Blumio
"Was wir reichen, sind geballte Fäuste und keine Hände. Euer Niedergang für immer. Und was wir hören werden, ist euer Weinen und euer Gewimmer." So formulierten die Brothers Keepers 2001 die "Letzte Warnung" an die Neonazis in Deutschland. Diese Wut hatte ihre Gründe: Erst kurz zuvor war der Mosambikaner Alberto Adriano von drei rechten Skins in Dessau zu Tode getreten worden.
Man kann seiner Wut so Luft machen, wie es die Brothers Keepers tun: mit verbaler Kriegsführung. Der deutsche Rapper Blumio aber begibt sich lieber auf eine psychologische Friedensmission: "Ich greif' dich nicht an, ich reich' dir die Hand", rappt er 2009 in seinem Song "Hey, Mr. Nazi". Im Video dazu fliegt ein Schwarm Friedenstauben durch das Bild. Das ist gar nicht der Rap-übliche Diss, der Frontalangriff, den man aus der Szene erwartet hätte.
Im Video zu dem Song spricht Blumio einen imaginären Nazi an, ohne ihn aber anzugreifen. Im Gegenteil: Dass er nur "ein kleiner Ausländer" sei, "der so riecht wie ein Tier", könne ja nicht stimmen, erklärt Blumio ihm mit freundlicher Miene. Denn er würde ja bei den Mädels abblitzen, wenn er sich nicht wasche.
Er lädt den Nazi ein, mit ihm zu feiern: "Hey, Mr. Nazi / komm' auf meine Party / Ich stell' dir meine Freunde vor." Und die sind ein ziemlicher Multikulti-Haufen: "Das hier sind Rusbeh und Kati, Thorsten und der Fatih / Wir haben denselben Humor […] Ich zeig' dir meine Kultur / Das hier sind Sushi und Technik, Mangas, Origami / Ich kenn' das seit meiner Geburt." Dem Nazi wird ordentlich eingeschenkt.
Der selbsternannte "Japse des Bösen" (in Anlehnung an die von Ex-Präsident George W. Bush beschworene "Achse des Bösen"; Irak, Iran und Nordkorea) heißt mit bürgerlichem Namen Fumio Kuniyoshi, hat japanische Wurzeln und ist in Düsseldorf aufgewachsen. Seine Alben bringt er auf seinem eigenen Label "Japsensoul" heraus. Wer kann Blumio noch als "Japse" beschimpfen, wenn er sich selbst so bezeichnet? Die Umwertung eines negativen in einen positiven Begriff ist im Rap nicht unüblich: Vor zehn Jahren schon nannte sich der Rapper B-Tight "Der Neger", ganz aktuell bezeichnet sich der Rapper Haftbefehl als "Azzlak" – ein von ihm selbst entwickelter Begriff, der für "asozialer Kanake" stehen soll.
"Hey, Mr. Nazi" ist in drei Bereiche gegliedert: Zuerst werden rassistische Vorurteile aufgegriffen und ins Lächerliche gezogen. Mit guten Argumenten und einer großen Portion Humor erklärt Blumio, dass er nicht den lieben langen Tag Reis isst, sondern auch gerne mal "'ne Bockwurst ins Senfglas stecken" und sie dann "genüsslich verschlingen" möchte. Menschen in gewisse Schubladen zu stecken, nur weil sie bestimmte Sachen mögen – das funktioniert eben nicht so einfach.
Im zweiten Teil des Songs appelliert Blumio an die Emotionen: "Kennst du das Gefühl, wenn ein Mensch dich verletzt / weil ein Mensch dich verlässt, obwohl du kämpfst bis zuletzt / Oder das Gefühl, wenn dir was Gutes passiert und du für kurze Zeit die Sorgen um die Zukunft verlierst / Oder wenn du verliebt bist, ich brauch' es nicht mal selbst zu sagen / das Gefühl, als könntest du die ganze Welt umarmen?" Trauer, Freude, Glück: Das gilt für alle. Wenn ein Nazi das auch fühlt, dann kann er so anders doch gar nicht sein. Oder?
Im dritten und letzten Teil des Songs hält Blumio sich selbst einen Spiegel vor. Und gibt zu, dass auch er selbst mal ein "kleiner Rassist" gewesen ist. Er habe keine Lust, sagt er, es wie alle anderen zu machen und den Nazis einfach den Mittelfinger hinzuhalten. Nein – er will, dass gerade auch die Leute, die eine rassistische Gesinnung haben, den Song bis zum Ende hören, dass er vielleicht tatsächlich etwas bewegt.
Das erklärt auch die behutsame, ja fast pädagogische Herangehensweise. Sein erstaunlicher Song endet mit einer Beschwörung: "Und jetzt verleih' ich diesen Worten meine Kraft und so leg' ich heute alle meine Vorurteile ab." Der deutsch-japanische Düsseldorfer meint es ernst. Er will Mr. Nazi beim Umdenken helfen. Denn: "Es ist leicht zu sagen, Nazis raus / Doch jeder Mensch kann sich verändern, ich glaub', Nazis auch."
Nina Aleric ist Soziolinguistin, freie Journalistin und Teach First Fellow.
Fotos: www.blumio.net
Blumio: Hey Mr. Nazi (Video)
Interview mit Blumio
Brothers Keepers: Adriano/Letzte Warnung (Songtext)
Kommentare
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Was bisher geschah...
ICH LIEBE BLUMIO
ohh ja blumio ist voll cool!! seine lieder sind der HAMMER *____*
Emily | 26. April 2012 10:11
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