Dieter Rucht hat sich als Sozialwissenschaftler ganz dem Forschungsfeld der Protestkultur und der sozialen Bewegungen verschrieben. In Zeiten wie diesen hat er alle Hände voll zu tun. In Paris und vielen anderen Städten sind nach dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ Hunderttausende auf die Straße gegangen. Und in Deutschland zeigt die Pegida-Bewegung durch Straßenproteste Präsenz. Wir haben mit Dieter Rucht darüber gesprochen, wie viel Angst dabei im Spiel ist.

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Straßenprotest, oder: Wie man Solidarität bekundet, in der Masse Angst verarbeitet und sich dabei immer auch ein bisschen selbst inszeniert (Foto: Your Photo Today)
Straßenprotest, oder: Wie man Solidarität bekundet, in der Masse Angst verarbeitet und sich dabei immer auch ein bisschen selbst inszeniert (Foto: Your Photo Today)

fluter.de: Nach den Anschlägen von Paris gingen Hunderttausende auf die Straße. War das auch ein Ritual, um kollektiv Ängste abzubauen?

Dieter Rucht: Die Botschaft war eindeutig: Obgleich Befürchtungen da sein mögen, obgleich ein bestimmtes Risiko vorhanden ist, haben die Leute gesagt: Nein, ich lass mich da nicht abschrecken, ich tauche in diese Menschenmenge ein und signalisiere, dass ich dieser Angst widerstehen kann in diesem Moment. Das war vor allem ein Zeichen der Standhaftigkeit. Aber sicherlich geht es auch um Angstüberwindung. Je größer die Menschenmenge, umso geringer das Risiko, von einem Anschlag oder auch nur einem Handgemenge dort vor Ort betroffen zu sein. Das ist ja auch ein Phänomen, das zum Beispiel in den Wendeprotesten in der DDR 1989 zu verzeichnen war: Ab einer bestimmten Masse wächst auch ein Sicherheitsgefühl.

Warum gehen wir in einer solchen Situation noch auf die Straße? Reicht es nicht auch, wenn wir uns zu Millionen im Internet solidarisieren?

Ich glaube, die Möglichkeit, im Internet ein Wir-Gefühl zu erzeugen, ist dem gegenüber sehr begrenzt. Das ist zwar ein Austausch und eine möglicherweise sehr intensive Kommunikation, aber die ist doch eher dürftig im Sinne eines Erlebnischarakters, der für das Wir-Gefühl entscheidend ist. Man braucht dafür diesen Austausch, man muss den anderen Leuten in die Augen schauen. Man braucht gemeinsame, gelebte und in der Situation geteilte Erfahrungen.

Kann es gelingen, die Angst-Immunisierung aus dem Straßenprotest in den Alltag zu ziehen?

Das ist schwierig. Denn das ist ja erst mal ein physisches beeinflusstes Erlebnis, das zeit- und ortsgebunden ist. Das kann man nicht einfach so konservieren und mit nach Hause tragen. Aber es mag einem dennoch ein Stück Gewissheit verleihen, zu wissen: Wenn wir wieder zusammenstehen wollen, dann gibt es welche, mit denen man rechnen kann. Aber diese Rückversicherung bedarf immer wieder einer Erneuerung. Weshalb es ja ein Kennzeichen vieler Proteste ist, dass sie sich Woche für Woche wiederholen. Zum Beispiel die Montagsdemos gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21, die schon mehr als 250-mal stattgefunden haben. Oder die wöchentlichen Proteste der argentinischen Mütter auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires. Die gibt es sogar schon seit über 30 Jahren. Sie demonstrieren gegen die Verschleppung ihrer Söhne und Männer während der Militärdiktatur der 1970er-Jahre. Je länger die Proteste anhalten, desto größer wird die Verpflichtung empfunden, dabeizubleiben. Das kann die Leute ungeheuer zusammenschweißen.

War Angstverarbeitung immer schon eine Funktion des Straßenprotests?

Bestimmend war es für die Vielzahl der Straßenproteste nicht. Aber situationsbezogen spielte das schon eine Rolle. Ein gutes Beispiel ist der 1. Mai 1929, der sogenannte Blutmai hier in Berlin. Eine Demonstration der Kommunisten war verboten worden. Aber die Mitglieder der Kommunistischen Partei beschlossen, ihre Angst zu überwinden und dennoch auf die Straße zu gehen. Dann gab es im Kugelhagel der Polizei 32 Tote. Angst war da natürlich ein konstitutives Moment – im Vorfeld, währenddessen und danach.

Warum gehen wir nicht auf die Straße, wenn in muslimischen Ländern Hunderte Menschen von Extremisten massakriert werden? Gibt es hierzulande einen Eurozentrismus im Straßenprotest?

Abstrakt gesprochen ist das eine sehr berechtigte Frage. Wenn wir sagen, dass Menschenrechte für alle gleichermaßen gelten, dann müssten wir auch die Durchsetzung dieser Rechte überall mit gleicher Anstrengung versuchen. Wir müssten die gleiche Betroffenheit aufbringen. Aber die menschliche Psyche ist so nicht gestrickt. Es geht da um kulturelle und soziale Nähe und gemeinsame Erfahrungen – also die Kenntnis der Gruppe, die da leidet. Wenn ein Familienmitglied krank wird, dann findet man in der Familie fast immer jemanden, der Empathie zeigt und hilfsbereit ist. Geht es um einen Menschen, der 5.000 Kilometer entfernt lebt und den man nicht kennt, dann fällt das schon schwerer.

Die Proteste nach dem „Charlie Hebdo“-Attentat haben eine starke Eigendynamik bekommen. Das Bekenntnis „Je suis Charlie“ fand sich plötzlich nahezu überall. Wie wirkte das auf Sie?

Ich hatte dabei ein bisschen gemischte Gefühle. Auf der einen Seite toll, dass sich jetzt so viele Menschen für Pressefreiheit einsetzen und ihr Mitgefühl mit den Betroffenen bekunden. Auf der anderen Seite hatte ich aber auch den Eindruck, dass es hier und da auch eine plakativ zur Schau gestellte Betroffenheit gab. Das hatte mitunter einen Inszenierungscharakter. Und es war schon verwunderlich, wie sich da in vorderster Reihe in Paris auch solche Leute unter dem Banner „Je suis Charlie“ zu einer fast bedingungslosen Pressefreiheit bekannten, die das sehr schnell ganz anders sehen, wenn sie selbst oder ihre Werte durch Karikaturen angegriffen werden.

Sie beklagen Inszenierungen. Ist Inszenierung nicht Kennzeichen jedes Straßenprotestes? Die Straße wird zur Bühne.

Der kanadisch-amerikanische Soziologe Erving Goffman hat ein Buch über Inszenierung im Alltag geschrieben. Es trägt den Titel: „Wir alle spielen Theater“. Inszenierung ist ein Mittel, das überall gebraucht wird – von der Politik bis hin zu alltäglichen Interaktionen. Manchmal ist der Aufwand immens, wie bei einem G7-Gipfel, manchmal läuft einfach ein Rollenspiel ab.

Wie viel haben die Pegida-Demonstrationen mit Angst zu tun?

Bei Pegida zeigt sich die Angst vor mehreren Elementen: zum einen die Angst um die eigene Zukunft, rein materiell und in Bezug auf die Lebensplanung betrachtet: Ist meine Rente sicher, meine Position in der Gesellschaft, mein Beruf? Werde ich dafür noch wertgeschätzt? Es ist aber auch die Angst vor schnellen Veränderungen und vor einer Welt, die kompliziert ist. Wo es zunehmend schwierig wird, Richtig und Falsch zu unterscheiden. Und das verbindet sich im Falle von Pegida mit der Möglichkeit, diese Ängste auf Fremde zu projizieren. Auf einen Unbekannten, der sozial unter einem steht. Das ist eine Neigung von Gruppen, die sich selbst schon marginalisiert vorkommen: Aggressionen und Stereotype umzuleiten auf jemanden, den man treten kann.

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Was Straßenprotest auch immer ist: der Beginn von Kommunikation – die von Pegida aber lange verweigert wurde (Foto: Hahn+Hartung)
Was Straßenprotest auch immer ist: der Beginn von Kommunikation – die von Pegida aber lange verweigert wurde (Foto: Hahn+Hartung)

Ist die Verweigerung von Pegida zur Kommunikation ein Paradox? Eigentlich ist Protest doch der Beginn einer Kommunikation, weil die Protestler etwas zum Ausdruck bringen, das die anderen zur Kenntnis nehmen sollen.

Protest ist immer Kommunikation. Auch die Verweigerung zu sprechen oder das blanke „Nein“, das ja viele Proteste in der Frühphase auszeichnet, ist natürlich ein kommunikativer Akt. Das kann Trotz oder eine Drohung signalisieren. Man kann bei einem Protest aber auch Freude und Offenheit signalisieren, etwa indem man die Kinder mit dorthin bringt und Luftballons und Bratwürstchen verteilt.

Pegida hat inzwischen die Kommunikationsverweigerung gegenüber den etablierten Medien aufgegeben. Wie könnte das die Bewegung verändern?

Es war ja attraktiv für die Medien und hat ihre Neugier erst angestachelt, jemanden vor sich zu haben, der sich verweigert. Üblich ist ja eher, dass sich die Leute in die Medien drängen. Und hier hatte man nun plötzlich das umgekehrte Phänomen: Leute zeigen sich in der Öffentlichkeit, haben eine politische Botschaft – die kann Rechtsextremismus oder Rassismus heißen oder einfach nur Drohung und Unzufriedenheit gegenüber der politischen Klasse –,  aber nun wollten die darüber nicht sprechen. Das war werbetechnisch geradezu genial. Aber es war nicht auf Dauer durchzuhalten. Wir erleben gerade den Einbruch. Als der frühere Pegida-Chef Lutz Bachmann sich das Jackett überzog und eine Pressekonferenz gab, da war der Nimbus der Verweigerung bereits gebrochen. Im Falle dieser speziellen Figur kam kurze Zeit später noch etwas anderes hinzu, nämlich dass er von seiner Vergangenheit eingeholt wurde.

Wie wird es für Pegida unter diesen veränderten Vorzeichen weitergehen?

Sie haben schlechte Karten. Nun, da sie offen kommunizieren, stehen sie nackt da und werden dabei erwischt, dass sie zwar kritisieren, aber sich im Einzelnen noch kaum Gedanken gemacht haben, wie bestimmte Probleme genau aussehen und wie sie zu lösen wären. Genau diese Schwarz-Weiß-Thematisierung, die diese Leute ja auszeichnet, dürfte dann zusammenbrechen.

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cms-image-000044504.jpg (Foto: dpa / picture-alliance)
(Foto: dpa / picture-alliance)

Dieter Rucht beschäftigt sich als Sozialwissenschaftler seit vielen Jahren mit dem Thema Protestkultur und soziale Bewegungen. Bis zu seiner Emeritierung war er Leiter der Forschungsgruppe „Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Außerdem ist er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.