Die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) hat gezeigt, wie gefährlich die rechtsextreme Szene in Deutschland noch immer ist. Die seit den 1990er-Jahren erschienenen Texte von Neonazi-Aussteigern geben Einblick in ein Milieu, das junge Menschen früh an die nationalsozialistische Ideologie heranführt und durch sektenartige Organisation an sich zu binden versucht.
Carsten S., der kürzlich in Düsseldorf wegen des Verdachts, als NSU-Unterstützer aktiv gewesen zu sein, inhaftiert wurde, ist einer der Ex-Neonazis, die ihr Leben in der rechtsextremen Szene gegen eine bürgerliche Existenz eingetauscht haben. Genau wie er stammt auch Ingo Hasselbach, der Anfang der 1990er-Jahre gemeinsam mit dem Filmemacher Winfried Bonengel das erste – und bis heute bekannteste – aus einer Reihe von Aussteigerbüchern verfasste, aus Ostdeutschland. Seine Biografie kann als exemplarisch für den Werdegang eines Ost-Neonazis angesehen werden.
Als Jugendlicher opponiert Hasselbach in Ostberlin gegen den autoritären DDR-Staat. Ihm missfällt die "angepasste" Haltung seiner Eltern, die Haltung der ihn umgebenden Leute. Er wird zuerst Hippie, dann Punk, schließlich sympathisiert er mit der rechten Skinhead-Szene. Hasselbach wird verhaftet und landet im Strafvollzug – einem Ort, der, wenige Jahre vor dem Zusammenbruch der DDR, immer mehr zu einem Tummelplatz von Rechtsextremen wird, ein Ort, an dem junge Männer für die NS-Ideologie begeistert werden.
Nach der Wende sehen die Ost-Nazis die Chance, sich politisch zu organisieren. Sie erhalten tatkräftige Unterstützung aus dem Westen. Hasselbach trifft den umtriebigen West-Neonazi Michael Kühnen, der sein großes Vorbild wird. Ostberlin wird, so stellt es Hasselbach dar, nach dem Mauerfall als quasi rechtsfreier Raum zum Schauplatz rechten Terrors und rechtsextremer Ideologie.
Als Vorsitzender der "Nationalen Alternative" hat Hasselbach das Kommando über rechte Schlägertrupps, die zumeist im Ostteil der Stadt ihr Unwesen treiben. Sein Leben besteht aus politischer Propaganda, Treffen mit führenden Neonazis aus Ost- und Westdeutschland, Österreich und Skandinavien. Nicht zu vergessen die Schlägereien mit linken Autonomen. Und fast täglich werden Asiaten, Schwarze und Südeuropäer verprügelt.
Gründung der Aussteiger-Initiative "Exit"
1992 steigt Hasselbach aus. Ein Jahr später erscheint "Die Abrechnung", ein biographischer Bericht, den er gemeinsam mit dem Filmemacher Winfried Bonengel verfasst hat. Im Jahr 2000 gehört Hasselbach zu den Gründern von "Exit Deutschland", einer Organisation, die Rechtsextremen mit ihrem Ausstieg aus der Szene hilft. Bisher hat Exit rund 430 Neonazis dabei unterstützt, der rechtsextremen Szene den Rücken zu kehren. Einen glaubhaften Ausstieg definiert Exit folgendermaßen: "Ein Ausstieg ist dann erfolgt, wenn die den bisherigen Handlungen zugrunde liegende und richtungsweisende Ideologie überwunden ist."
Einer, der mit dieser Ideologie schon als Kind in Berührung kommt, ist der West-Neonazi Odfried Hepp. In dem 2004 erschienenen Buch "Der Rebell" hat der Autor Yury Winterberg seine Biografie aufgeschrieben. Hepps Vater Armin, ein überzeugter Nationalsozialist, der seine politische Haltung unter dem Deckmantel der Bürgerlichkeit auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterführt, sieht in seinem jüngsten Sohn den "Prototyp des Ariers": blond, blauäugig, athletischer Körperbau.
Schon mit zehn fällt Odfried Hepp in der Schule durch seine rechte Einstellung auf. Er tritt dem "Bund Heimattreue Jugend" (BHJ) bei, später wird er begeistertes Mitglied der "Wiking-Jugend". Einige seiner Komplizen, mit denen er zusammen in der von ihm gegründeten Terror-Organisation gut zehn Jahre später in den Untergrund geht, Banken überfällt und Bombenanschläge auf US-amerikanische Soldaten und deren Einrichtungen verübt, lernt er bei der Wiking-Jugend kennen.
Hepps Werdegang macht deutlich, wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche vor dem Zugriff rechtsextremer Nachwuchs-Organisationen zu schützen und diesen Verbänden alle Möglichkeiten zu nehmen, in Ferienlagern, Freizeit- und Sportvereinen auf sie einzuwirken.
"Rechts raus", die Biografie von Ex-Neonazi Torsten Lemmer, ebenfalls 2004 erschienen, dient als ein weiterer Beleg dieser These. Lemmers Ausstieg wirkt eher unglaubwürdig. Die Schuld für den Rechtsradikalismus sucht er in seinem Text oft bei Linksintellektuellen, denen er Einfalt auf hohem Niveau unterstellt. Diese Argumentation gipfelt darin, die Schwierigkeiten der muslimischen Familie seiner Frau mit Lemmers Ehe beispielhaft für die Schwierigkeiten der Integration anzuführen. Lemmer schreibt: "Wenn das Zusammenleben von Christen und Moslems schon im Kleinen scheitert, wie soll es dann im Großen funktionieren?" Damit liefert er dem rechtsextremen Lager eine Steilvorlage.
Von einem Exzess zum nächsten
All diesen Aussteigertexten ist gemeinsam, dass die Ex-Neonazis von einem ständigen Aktionismus berichten, mit dem die rechtsextreme Szene ihre Mitglieder einbindet und mit dem die jungen Männer davon abgehalten werden, ihr eigenes Handeln zu reflektieren. Ein Exzess folgte auf den anderen. Und die jungen Männer, so vermitteln es die Bücher, taumeln im wahrsten Sinn des Wortes von einem "Nazi-Event" zum nächsten. Es wird geprügelt, gezecht, und zwischendurch verfestigt man die politische Ideologie durch Schulungen.
Die vier Neonazi-Karrieren, die Burkhard Schröder 2002 in seinem Jugendbuch "Aussteiger" beschreibt, belegen das eindrucksvoll. Allzu oft, wie im Falle der von Schröder dargestellten Lebensläufe von Detlef Nolde und Michael Petri, gibt erst ein Aufenthalt im Gefängnis Anlass, die Glaubwürdigkeit der "Kameraden" anzuzweifeln und damit auch den Glauben an die NS-Ideologie.
In dem hermetisch abgeschlossenen rechtsextremen Milieu fällt es dann schwer, Kontakte nach außen zu knüpfen, die helfen, die Nazi-Ideologie zu reflektieren und schließlich zu überwinden. Ingo Hasselbach und Odfried Hepp gelingt das. Ihre Bücher vermitteln ihren Ausstieg auf glaubhafte Weise.
Einen Auslöser gibt es immer. Bei Hepp ist es der Fahndungsdruck der bundesdeutschen Behörden. Auf der Flucht vor der Polizei gelangt Hepp nach Marseille und verliebt sich dort, kurz vor seiner Verhaftung, in eine junge Frau, deren Eltern aus Marokko stammen. Da geraten seine Überzeugungen ins Wanken.
Der Journalist Winfried Bonengel gewinnt Hasselbachs Vertrauen und dreht einen Film über den Neonazi. Als der schließlich das Ergebnis sieht, erscheint ihm die im Film von ihm vertretene NS-Ideologie inhaltslos und falsch. Als im Sommer 1992 das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen tobt, ist Hasselbach, nach eigener Aussage, bereits nur noch unbeteiligter Zuschauer. Der Brandanschlag in Mölln beschließt seine Zeit als Nazi: Morde an Unschuldigen und Wehrlosen lehnt er ab.
Heute lebt Hasselbach übrigens, wie so manche Aussteiger aus der rechtsextremen Szene, mit seiner Familie an einem der Öffentlichkeit nicht bekannten Ort außerhalb Deutschlands. Mit Bedrohungen durch seine Ex-Kameraden wird er, wie andere Aussteiger auch, wohl sein Leben lang rechnen müssen.
Bücher von Aussteigern
Ingo Hasselbach mit Winfried Bonengel: Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus (Aufbau Verlag 2005, 171 S., 8.95 €)
Yury Winterberg: Der Rebell. Odfried Hepp. Neonazi, Terrorist, Aussteiger (Gustav Lübbe Verlag 2004, 382 S., vergriffen)
Burkhard Schröder: Aussteiger. Wege aus der rechten Szene (Ravensburger Buchverlag 2002, vergriffen)
Torsten Lemmer: Rechts raus. Ein Ausstieg aus der Szene (Das Neue Berlin 2004, vergriffen)
Johannes Kneifel: Vom Saulus zum Paulus. Neonazi, Mörder, Pastor (erscheint im Juni 2012 bei Wunderlich, 256 S., 17.95 €)
Michael Götting studierte Neuere Deutsche Literatur und Nordamerikastudien an der Freien Universität in Berlin, absolvierte Praktika bei Zeit Online, Tagesspiegel, taz und der Wochenzeitung Der Freitag. Er arbeitet als freier Autor in Berlin.
Coverabbildungen: © Verlage
Foto: © madochab / photocase.com
Aussteigerinitiative Exit
Netz gegen Nazis
tageszeitung-Porträt über Oliver Podjaski, dem Sänger der Rechtsrockband Hauptkampflinie, der im April 2010 ausstieg
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