giphy.gif

Weckmaschine traktiert schlafendes Mädchen

Am Gymnasium Alsdorf können die Oberstufenschülerinnen und -schüler etwas sanfter in den Tag starten. Dank Gleitzeit-Modell muss niemand um acht verpennt im Unterricht sitzen

Die Schulglocke zur ersten Stunde hört Klaudia Kozyrska meistens nicht. Um acht sitzt sie oft noch zu Hause am Küchentisch und frühstückt. Klaudia bleibt abends gerne länger auf, mit dem Lernen beginnt sie oft erst nach Mitternacht. „Nachts kann ich besser und effektiver arbeiten“, sagt sie. Das hat Klaudia auch schon anderen Journalisten erzählt, die nach Alsdorf gekommen sind. Dutzende TV-Teams und Reporter haben sich in die idyllische Stadt bei Aachen aufgemacht, um es ihren Lesern und Zuschauern zu zeigen: eine Schule, die ihren Schülern ab Klasse zehn erlaubt, die erste Stunde zu versäumen.

„Nachts kann ich besser und effektiver arbeiten“

Klaudia ist eine von rund 250 Oberstufenschülerinnen und -schülern, die von dieser Revolution profitieren. Seit Februar dieses Jahres liegt es in ihrer eigenen Verantwortung, zur ersten Stunde zu kommen oder auszuschlafen.

An einem Freitagmorgen um kurz vor acht müssen Außenstehende im Alsdorfer Gymnasium aber schon genau hinschauen, um einen Unterschied zu anderen Schulen festzustellen. Auf dem Schulhof und in den Fluren sieht und hört man größere und kleinere Schülergruppen, manche warten schon vor den Klassenräumen: Für die Unter- und Mittelstufe hat sich am Stundenplan schließlich nichts geändert.

„Gleitzeit für Abiturienten“, titelte die Presse zur Umstellung des Stundenplans – eine Bezeichnung, die sich der stellvertretende Schulleiter Martin Wüller nach etlichen Medienberichten inzwischen auch angewöhnt hat. Die Idee sei im September des vergangenen Jahres nach einem Vortrag des Pädagogikprofessors Peter Struck geboren worden, sagt Wüller. Darin ging es um die Leistungsfähigkeit von Jugendlichen am frühen Morgen: Um acht Uhr seien viele Schülerinnen und Schüler, so der Erziehungswissenschaftler, noch nicht in der Lage, ihr geistiges Potenzial auszuschöpfen.

Die innere Uhr geht bei Jugendlichen nach

Viele Untersuchungen, die Forscher zum Biorhythmus von Kindern und Jugendlichen unternommen haben, zeigen: Der Schlafzyklus von Teenagern ist ein anderer als der von Jüngeren oder auch Erwachsenen. Die innere Uhr geht bei Jugendlichen nach, weil das Schlafhormon Melatonin rund zwei Stunden später ausgeschüttet wird. Sie schlafen im Schnitt später ein und erreichen deshalb auch später die verschiedenen Ruhestadien. Der Wecker reißt dabei viele nicht nur aus den Träumen, sondern auch aus einer Schlafphase, die Körper und Geist Erholung bringen soll – der sogenannte REM-Schlaf, der auch für das Memorieren im Gedächtnis wichtig ist.

So schleppten sich Tag für Tag viele Schülerinnen und Schüler völlig übermüdet in den Unterricht und hätten daher große Probleme, den Lehrstoff aufzunehmen und zu behalten, so die Forscher, die auch von „sozialem Jetlag“ sprechen. Darunter litten vor allem Jungs. Die Alsdorfer Schulleitung sieht darin sogar einen möglichen Grund dafür, dass Mädchen im Durchschnitt mehr Erfolg in der Schule haben als ihre Mitschüler. Für die Verantwortlichen war es daher ein logischer Schritt, etwas gegen die große Müdigkeit zu unternehmen.

Wer später kommt, verpasst keinen Stoff, muss aber vor- oder nacharbeiten

Wer den stellvertretenden Schulleiter Wüller ein bisschen ärgern will, nennt die erste Stunde eine Freistunde. Tatsächlich ist es aber eine Unterrichtsstunde, in der die Schülerinnen und Schüler eigenverantwortlich entscheiden, wie sie diese nutzen. Zu welchem Lehrer sie dabei gehen, können sie sich ebenfalls selbst aussuchen. Zehn solcher Stunden, sogenannte Dalton-Stunden, haben alle Schülerinnen und Schüler am Alsdorfer Gymnasium pro Woche.

Dahinter steht ein spezielles Lernkonzept: Die Schule orientiert sich an der Dalton-Pädagogik, die Anfang des 20. Jahrhunderts von der US-Amerikanerin Helen Parkhurst begründet wurde und das eigenständige Lernen fördern soll. Für das Gleitzeit-Modell mussten daher nur Dalton-Stunden konsequent in die erste Stunde eingeplant werden. Wer erst später kommt, verpasst keinen Stoff, muss aber nach- oder vorarbeiten – beispielsweise indem er Freistunden nutzt.

Wer an der Dalton-Stunde teilnimmt, bekommt eine Unterschrift des jeweiligen Lehrers in ein Heft, das jeder zu Beginn des Schuljahres erhält. Dem Lehrer entgehe dabei nicht, wer wirklich arbeite oder doch nur seine Zeit verplempere, sagt Biologie- und Chemielehrer Wüller.

Viele schlafen länger und kommen erst zur zweiten Stunde

In der Dalton-Stunde an diesem Freitagmorgen sitzen in seinem Bio-Labor Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Jahrgangsstufen an den Tischen. Die einen experimentieren mit einem Molekül-Baukasten, andere diskutieren in der Runde über Kafkas „Verwandlung“. Darunter sind einige, die nicht verpflichtet wären, jetzt schon in der Schule zu sein. Auch Zehntklässlerin Klaudia ist da und blättert in ihrem Stundenplan. „Ich bin müde“, sagt sie. Gerne wäre Klaudia etwas länger im Bett geblieben. Sie ist dieses Mal aber doch zur ersten Stunde gekommen, weil sie noch eine Fehlstunde aus der vergangenen Woche nachholen musste.

Langschläfer müssen nachmittags nicht länger bleiben. Auch für sie endet der Unterricht wie für alle anderen. Rund 80 Prozent reizen diese Möglichkeiten aus, schätzt Wüller. Manche belegen sogar freiwillig mehr als die verpflichtenden Dalton-Stunden, erzählt der stellvertretende Schulleiter. Wer lieber früh aufsteht, nutzt die Zeit gerne, um sich in der ersten Stunde mit Hilfe der Lehrer auf Klausuren vorzubereiten.

Zehntklässlerin Klaudia zählt eher nicht zu dieser ehrgeizigen Minderheit. Umso mehr weiß sie die neue Freiheit zu schätzen. „Ich finde das sehr gut“, sagt sie. Wenn sie später zur Schule geht, könne sie morgens noch Sport machen oder mit ihren Eltern frühstücken.

Ein Modell für andere Schulen? 

Die Eltern in Alsdorf finden das Modell gut, so die Erfahrung der Schulleitung. Die wissenschaftliche Bewertung steht aber noch aus. Dabei hilft ein Team um den prominenten Chronobiologen Till Roenneberg von der Ludwig-Maximilians-Universität München. 45 Schülerinnen und Schüler hatten dafür elektronische Armbänder bekommen, die ihre Aktivität einige Wochen lang Tag und Nacht aufgezeichnet haben. Die Forscher hoffen festzustellen, ob sich der spätere Unterrichtsbeginn günstig auf den Schlafrhythmus und das Wohlbefinden auswirkt. Dabei schauen sie auch auf die Noten: vor der Einführung der Gleitzeit und danach. Die Ergebnisse wollen sie im Herbst vorstellen.

Befürworter eines späteren Schulbeginns sehen in diesem einen weiteren Vorteil: die Möglichkeit für Familien, mehr gemeinsame Zeit zu verbringen. Das Thema ist längst in der Politik angekommen und wird kontrovers diskutiert. Der Deutsche Philologenverband hält die Debatte für unnötig und auch für wenig realistisch, dass sich der spätere Schulbeginn jemals bundesweit durchsetzen wird. Das Argument: Der Unterricht würde sich noch weiter in den Nachmittag verschieben. Familienministerin Manuela Schwesig hingegen plädierte bereits vor rund einem Jahr für eine Lockerung des vermeintlich unumstößlichen Schulstarts gegen acht Uhr. Allerdings müsse die Wirtschaft nachziehen, damit sich auch möglichst viele Eltern auf einen späteren Unterrichtsbeginn einstellen können.

Media: GIPHY