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Justin Courter: Skunk

Süchtig nach Stinktiersekret

17.4.2012 | Moritz Scheper | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Wer früher "Lucky Luke" gelesen hat, der erinnert sicherlich die zahlreichen Begegnungen des "poor lonesome Cowboy" mit einem Stinktier, die regelmäßig und unter dem wiehernden Gelächter seines Pferdes Jolly Jumper in einem ausführlichen Bad enden. Zur Einordnung: Stinktiersekret, das die Skunks zu Verteidigungszwecken aus ihren Drüsen pumpen, verströmt ein Geruchsgemisch aus Schwefelkohlenstoff, Knoblauch und verbranntem Gummi, das in seiner Penetranz Buttersäure in nichts nachsteht. Wer ein Stinktier überfährt, hat einen Totalschaden, sobald die Belüftungsanlage das Sekret ins Wageninnere transportiert hat. Was also passiert, wenn die Literatur sich diesem Tier zuwendet?

Justin Courters "Skunk" ist ein Roman der vielen Geschichten. Nicht, dass auf der Handlungsebene ständig neue Stories erzählt würden. Die Handlung selber ist so reich an Wendungen, dass es einem vorkommt, als ob Courter ganze vier Romane in einen gefächert hat.

Skurrile Sucht

"Skunk" ist die humorig-rührende Lebenserzählung des vergrübelten Einzelgängers Damien Youngquist. Damian, ein junger Werbetexter, entwickelt eine starke Affinität zum Analsekret von Stinktieren. Er liebt den bewusstseinserweiternden Geruch des Skunkmoschus', der ihn an den Bier-Atem seiner seligen Mutter erinnert. Damiens skurrile Vorliebe wird von Vorgesetzten und Mitmenschen aufs Schärfste missbilligt. Fast schon zärtlich wird die Entstehung seiner Sekretsucht geschildert, das gute Verhältnis zu seinem Stinktier Homer und dessen Familie, die er regelmäßig abzapft.

Mit dem Sekretkonsum steigt auch die soziale Isolation. Nur ein penetranter Fischgeruch vermag noch unter die Duftglocke zu dringen: Pearl, die genialische Meeresbiologin mit Fisch-Fetisch, treibt den Duft der Frauen in Damiens Nase und gleichzeitig eine ebenso ungewöhnliche wie schöne Liebesgeschichte voran.

Doch der New Yorker Autor Justin Courter begnügt sich nicht mit der Suchthistorie eines Geläuterten und seiner Verwandlung zum Erotomanen. Über den Umzug auf eine einsame Farm mitten im Heartland, dem Mittleren Westen der USA, kippt der Roman in eine uramerikanische Erzählung, die, getrieben von der Sehnsucht nach Selbstbestimmung, den Kampf zwischen Mensch und Natur auslotet.

Autor Justin Courter

Autor Justin Courter

Recht auf Glückseligkeit

Spätestens als das Ganze in eine vierte Geschichte hineinrutscht, in einen Justiz-Thriller, wird das Anliegen des Autors deutlich: "Skunk" versucht sich an nichts Geringerem als einer zeitgenössischen Vermessung des "Pursuit of Happiness", dieses in der amerikanischen Konstitution verankerten, unveräußerlichen Rechtes auf Glückseligkeit. Und das tut es auf beeindruckend geistreiche Art, ist dabei angenehm zu lesen und gleichzeitig schön komplex. Phasenweise erinnert der Roman sogar an Melvilles "Moby Dick" – wenn beispielsweise Courter sein lexikalisches Wissen über Stinktiere auffährt. Die 413 Seiten jedenfalls verfliegen wie im Flug – oder Rausch.

Auch die Geschichte hinter dem Roman gehört unbedingt erzählt. Der ehemalige Spex-Redakteur Markus Hablizel hatte nach einer Internetrecherche die englische Version von "Skunk" angefordert. Courter übernahm höchstpersönlich die horrenden Portokosten, bestand aber im Gegenzug auf Resonanz aus der Kölner Bucht. Die ungewöhnlich ausfiel: Hablizel gründete ad hoc einen Verlag – für und wegen Courters Buch – und gab flugs die Übersetzung ins Deutsche in Auftrag. Und so erscheint beim frisch geschlüpften Hablizel-Verlag jetzt dieser Romandiamant, der selbst Lucky Luke mit dem Skunk versöhnt hätte.

Justin Courter: Skunk (Hablizel 2011, 413 S., 18.90 €)

 

 

 

Moritz Scheper, 27, beendet gerade sein Studium. Nebenbei arbeitet er als freier Autor.

Foto: © Ashkan Sahihi







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