist komisch, sich nicht zu sehen, wenn man ein Jahr lang so eng zusammen war. Sie ist ein bisschen wie eine Schwester geworden. Dabei sind wir sehr unterschiedlich. Die Lehrer sagten immer, wir tun uns gut, wir nähren uns. Das fand ich schön.

In dem Jahr im Austausch bin ich selbstbewusster und offener geworden. Ich weiß jetzt, dass ich das schaffen kann. Und ich habe gelernt, Klischees zu überdenken. Alle sagen immer, die Franzosen seien arrogant. Das stimmt nicht. Die waren total interessiert und haben mich ständig ausgefragt. Sie fanden das toll, dass ich nach Frankreich komme. Ein Klischee, das stimmt: Die essen viel und sie reden viel und sehr schnell. Von mir wurde manchmal gesagt, ich sei so ordentlich und korrekt, eben typisch deutsch.

Was mir in dem halben Jahr gefehlt hat, waren natürlich meine Familie und meine Freunde. Ich habe aber auch das Mitdenken in der Schule vermisst. Die französischen Schüler denken anders, sie schreiben viel mit und manchmal hatte ich den Eindruck, dass die nicht logisch weiterdenken. Mit der Sprache bin ich zwar irgendwann gut zurecht gekommen. Aber manchmal hat es mir gefehlt, direkt das sagen zu können, was ich wollte. Jetzt fehlen mir die französischen Freunde und das Theater. Ich würde jedem raten, so etwas zu machen. Man muss es sich zutrauen und den Mut haben, die Sprache zu sprechen, auch wenn man erst einmal Fehler macht."

Dr. Angelica Schwall-Düren

Dr. Angelica Schwall-Düren

Dr. Angelica Schwall-Düren

Angelica Schwall-Düren war 1963 bei einem der ersten Austauschprogramme überhaupt dabei. Ihre Frankreichbegeisterung hat seitdem nicht nachgelassen. Sie studierte Französisch, Geschichte und Politische Wissenschaften in Montpellier, Münster und Freiburg. Heute ist sie Ministerin für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien des Landes Nordrhein-Westfalen und Bevollmächtigte des Landes beim Bund.

"Ich bin in Offenburg zur Schule gegangen, also nahe der französischen Grenze und in der ehemaligen französischen Besatzungszone. Die Gegend war sehr französisch geprägt, das spiegelte sich in allem wider. So haben wir in der Schule mit zehn Jahren als erste Fremdsprache Französisch gelernt. Als der Schüleraustausch mit der Partnerstadt Lons-le-Saunier aufgenommen wurde, habe ich mich sofort dafür gemeldet. Damals war das eine Riesensache. Es gab sogar einen Sonderzug. Ich war 14 und aus einfachen Verhältnissen.

Natürlich war es meine erste Reise alleine. Der Austausch war zum Glück kostenfrei. Untergebracht wurden wir in Familien, die über das Deutsch-Französische Jugendwerk vermittelt wurden. Die Schulen haben das damals gesteuert und darauf geachtet, dass die Verhältnisse der Familien ähnlich waren. Ich war über Ostern drei Wochen in der Familie, davon eine Woche in der Schule. Im Sommer kamen die Austauschpartner nach Deutschland. Das ging dann über drei Jahre. Bernadette, meine "Correspondante", und ich hatten noch lange Kontakt, irgendwann haben wir dann den Draht verloren.

Ich fand das damals einfach toll in Frankreich zu sein. Ich war immer anpassungsfähig. Natürlich habe ich erst nichts verstanden. Aber nach drei Tagen kam der Durchbruch. Dann wurde ich jeden Tag besser. Nach der Reise war ich total begeistert und wollte sofort wieder hin. Es hat mir Spaß gemacht, Französisch zu sprechen, mit Jugendlichen zusammen zu sein, ich fand das Essen toll und die Gastfreundschaft. Dass man Ostern mit der Großfamilie bis 17 Uhr zu Mittag isst – so etwas kannte ich nicht. Ich habe damals auch die ganze Zeit französische Musik gehört, Brel, Aznavour, Francois Hardy, Johnny Halliday, Eddy Mitchell. Auch sonst war der Frankreichaustausch ein ganz wichtiger Moment in meiner Jugend. Ich hatte mich verliebt. Als ich wieder zurück war, schrieb ich mit meinem Freund täglich Briefe. Das durfte natürlich niemand wissen, deshalb schrieb ich die in der Schule unter der Bank im Lateinunterricht. Mein Französisch wurde immer besser, mein Latein immer schlechter.

Was mich überrascht hat war, wie wenig uns die Erwachsenen vorgeworfen haben. Schließlich hatten alle Kriegserinnerungen. Schockierend fand ich das Bild des Deutschen, das im Kino transportiert wurde. An meiner deutschen Schule wurde die Nazivergangenheit thematisiert, ich fiel also nicht aus allen Wolken, wenn Sprüche kamen. Ich habe akzeptiert, dass das Thema in die deutsche Identität integriert werden muss, dass wir uns von dieser Verantwortung nicht frei machen können.

Was ich dem Austausch verdanke, sind ganz grundlegende Sprachkenntnisse. Das ging damals bei mir steil bergauf. Ich konnte mich schnell verständigen und habe bis heute eine sehr große Nähe zur französischen Kultur. Ich mache jeden Urlaub in Frankreich. Das hat mich auch in meiner politischen Arbeit geprägt. Als NRW-Ministerin kümmere ich mich intensiv um die Partnerschaft zu Frankreich. Auch privat würde ich jedem zu einem Austausch raten. Es erweitert den Horizont und die soziale Kompetenz und hilft beim Spracherwerb. Ich motiviere immer alle, das zu machen. Schade finde ich es, wenn der Austausch nicht von Dauer ist. Bei uns war das kontinuierlich. So konnten wir die Kontakte über längere Zeit intensivieren." 

Carola Dorner ist freie Journalistin und lebt und arbeitet in Berlin. Ihren ersten Frankreichaustausch machte sie mit 13 mit Pierre aus Paris. Dem Austausch verdankt sie Sprachkenntnisse, zahllose Oster- und Herbstferien in ganz Frankreich, Freunde, tiefe Einsichten ins französische Bürgertum (Großeltern kann man siezen?), Hilfe beim späteren Französischstudium, eine Anlaufstelle in Paris und, und, und.

Fotos: © privat

Fotostrecke: © DFJW / OFAJ



Link

Das Deutsch-Französische Jugendwerk pflegt einen ziemlich bunten Auftritt im Netz.





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