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"Willige Opfer der deutsch-französischen Freundschaft"

Abitur + Baccalauréat = AbiBac

7.4.2012 | Léna Habrant | Kommentar schreiben | Artikel drucken

AbiBac Schüler im Europaparlament

AbiBac Schüler im Europaparlament

"Ihr langweilt euch? Ihr wisst nicht, was ihr machen sollt? Macht doch AbiBac!" Diesen Werbeslogan, den wir entwickelt haben und der zu unserem Leitmotiv geworden ist, fällt mir immer öfter ein, je mehr wir uns dem Abitur nähern. Besonders, wenn wir ganze Nachmittage damit verbringen, Referate über "die Rolle des Phantastischen in Kleists Novelle 'Michael Kohlhaas'" vorzubereiten. Oder wenn wir, während alle anderen Schüler ihren Feierabend beginnen, zwei Stunden Geschichtsunterricht zu den "deutsch-französischen Beziehungen seit 1945" haben – natürlich in deutscher Sprache. Wir? Das sind die Schüler der zwölften Klasse des Lycée Jeanne d'Arc in Nancy, einer Stadt im Osten Frankreichs.

Wie bitte? Französische Schüler, die Geschichte auf Deutsch lernen und deutsche Werke wie den "Michael Kohlhaas" studieren? Wurden hier etwa die Rollen vertauscht? Nein. Für uns ist das Alltag. Wir alle haben uns vor drei Jahren, als wir in die französische Oberstufe kamen, entschieden, das AbiBac zu machen, ein Programm, das es uns erlaubt, ein Doppel-Abitur zu absolvieren: sowohl ein ganz normales französisches, das Baccalauréat, in dem Zweig, der so genannten Option, die wir uns jeweils ausgesucht haben (Mathe, Wirtschaft oder Literatur), als auch ein deutsches Abitur, jedoch "nur" in den zwei Fächern Literatur und Geschichte.

Lange Schulnachmittage

Dafür haben wir nun schon seit drei Jahren sechs Stunden Deutsch und fünf Stunden Geschichte in deutscher Sprache in der Woche, also elf AbiBac-Stunden. Das ergibt einen vollen Stundenplan, wir sind oft bis 18 Uhr in der Schule. In dem Fach Deutsch studieren wir Werke von Kafka, Büchner, Kleist und Urs Widmer, und wir behandeln unterschiedliche Sachthemen wie "Migration in Deutschland", "Sprache", "DDR" oder "deutsche Rebellen". In Geschichte haben wir dasselbe Programm wie die französischen Schüler – nur eben auf Deutsch und mit Einbeziehung der deutschen Sichtweise der Dinge.

verkleidet in die Schule

verkleidet in die Schule

Man könnte denken, dass wir alle aus multikulturellen Familien stammen, aber das stimmt nicht. In unserer Klasse haben nur 3 von 21 Schülern neben einem französischen auch einen deutschen Elternteil. Eine Mitschülerin kommt aus Deutschland und ist vor drei Jahren nach Nancy gezogen. Doch nun, wo wir seit drei Jahren zusammen auf den Schulbänken sitzen, ist es fast unmöglich, die Muttersprachler von denen zu unterscheiden, die Deutsch erst in der sechsten Klasse als Fremdsprache gewählt haben. Das hat sehr viel Arbeit verlangt. Doch es hat sich gelohnt!

"Die sind doch verrückt!", werden einige unter euch vermutlich denken. Nein, noch nicht ganz. Wir sind "willige Opfer der deutsch-französischen Freundschaft", wie uns Herr Schäfers, der deutsche Botschafter in Paris, einmal nannte, als er unserer Klasse einen Besuch abstattete.

Ein WM-Sommer in Berlin

Denn AbiBac öffnet viele Türen. Wir können in Frankreich studieren, wir können aber auch nach Deutschland gehen, um dort zu studieren. Einige von uns haben das auch vor. Darüber hinaus bereitet AbiBac uns auch sehr viel Spaß. In der zehnten Klasse sind wir alle nach Deutschland gefahren und lebten mehrere Monate lang in einer Gastfamilie, um das Land und die Sprache besser kennen zu lernen.

Ich zum Beispiel habe zwei Monate in Berlin gelebt, in einer Familie mit fünf Kindern. Da es der WM-Sommer 2010 war, habe ich sehr viel erleben dürfen – unter anderem Fußballspiele in einem Schwimmbad oder in einer Kirche. Natürlich war es am Anfang schwer, sich in eine fremde Familie in einem fremden Land einzuleben. Aber die Zeit dort war so erlebnisreich und schön, dass ich am Ende gar nicht mehr weg wollte. Meine Austauschpartnerin habe ich letzten Sommer wiedergesehen. Wir schreiben uns regelmäßig Briefe. Und vor ein paar Monaten kam sie mich in Nancy besuchen. Nicht nur ich, wir alle haben in Deutschland eine unvergessliche Zeit verbracht, und viele von uns stehen immer noch in regem Kontakt mit ihrer Gastfamilie.

Starke Gemeinschaft

Besuch in Wien

Besuch in Wien

Zusammen sind wir auch nach Berlin, Wien und Bonn gefahren – drei wunderbare Reisen. In Wien haben wir Schneeballschlachten mit unseren Lehrern veranstaltet, aber auch die Geschichte der Stadt erkundet, den Weihnachtsmarkt und ein Konzert der Wiener Philharmoniker besucht.

Das viele Lernen, die unzähligen Grammatik- und Vokabel-Übungen haben uns als Klasse zusammengeschweißt und zu einer starken Gemeinschaft gemacht. Für eine französische Klasse ist das eher ungewöhnlich. Das AbiBac-Programm hat uns eine neue Art des Lernens beigebracht. Es ist anders als das französische System, in dem der Schüler seine eigene Meinung nicht zum Ausdruck bringen soll. Wir halten Referate und arbeiten autonom, teilen uns also die Arbeit selber ein – das ist für französische Schüler eher ungewöhnlich. Wir aber haben Gefallen daran gefunden. Manchmal so sehr, dass es uns nun schwer fällt, in anderen Fächern – wie Philosophie – mit unserer Meinung zurückzuhalten.

AbiBac ist die Einbeziehung einer Doppel-Perspektive in den Schulalltag, die jedem von uns sehr viel gebracht hat. Deswegen heben wir alle ohne Zögern unsere Gläser auf die deutsch-französische Freundschaft, freuen uns auf unseren nächsten Besuch auf der anderen Seite des Rheins und hoffen, dass wir unser Doppel-Abitur im Juni schaffen.

Léna Habrant ist 17 Jahre alt und hat für ihr Abitur Wirtschaft als Option gewählt. Ende Juni 2012 wird sie, wie alle ihre Schulkameraden, hoffentlich das AbiBac hinter sich bringen.

Fotos: Privat



Links

Liste aller Schulen in Frankreich und Deutschland, die das AbiBac anbieten, auf dem deutsch-französischen Internetportal "France-Allemagne"





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