Am Anfang stand ein Brief. Verfasst im Herbst vergangenen Jahres und adressiert an das französische Bildungsministerium. Darin protestierten weibliche Universitätslehrkräfte gegen die Veröffentlichung von privaten Daten. Besonders ärgerlich war in ihren Augen die Unterscheidung zwischen "Madame/Mademoiselle", also der Information, ob die Anwärterin auf eine Uni-Stelle verheiratet oder ledig ist, so wie die Auflistung ihres Mädchen- und Ehenamens.
Zehn Tage später lancierten zwei feministische Vereine, Les chiennes de garde (Die Wachhündinnen) und Osez le féminisme (Feminismus wagen) eine Medienkampagne, die sie "Mademoiselle, ein Kästchen zu viel" tauften. Ihr Ziel war es, die Option "Mademoiselle" von Verwaltungsformularen zu verbannen. Bereits 2006 führten Les chiennes de garde eine ähnliche Kampagne, damals jedoch ohne Erfolg.
Es war schließlich der französischen Ministerin für Solidarität, Roselyne Bachelot-Narquin, zu verdanken, dass ihre Forderung erhört wurde. Die Politikerin forderte offiziell, das Kästchen "Mademoiselle" aus Formularen zu streichen und argumentierte: "Man verlang in Unterlagen, zwischen 'Madame' und 'Mademoiselle' zu wählen. Dies stellt einen Eingriff in die Privatsphäre dar, da man die Person bittet, sich als verheiratet oder unverheiratet zu erklären. Männer sind von dieser Unterscheidung ausgenommen! Man stellt sie nicht vor die Wahl, zwischen 'Monsieur' und 'Mon Damoiseau' (Mein Herrchen). Ich fordere Gleichstellung und zwar überall!" So trat das entsprechende Gesetz zur Abschaffung des dritten Kästchens am 21. Februar 2012 in Kraft. Eine reichlich verspätete Entscheidung, denn in Deutschland ist schon seit 1972 die Bezeichnung Fräulein im behördlichen Sprachgebrauch untersagt.
Familie und/oder Beruf?
Über die Maßnahme freuen sich die meisten französischen Frauen. Dennoch ist es ein Trugschluss zu glauben, Männer und Frauen begegneten sich in der französischen Gesellschaft nach Abschaffung des Fräuleins auf Augenhöhe. Zwar sind 83 Prozent der 25- bis 49-jährigen Frauen berufstätig, doch der Lohnunterschied zu männlichen Arbeitnehmern betrug noch 2011 im Durchschnitt 27 Prozent*. Zudem sind Frauen deutlich seltener in Führungspositionen mit Verantwortung zu finden. Im Jahr 2008 besetzten 31,4 Prozent eine solche Stelle und in Aufsichtsräten waren lediglich 7 Prozent Frauen zu finden. Die meisten Frauen sind also nur in Halbzeitstellen und unteren Positionen erfolgreich.
So geht es auch der 30 Jahre alten Céline, Empfangsdame in einem Pariser Unternehmen und Mutter eines Vierjährigen: "Ich arbeite von 8 bis 16 Uhr und hole danach meinen Sohn aus dem Kindergarten. Morgens bringt ihn mein Freund dorthin, der selbstständiger Handwerker ist. Ich habe zwar eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und wäre qualifiziert für eine andere Arbeit. Aber wir haben das durchgerechnet und wenn ich eine Vollzeitstelle annehmen würde, müssten wir ein Kindermädchen bezahlen. Am Ende kämen wir finanziell damit schlechter weg. In zehn Jahren, wenn unser Sohn größer ist, kann ich vielleicht versuchen, etwas anderes zu machen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob meine geringe berufliche Erfahrung für ein Unternehmen interessant sein wird und ich gegen jüngere Anwärter eine Chance haben werde. Das Familienleben und den Beruf zu vereinbaren, fordert viele Kompromisse. Und ich werde zwar niemals eine führende Position besetzen, aber dafür viel Zeit mit meinem Sohn verbracht haben."
Andere Frauen stehen vor dem umgekehrten Dilemma, der Entscheidung für oder gegen Nachwuchs. So wie für Myriam, 28 Jahre alt und Junior-Partner in einem Investitionsbüro: "Seit der Kindheit hat meine Familie mich unter Druck gesetzt, damit ich Erfolg habe, es zu etwas bringe. Das Privatleben habe ich deshalb hinten angestellt, um mich voll auf meine Karriere zu konzentrieren. Die Finanzwelt ist fast ausschließlich von Männern dominiert. Es war nicht einfach, dort einen Platz zu finden, und jetzt bin ich nicht bereit, ihn aufzugeben, um eine Familie zu gründen. Zumindest noch nicht. Auch wenn ich weiß, dass sich Familie und Karriere nicht ausschließen müssen, gibt es in meinem Umfeld nur sehr wenige Frauen, denen es gelungen ist, ein gutes Gleichgewicht zu finden. Wenn ich in meinem Beruf nicht flexibel sein kann, wird jemand mir meine Stelle streitig machen. Nach so viel Zeit und Mühe, die ich für den Job investiert habe, schmerzt die Vorstellung, in die zweite Reihe abgedrängt zu werden."
Diese Angst, immer die zweite Wahl für den Arbeitgeber zu sein, ist bei vielen französischen Frauen präsent und erschwert die Entscheidung für Kinder, selbst wenn die Fruchtbarkeitsrate bei unseren Nachbarn mit 2,0 Kindern deutlich höher liegt als in Deutschland (1,4). Im weltweiten Ranking über die Gleichstellung von Mann und Frau belegt Deutschland jedoch Platz 13 *** und lässt damit Frankreich auf Platz 46 weit hinter sich. Immerhin beträgt bei uns der Unterschied zwischen den Gehältern "nur" 18 Prozent. Über eine verbindliche Frauenquote in Unternehmen wird seit langem diskutiert. Familienministerin Kristina Schröder will ihnen bis 2013 Zeit lassen, um Frauen stärker zu fördern, ansonsten müsse ein Gesetz sie zu dazu verpflichten.
Wie aber soll sich die Stellung der Frau auf Unternehmensebene ändern, wenn selbst die politische Klasse die Prinzipien der Gleichberechtigung nicht umsetzt? In Frankreich versuchte die französische Regierung schon vor zehn Jahren endlich mehr Frauen in die Politik zu holen. Mit Pauken und Trompeten angekündigt, ist diese Initiative in der Realität kaum beachtet und umgesetzt worden. Die Bilanz liest sich ernüchternd: In der Assemblée Nationale, dem französischen Parlament, sitzen gerade einmal 18,5 Prozent Frauen, im Senat sind es 21,8 Prozent.
In Wahlkampfzeiten, in denen mit allen Mitteln gekämpft wird, hat die Aktion "Mademoiselle, ein Kästchen zu viel" zumindest die öffentliche Debatte über das Thema Gleichberechtigung neu entfacht. Und das ist – trotz aller bevorstehenden Anstrengungen – eine bemerkenswerte Leistung.
Diane La Phung & Romy Straßenburg arbeiten als Journalistinnen in Paris.
Foto, oben: © Osez le féminisme / Les chiennes de garde
Foto, unten: © Søren / photocase.com
* Studie des Observatoire Français des Conjonctures Économique (OFCE) 2011
** Studie des Institut national de la statistique et des études économiques (INSEE) 2011
*** Studie im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 2011
Internetseite des feministischen Vereins Les chiennes de garde
Kommentare
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Was bisher geschah...
Realschul Prüfung Deutsch
Dieser Text fand sich im Teil "Sprachliche Richtigkeit" der diesjährigen Realschulabschlussarbeit in Deutsch wieder. LG
Real Schule | 14. Mai 2013 15:29
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