"Man kommt nicht nach Berlin, um reich zu werden, sondern um anders zu leben."
Frankreich_Blog | 23.04.12 16:22 | 0 Kommentar(e) | » zum Blog: Thema: Franzosen in Deutschland
2007 bin ich in Berlin gelandet. Ich hatte gerade in Hamburg Germanistik fertig studiert. In Bochum, Frankfurt und Bonn hatte ich auch schon gelebt…
Berlin Poche - die Anfänge
In Prenzlauer Berg habe ich drei französische Kumpels (dazu meinen zukünftigen Vertriebs- und Lebenspartner!) während eines Praktikums bei einer französischen Zeitschrift in Berlin kennengelernt, die damals zwei Mal im Monat erschien, jedoch im Januar 2009 eingestellt wurde. Aus diesem Wegfall und aus unseren verschiedenen Erfahrungen im Bereich der deutsch-französischen Medien ging die Idee hervor, ein eigenes monatliches Magazin zu gründen. Wir entschieden uns für ein neues Format (A6/Postkarte), das jünger, praktischer und einfach cooler war. Inhaltlich wollten wir den Schwerpunkt auf das Berliner Kulturleben setzen, das schließlich Dreh- und Angelpunkt der französischsprachigen Auswanderer ist.
Nach sechs Monaten Marktforschung und Rumbasteln am berühmten Businessplan mussten wir das erste Exemplar von Berlin Poche herausbringen, damit man den Sponsoren endlich etwas vorweisen konnte. Es folgten zahllose schlaflose Nächte und plötzlich waren wir mittendrin im Teufelskreis der monatlichen Magazinproduktion. „Wowi“ war unser erster „Berliner des Monats“. Diese Rubrik widmen wir den Ur-Berlinern oder auch Zugezogenen, die wir als besonders berlin-pochesque befinden. Also Personen, die zum Einen fest mit der Berliner Kulturszene verwurzelt sind und zum Anderen einen gewissen Bekanntheitsgrad unter unseren frankophonen Lesern genießen. „Wowi“ als Auftakt hatte natürlich symbolischen Charakter, auch wenn uns seine Antworten in der typischen Beamtensprache etwas enttäuschten…Das darauffolgende Interview mit der ehemaligen TAZ-Redakteurin Bascha Mika war im Vergleich dazu deutlich spritziger.
Charme der Spreemetropole
Immer mehr Franzosen verfallen dem Charme der Spreemetropole. Warum denn? Da ist zum einen Berlins Frische dank der vielen Grünflächen, seine Originalität und die ausgeprägte alternative und durchgeknallte Seite der Stadt. Darüber hinaus genießen die Berliner einen außergewöhnlichen Handlungsfreiraum. Hier ist alles erlaubt, doch diese Freiheit hat natürlich ihren Preis: Die Gehälter sind extrem niedrig. Seit unserer Ankunft in Berlin vor fast vier Jahren höre ich vor allem in den jüngeren Vierteln der Stadt, wie Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, immer mehr Leute Französisch sprechen. Berlin bietet Hauptstadtflair zu einem erschwinglichen Preis. Dieses Prinzip überzeugt vor allem junge Menschen, die zum Studieren herkommen und sich dann nicht mehr von der Stadt trennen können. Sie bleiben in Berlin, um ihre Kreativität auszuleben und ihr Leben frei zu gestalten. Viele fangen mit einem Praktikum an und verdienen 400 Euro für eine 40-Stunden Woche. Ein Jahr später sind sie immer noch Praktikant…mit dem gleichen Gehalt.
Es gibt wohl keine andere europäische Hauptstadt, in der die Chance so groß ist, im Café oder Restaurant von einem Akademiker bedient zu werden. Nur wenige von ihnen schaffen den Einstieg in einen Beruf, der ihrem Ausbildungsgrad entspricht. Die Arbeitslosenquote hier ist Schwindel erregend. All dies führt natürlich dazu, dass eine besonders lockere Atmosphäre herrscht, die der Stadt einen unvergleichlichen Charme verleiht. Gleichzeitig kann so viel Freiheit auch schnell dazu verleiten, in eine ermüdende Schlaffheit zu verfallen.
Kurzum, man kommt nicht nach Berlin, um reich zu werden, sondern um anders zu leben. Die Stadt verspricht vielleicht eine wenig glänzende berufliche Zukunft, dafür aber einen abwechslungsreichen Alltag!
Léa Chalmont-Faedo
www.berlinpoche.de
Foto: Chiara Dazi
Berlin Poche - die Anfänge
In Prenzlauer Berg habe ich drei französische Kumpels (dazu meinen zukünftigen Vertriebs- und Lebenspartner!) während eines Praktikums bei einer französischen Zeitschrift in Berlin kennengelernt, die damals zwei Mal im Monat erschien, jedoch im Januar 2009 eingestellt wurde. Aus diesem Wegfall und aus unseren verschiedenen Erfahrungen im Bereich der deutsch-französischen Medien ging die Idee hervor, ein eigenes monatliches Magazin zu gründen. Wir entschieden uns für ein neues Format (A6/Postkarte), das jünger, praktischer und einfach cooler war. Inhaltlich wollten wir den Schwerpunkt auf das Berliner Kulturleben setzen, das schließlich Dreh- und Angelpunkt der französischsprachigen Auswanderer ist.
Nach sechs Monaten Marktforschung und Rumbasteln am berühmten Businessplan mussten wir das erste Exemplar von Berlin Poche herausbringen, damit man den Sponsoren endlich etwas vorweisen konnte. Es folgten zahllose schlaflose Nächte und plötzlich waren wir mittendrin im Teufelskreis der monatlichen Magazinproduktion. „Wowi“ war unser erster „Berliner des Monats“. Diese Rubrik widmen wir den Ur-Berlinern oder auch Zugezogenen, die wir als besonders berlin-pochesque befinden. Also Personen, die zum Einen fest mit der Berliner Kulturszene verwurzelt sind und zum Anderen einen gewissen Bekanntheitsgrad unter unseren frankophonen Lesern genießen. „Wowi“ als Auftakt hatte natürlich symbolischen Charakter, auch wenn uns seine Antworten in der typischen Beamtensprache etwas enttäuschten…Das darauffolgende Interview mit der ehemaligen TAZ-Redakteurin Bascha Mika war im Vergleich dazu deutlich spritziger.
Charme der Spreemetropole
Immer mehr Franzosen verfallen dem Charme der Spreemetropole. Warum denn? Da ist zum einen Berlins Frische dank der vielen Grünflächen, seine Originalität und die ausgeprägte alternative und durchgeknallte Seite der Stadt. Darüber hinaus genießen die Berliner einen außergewöhnlichen Handlungsfreiraum. Hier ist alles erlaubt, doch diese Freiheit hat natürlich ihren Preis: Die Gehälter sind extrem niedrig. Seit unserer Ankunft in Berlin vor fast vier Jahren höre ich vor allem in den jüngeren Vierteln der Stadt, wie Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg und Friedrichshain, immer mehr Leute Französisch sprechen. Berlin bietet Hauptstadtflair zu einem erschwinglichen Preis. Dieses Prinzip überzeugt vor allem junge Menschen, die zum Studieren herkommen und sich dann nicht mehr von der Stadt trennen können. Sie bleiben in Berlin, um ihre Kreativität auszuleben und ihr Leben frei zu gestalten. Viele fangen mit einem Praktikum an und verdienen 400 Euro für eine 40-Stunden Woche. Ein Jahr später sind sie immer noch Praktikant…mit dem gleichen Gehalt.
Es gibt wohl keine andere europäische Hauptstadt, in der die Chance so groß ist, im Café oder Restaurant von einem Akademiker bedient zu werden. Nur wenige von ihnen schaffen den Einstieg in einen Beruf, der ihrem Ausbildungsgrad entspricht. Die Arbeitslosenquote hier ist Schwindel erregend. All dies führt natürlich dazu, dass eine besonders lockere Atmosphäre herrscht, die der Stadt einen unvergleichlichen Charme verleiht. Gleichzeitig kann so viel Freiheit auch schnell dazu verleiten, in eine ermüdende Schlaffheit zu verfallen.
Kurzum, man kommt nicht nach Berlin, um reich zu werden, sondern um anders zu leben. Die Stadt verspricht vielleicht eine wenig glänzende berufliche Zukunft, dafür aber einen abwechslungsreichen Alltag!
Léa Chalmont-Faedo
www.berlinpoche.de
Foto: Chiara Dazi