Blick über Paris vom Tour Montparnasse
Da also liegt Paris. Von hier oben, im Café der Tour Montparnasse, hat man einem schönen Überblick. Das Tour Montparnasse ist neulich von amerikanischen Architekturstudenten zum zweithässlichsten Gebäude der Welt erklärt worden. Einheimische sagen, das sei hier der schönste Blick über die Stadt, weil man dabei diesen Schandfleck von Hochhaus nicht sehe.
Man überblickt also le tout Paris: Sacré Coeur, in Gedenken an den Krieg von 1871 erbaut, man sieht den Eiffelturm auf den Champs de Mars, wo früher die schweren Waffen ausgestellt wurden, man sieht die Kuppel des Invalidendoms, wo die Besucher den Überresten Napoleons ihre Aufwartung machen, man ahnt auch, drüben, auf der anderen Seite der Seine, die grands Boulevards, jene Straßen, die Haussmann Ende des 19. Jahrhunderts über den Trümmern der abgerissenen Armenviertel errichtete. Er achtete damals darauf, dass die Architektur bei Straßenkämpfen dem Militär taktische Vorteile verschafft. Paris, die Stadt der Liebe, ist auch als Waffe gebaut worden.
Boulevard Saint-Germain
Krieg herrscht immer noch in Paris, Staatssekretär Benoist Apparu hat ihn erklärt. Seine Gegner: jene Eigentümer, die für die Wuchermieten verantwortlich sind. Die Wohnungsmarktsituation in Paris gleicht einer kollektiven Erpressung. Für Einzimmerwohnungen werden Preise von bis zu 90 Euro pro Quadratmeter aufgerufen. Wer es sich leisten kann, kauft: nach den Turbulenzen an der Börse sind viele Anleger darauf verfallen, in Immobilien zu investieren. Aber man muss es sich tatsächlich leisten können: 6.680 Euro pro Quadratmeter zahlt man hier im Durchschnitt. In Saint-German-des-Près, dem ehemaligen Viertel der Bohème und der Lebenskünstler, sind Preise von 20.000 pro Quadratmeter keine Seltenheit.
Paris ist ein Luxus, den sich die Parisien, also die Pariser, nicht mehr leisten können. Für sie wird die Stadt zu einer teuren Wüste, durch die Touristen streifen. 29 Millionen Menschen kommen jährlich in die Stadt. Sie kommen, um sich – nach einer Formulierung des Schriftstellers Benoît Duteurtre – "eine Illusion von Paris zu gönnen". An ihren Lieblingsorten, schreibt Duteurtre, um den Louvre herum, auf der Ile Saint Louis, sind die Bistrots, die es hier einst gab, abgelöst worden von Loungen mit pseudoimpressionistischen Fresken an der Wand und Bedienungen, die sich verkleiden, als wären sie aus dem 19. Jahrhundert. Sie sind keine Kellner, sie stellen welche dar; sie sind Animateure, die überteuerte Mikrowellen-Gerichte bringen und Beaujolais für 20 Euro die halbe Flasche. Draußen spielt ein Akkordeonspieler die immer gleichen zwei Lieder von Edith Piaf, weil sich japanische Besucher Paris so vorstellen.
An diesen Orten ist Paris ein Museum vergangener Tage, ein Disneyland für Empfindsame. Und wenn eines der großen Events ansteht, werden die Bewohner selber zu Touristen. Große Events, wie Paris Plage eines ist: Seit 2002 wird von Juli bis Mitte August an den Quais de la Seine tonnenweise Sand ausgestreut, Sonnenschirme werden aufgestellt, Palmen und Liegestühle säumen den Fluss. Man wolle, sagt der Bürgermeister Bertrand Delanoë, denjenigen ein bisschen Urlaubsfeeling verschaffen, die den Sommer über nicht wegfahren: und das in einer Stadt, die gerade ein Drittel ihrer öffentlichen Schwimmbäder schließt. That's entertainment.
Paris Plage
Wenn Paris an den Flussufern die Côte d'Azur simuliert, werden 3,5 Kilometer Verkehrsstraße dafür gesperrt. Spötter sagen dann, man lege die Strecke im Juli schneller zu Fuß zurück als im September im Auto. Die Straßen der Stadt, ihre Adern, sind verkalkt. Eine Studie aus 2010 hat gezeigt, dass Paris die Hauptstadt der Staus ist: Acht der zehn verstopftesten Straßen ganz Europas befinden sich hier.
Die Stadtverwaltung versucht seit Jahren, das Problem in den Griff zu bekommen; tatsächlich hat sich das Auto-Aufkommen drastisch reduziert. Das Problem ist: Die öffentlichen Verkehrsmittel sind kaum in der Lage, die Personenmassen zu bewegen. Paris ist einer der am dichtesten besiedelten Räume weltweit, 21.196 Menschen leben hier pro Quadratkilometer. Knapp vier Millionen Passagiere nutzen die Pariser Métro am Tag, die sich davon regelmäßig überfordert zeigt. In der Linie 13, der "verfluchten Linie" (Le Monde) drängen sich zu Stoßzeiten viereinhalb Personen pro Quadratmeter aneinander. Andere Strecken nähern sich dem infernalischen Ideal an: Zwischen drei und fünf Prozent wächst das Fahrgastaufkommen im Jahr. Sollten keine großen Investitionen getätigt werden, geht der Gewerkschaftsvorsitzende der Öffentlichen Verkehrsmittel davon aus, dass man in der Hälfte der pariser Métro-Linien die gleiche Situation vorfinden werde wie in der 13.
Rue Oberkampf
Am oberen Ende der Rue Oberkampf, in der Nähe des Cimetière Père Lachaise, sitzt das andere moderne Paris auf den Terrassen der Cafés. Das war hier einmal ein Cartier populaire, ein Armen- und Arbeiterviertel, man sieht die Überbleibsel: Es gibt hier noch hin und wieder Internetcafés, immer weniger, ein paar ranzige Imbisse, wenige düstere Bars. Es sind Reste aus den 90ern, als eine ganze Szene beginnt, sich hier anzusiedeln, junge, alternative Künstler und Studenten. Sie fliehen das Viertel rund um die Bastille, das ihnen zu bürgerlich geworden ist. Sie suchen ein authentisches Paris, wo echtes Leben herrscht; hier werden sie fündig. Aber nur für kurze Zeit: 1995 eröffnet das Café Charlot, mit Brunchs, Musikabenden und kleinen Ausstellungen; es findet dutzende Nachahmer, und in kurzer Zeit wird das Viertel von einem Quartier populaire zu einem Quartier bobo.
Les Bobos, "die neuen Herren von Paris" (François d'Épenoux), sind halb Bohème, halb Bourgeois, halb Hippie, halb Yuppie. Sie vereinen soziale Ideale mit persönlichem Chic, Weltoffenheit mit Meinungsführerschaft, und sie sehen das Ziel des Lebens darin, wie es der Soziologe Jacques Donzelot sagt, "Freude zu haben". Diese Schicht, die man in London Hipster nennt und in Berlin junge Kreative, hat mit den Besuchermassen der Innenstadt gemein, dass sie zerstört, was sie begehrt: Sie, die Weltbürger, wirken überall wie Touristen, selbst an ihrem Wohnort.
Bereits 1998 schrieb Patrick Williams, einer der ersten Ankömmlinge dort, das Viertel sei bald ein Ort, den man verlassen müsse: "Wir sind genau am Gegenteil angekommen von dem, was wir suchten. Die Leute hier wohnten in einem lebhaften Viertel. Aber die Belebung [durch die Bars etc.] der Straßen hat einem scheinbaren Leben Platz gemacht. Der Kommerz hat das Authentische zum Oberflächlichen werden lassen und die Realität zur Dekoration." Ein Spiel, das zwar in der Rue Oberkampf begann, inzwischen aber alle Arrondissements von Paris betroffen hat: Man findet das lebhafte Paris fast nur noch extra muros, außerhalb seiner eigenen Mauern, in der Banlieue.
Fragt man seine Einwohner, was an Paris so hassenswert ist, zögern sie; es fällt ihnen vieles ein, aber sie sagen es ungern. Fragt man sie, was an Paris liebenswert ist, zögern sie auch; es fällt ihnen nicht sehr viel ein, aber trotzdem ist ihre Liebe aufrichtig, tief. Sie ist das Echteste an dieser Fassadenstadt, gerade weil man sie nicht vermitteln kann, weil man diese Liebe nicht erklären kann. Es muss dieses gewisse Etwas sein, das Paris für sie so wundervoll macht, oder wie man hier sagt: dieses "Je ne sais quoi".
Frédéric Valin lebt in Berlin. Er schreibt für deutsche und französische Zeitungen.
Fotos: © FSeid / photocase.com
Foto Mitte: © Zettberlin / photocase.com
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