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Katalanische Brauchtumspflege: Neben der Sprache gehört dazu auch der Bau der Castells. Die Tradition der Menschentürme reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und stammt aus Tarragona. (Foto: picture-alliance)
Katalanische Brauchtumspflege: Neben der Sprache gehört dazu auch der Bau der Castells. Die Tradition der Menschentürme reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und stammt aus Tarragona. (Foto: picture-alliance)

Über den Tisch des Straßencafés auf den Ramblas von Barcelona hinweg guckte sich die Familie ratlos an. Hatten sie etwas Unanständiges gesagt? Sie wollten dem Ober doch nur ein nettes Kompliment machen. „España es muy bonita“, hatte die Tochter in bestem Schulspanisch formuliert und ihn angestrahlt. Das hieß doch „Spanien ist sehr schön“, oder? Doch der camarero hatte das Gesicht verzogen und irgendetwas von „Catalunya“ gemurmelt. Dann war er ganz offenbar verstimmt mit der Bestellung für zwei Eisbecher, einen Kaffee und ein Bier abgezogen.

Das Wort „Spanien“ im Satz war das Problem. Wer in diesen Monaten an die Costa Brava in Spaniens Region Katalonien fährt, macht sich vorher besser bewusst: Viele Katalanen streben nach Unabhängigkeit von Spanien. Am 9. November soll nach dem Willen der Regionalregierung eine Volksbefragung darüber stattfinden, für die selbst Bayern-München-Trainer Pep Guardiola im Juni auf dem Berliner Alexanderplatz trommelte – im Rahmen einer europaweiten Protestaktion des katalanischen Kulturvereins Òmnium Cultural.

Das nationale Parlament in Madrid und das spanische Verfassungsgericht haben die Abstimmung für unrechtmäßig erklärt. Deshalb ist die Stimmung unter unabhängigkeitsbewegten Katalanen mindestens so aufgeheizt wie das Pflaster der Ramblas an einem Sommernachmittag. Und als nichts ahnender Tourist gerät man schnell zwischen die Fronten.

Der ohnehin verwirrende Schilderwald am Flughafen mit Hinweisen zu Flugsteigen, Ausgängen, Gepäckbändern und mehr ist an Kataloniens Flughäfen noch ein wenig unübersichtlicher, weil dreisprachig: An erster Stelle stehen die Informationen auf Katalanisch (català), dann auf Spanisch und schließlich noch auf Englisch. Der Ausgang ist eine „sortida“, „auf Wiedersehen“ sagt der Katalane mit „a reveure“ oder „adéu“. Und „bitte“ heißt nicht „por favor“, sondern: „si us plau“. Wenn eine Flagge mit vier schmalen roten Balken auf gelbem Grund von einem Balkon hängt, handelt es sich um die katalanische „Senyera“. Trägt sie zudem ein blaues Dreieck mit einem weißen Stern, handelt es sich um die „Estelada blava“, und hinter den Fenstern wohnt wahrscheinlich ein überzeugter Separatist.

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„Die Katalanen wollen wählen“ – Pep Guardiola im Juni in Berlin. (Foto: picture-alliance)
„Die Katalanen wollen wählen“ – Pep Guardiola im Juni in Berlin. (Foto: picture-alliance)

Tatsächlich wurde das Katalanische in den Anfangsjahren der Franco-Diktatur unterdrückt. Orts- und selbst Personennamen wurden ins Spanische übersetzt, und in den Schulen wurde ausschließlich auf Spanisch unterrichtet. Erst in den 1960er-Jahren begann eine allmähliche Wiederbelebung der katalanischen Kultur.

Die Geschichte der Unterdrückung ist bis heute ein wichtiges Momentum im Unabhängigkeitskampf, in dem Symbole wie die „Senyera“ und die Regionalsprache immer stärker in den Vordergrund gerückt sind. Auf dem Dach des Regierungspalastes in der Altstadt von Barcelona weht zwar die spanische neben der katalanischen Flagge. Wer ins Hinterland Kataloniens fährt, sieht aber viele Rathäuser, deren Bürgermeister dieser Pflicht nur unter Protest nachkommen. In Sant Sadurní d’Anoia, wo die erfolgreiche Sektkellerei Freixenet beheimatet ist, weist neuerdings ein Schild am Rathausportal darauf hin, dass die spanische Flagge einzig aufgrund der gesetzlichen Vorschriften dort weht.

Eine Volksbefragung über die Unabhängigkeit würde knapp ausgehen

Die Auseinandersetzung mit Madrid hat sich spürbar verhärtet. Besonders seitdem das regionale bürgerliche Parteienbündnis CiU – in Sachen Katalonien eher gemäßigt nationalistisch – bei den Wahlen 2012 zahlreiche Stimmen einbüßte und auf die Unterstützung der erstarkten ERC (Republikanische Linke Kataloniens) angewiesen ist, die sich radikaler für die Unabhängigkeit einsetzt. Umfragen zufolge würde eine Volksbefragung derzeit nur knapp die Mehrheit für eine Loslösung von Spanien verpassen. Inzwischen pochen aber 70 bis 80 Prozent der Bewohner eigensinnig darauf, dass sie zumindest selbst über ihre Zukunft bestimmen dürfen.

Viele Katalanen hätten sich erst aufgrund der starren Haltung in Madrid radikalisiert, ist Fernando Rodés Vilà, Vize der Kommunikationsagentur Havas, überzeugt. Straßenschilder und Reklametafeln sind fast ausschließlich auf Katalanisch beschriftet. Selbst Niederlassungen ausländischer Unternehmen, von denen es in Katalonien mehr als 5.000 gibt (darunter gut 900 mit deutschem Mutterkonzern), müssen Werbung und Produktinformationen auf Katalanisch verfassen und mit den Behörden vor Ort in dieser Sprache kommunizieren.

Im Rest des Landes haben die Katalanen, die auf Eigenständigkeit pochen, naturgemäß wenig Freunde. Beim Sektkonzern Freixenet – übrigens Gegner einer Abspaltung Kataloniens – klagt man bereits darüber, dass der Cava in anderen Regionen Spaniens gemieden werde. Die Weinkellerei Torres, ebenfalls aus Katalonien, hat aufgehört, bei Akquisitionen von Weingütern den Namen Torres zu erwähnen, und engagiert sich als Sponsor bei der olympischen Kandidatur von Madrid, um unter anderem ihren Verkäufern den Vertrieb außerhalb Kataloniens zu erleichtern.

Es geht nicht nur um Identität – sondern auch um Geld

Das Streben nach Eigenständigkeit hat neben kulturellen auch wirtschaftliche Gründe. Katalonien erwirtschaftet rund 20 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) und führt im Rahmen des Finanzausgleichs pro Jahr 15 bis 16 Milliarden Euro nach Madrid ab. Das sind rund acht Prozent des regionalen BIP. Zum Vergleich: Bayern zahlte 2013 rund 4,3 Milliarden Euro in den deutschen Länder-Ausgleichstopf.

Vier Prozent hielte Kataloniens Wirtschaftsminister Andreu Mas-Colell für vertretbar. „Alles, was darüber hinausgeht, müsste durch andere Vorteile kompensiert werden“, sagt der 70-Jährige, der lange Jahre an der Harvard-Universität unterrichtete und zu den weltweit renommiertesten Wirtschaftsmathematikern zählt. Bei der Förderung der Sprache und Kultur zum Beispiel. Eine mögliche Lösung wäre auch, dass Katalonien ähnlich wie das Baskenland seine Steuern selbst einzieht und erst im Anschluss einen Teil davon nach Madrid abführt. Da wäre also Spielraum für Verhandlungen.

Darauf setzen in Katalonien neben den gemäßigten Nationalisten vor allem Vertreter ausländischer Unternehmen, die wegen des Risikos eines EU-Ausschlusses höchst verunsichert sind. „Wenn Katalonien nicht mehr in der EU ist, ist es zweifelhaft, dass der Euro die offizielle Währung bleibt. Es gibt keine Finanzierung durch die Europäische Zentralbank mehr, auch keinen freien Verkehr der Arbeiter, Waren, Dienstleistungen und des Kapitals“, heißt es in der sogenannten „Erklärung von Barcelona“. Sie zählt nach Angaben der überwiegend deutschen Initiatoren inzwischen rund 400 Unterschriften.

Große Hoffnungen ruhen nun auf dem Vermittlungsgeschick des neuen Königs Felipe. Dann müssten auch Touristen nicht vor Reiseantritt einen Diplomatiekurs belegen. Dennoch: Mit „Catalunya es muy bonita“ ist man auf jeden Fall auf der sicheren Seite.

Karin Finkenzeller war von 2004 bis 2007 Korrespondentin der Financial Times Deutschland in Spanien. Seit 2008 arbeitet sie als freie Wirtschaftsjournalistin in Paris und reist regelmäßig für Reportagen – insbesondere über die Wirtschaftskrise – nach Spanien.