Es bleibt die Ungewissheit

Ein Jahr nach Fukushima

11.3.2012 | Sara Jabril | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima, bei der es am 11. März 2011 nach einem Erdbeben und einem Tsunami zu mehreren Explosionen im Kernkraftwerk Daiichi kam, hat sich in Deutschland viel geändert. "Die dramatischen Ereignisse in Japan sind ein Einschnitt für die Welt", erklärte Kanzlerin Angela Merkel nach dem Unfall in Japan. Fukushima habe ihre Haltung zur Kernenergie verändert. Deutschlands Regierung entschied sich für einen Atomausstieg bis 2022. In Japan dagegen blieb der große Umschwung aus. Was bleibt, sind viele offene Fragen: Was passiert mit der radioaktiv verseuchten Region? Kann eine Dekontaminierung erfolgreich sein? Wohin mit dem radioaktiven Müll?

Koichi Koike ist ein Pionier der japanischen Anti-AKW-Bewegung. Der Agrarwirtschaftler lebt in Onami im Distrikt Fukushima und setzt sich seit mehr als zwanzig Jahren gegen Atomkraft und für ökologische Landwirtschaft ein. Sara Jabril hat mit Koichi Koike über die Lage in Fukushima und die Reaktion der japanischen Regierung gesprochen. Viel habe sich noch nicht geändert, aber immerhin sei ein gesundes Misstrauen in der Bevölkerung entstanden, die nicht mehr blind den Politikern glaube.

Herr Koike, Sie setzen sich schon seit vielen Jahren gegen Atomkraft ein. Was hat Sie schon in jungen Jahren dazu bewegt, sich zu engagieren?

Ganz am Anfang war die Katastrophe von Tschernobyl. Der Unfall ereignete sich, als ich noch relativ jung war, und hat mir sehr zu denken gegeben. Danach fing ich an sehr viele Bücher über Kernkraftwerke und Radioaktivität zu lesen. Irgendwann gründete ich eine Arbeitsgruppe gegen Atomkraftwerke. Wir haben sehr viele Zeitungsausschnitte gesammelt und mussten feststellen, dass sich auch zahlreiche Unfälle in japanischen AKWs ereignen. Das Wort "Unfall" wurde jedoch kaum verwendet. Man sprach von "Vorfällen" oder "Ereignissen", aber was wirklich geschah, wurde nie wirklich beim Namen genannt. Das hat mich sehr gestört. In jedem normalen, gesunden Unternehmen hätte der Verantwortliche außerdem sofort zurücktreten müssen. Leider zeigte sich schnell, dass die AKW-Betreiber keinerlei Verantwortung zeigten. Das war der Punkt, an dem ich dachte: Es muss sich etwas ändern, denn so kann das nicht weitergehen.

Es ist ein gesundes Misstrauen entstanden

Glauben Sie, dass durch die Katastrophe von Fukushima und durch das Verlangen der Bevölkerung nach mehr Transparenz in Japan nun offener mit dem Thema umgegangen wird?

Als es vor einem Jahr zur Explosion kam, wurde am Anfang wie immer von einem "Vorfall" gesprochen. Das Wort "Unfall" kam in der Berichterstattung zunächst nicht vor. Heute aber leben wir im Zeitalter des Internets. Dort wurde gezeigt: Es ist ein schwerer AKW-Unfall. Nach einiger Zeit mussten Regierung und Betreiber das auch zugeben. Ich glaube allerdings noch immer, dass die Regierung nur das sagt, was opportun ist, und zumindest die etablierten Medien nur das schreiben und senden, was nicht zu unbequem ist. Die wirkliche Veränderung fand in der Bevölkerung statt, die nun nicht mehr ohne Weiteres glaubt, was Politiker und Journalisten behaupten. Es ist ein gesundes Misstrauen entstanden.

In Deutschland hat die Regierung auf die Proteste der Bevölkerung gegen Atomkraft reagiert. In wie weit ist die japanische Regierung auf das neue Misstrauen der Bevölkerung eingegangen?

Im Moment würde ich sagen, dass die japanische Demokratie einfach noch nicht reif genug in dem Sinne ist, dass die Stimme der Bevölkerung eine Reaktion seitens der Regierung hervorruft. Ich glaube auch, dass die Medien die Stimmung der Bevölkerung untertreiben; sie also unterschätzen, klein halten, indem sie wenig davon berichten. Die Medien verbreiten das, was die Regierung sagt. Sie verbreiten nicht, was die Bevölkerung empfindet.

Sie kommen selbst aus Fukushima und haben durch die Katastrophe auch Land verloren. Wie beschreiben Sie heute Ihre persönlichen Gefühle mit einem Abstand von einem Jahr?

In Fukushima gab es unterschiedliche Evakuierungszonen. Ich selbst habe außerhalb dieser Zonen gelebt, deswegen habe ich das Land im Grunde auch nicht "verloren". Ich musste auch nicht evakuiert werden. Allerdings finde ich es nicht vertretbar, dass ich mein Land heute noch zum Ackerbau benutze, weil die Radioaktivität ja trotzdem da ist. Ich habe das Land nicht verloren, sondern darauf verzichtet und glaube nicht, dass ich das Bewirtschaften wieder aufnehmen kann. In 100 Jahren wird es eventuell wieder möglich sein, aber in unserer Generation auf jeden Fall nicht.

Die Probleme sind endlos

In den vergangenen Wochen sprach der japanische Regierungschef Yoshihiko Noda von einer geplanten “Wiedergeburt” der Region Fukushima. Außerdem ist eine große Dekontaminierungsaktion geplant. Wie skeptisch stehen Sie diesen Plänen gegenüber?

Ich bin sehr skeptisch und glaube nicht, dass die Dekontaminierung Wirkung zeigen kann. Selbst habe ich es nämlich schon versucht. Tatsächlich waren wir die Ersten, die es bei unserem eigenen Haus versucht haben. Wir haben die Erde ausgehöhlt und das Dach mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Auf dem Dach konnte die Radioaktivität sogar halbiert werden; von 3 auf 1,5 Mikrosievert. Im Inneren des Hauses konnte man dagegen nur eine Verringerung von 10 Prozent messen. Hinter unserem Haus ist nämlich ein Berg und von dort kommen durch Luft und Wind immer wieder neue Wellen an Radioaktivität. Die Oberfläche der Erde, die wir dekontaminiert haben, haben wir zusammengelegt und in eine Tüte getan. Dann stellte sich die Frage, wohin damit? Ich bin generell dagegen, dass die Brennstäbe der Reaktoren in ein vorübergehendes Zwischenlager gebracht werden. Deswegen kann ich auch nicht die dekontaminierte Erde von meinem Haus irgendwo entsorgen. Genauso ist das mit dem Hochdruckreiniger, denn wenn das Wasser runtergeschwemmt wird, fließt es in den Fluss und verseucht das Wasser. Die Probleme sind endlos.

Nun stehen wir kurz vor dem ersten Jahrestag des Unfalls. Was wünschen Sie sich für das nächste Jahr?

Erstens möchte ich, dass alle Atomkraftwerke abgestellt werden. Zweitens soll eine geplante Wiederaufbereitungsanlage nicht in Betrieb genommen werden. Wir sind vehement dagegen und haben gegen den Beschluss schon geklagt. Ich hoffe, es kommt nicht dazu, dass die Brennstäbe dort irgendwann noch mal aufbereitet werden. Die Abschaltung der AKWs ist eine Sache, aber damit ist noch nicht alles getan. Der Atommüll muss ja auch entsorgt werden. Man braucht wohl 30 Jahre, bis ein AKW völlig abgebaut ist. Innerhalb von diesen 30 Jahren müssen wir sehen, wie wir uns weiterentwickeln als Land und Region, welche alternativen Arbeitsmöglichkeiten wir den Menschen bieten können. Darüber müssten wir uns Gedanken machen.

Das Interview führte Sara Jabril.

Foto oben: CC BY-SA 3.0

Foto unten: Privat



Links

Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit informiert zum Unglück in Fukushima 2001 über Unfallverlauf, aktuelle Entwicklungen, Strahlung, Reaktoren und Recht.

Ende des Atomzeitalters? - Im Jahr 2022 soll das letzte deutsche Kernkraftwerk vom Netz gehen. Die Entscheidung zum Atomausstieg fußt auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens, bringt jedoch auch große Herausforderungen mit sich. Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung

Videos zu Fukushima und der Reaktorkatastrophe





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