Ob wir wollen oder nicht, so versuchen wir doch ständig, Menschen zu kategorisieren, sie einzuordnen. Das ist ganz natürlich: Es hilft dabei, herauszufinden, wie wir mit ihnen umgehen sollen. Zum Beispiel treffen wir auf einen Menschen, der eine Fremdsprache spricht, und erwischen uns schnell dabei, wie wir ihm die jeweilige nationale Identität zuweisen oder ihn schlicht als Ausländer einordnen. Auch einen Jugendlichen, der sich eines umgangssprachlichen Ethnolekts bedient, ordnen wir oft schnell als Angehöriger einer bestimmten sozialen Schicht ein. Na, und wenn jemand im bayerischen Dialekt spricht, dann muss derjenige doch Bayer sein! Oder etwa nicht?

Aber was ist nun mit all jenen Menschen in Deutschland, die sich zwei Kulturen zugehörig fühlen, die zwei soziale Attitüden haben, die zwei Sprachen als ihre Muttersprache bezeichnen? Diese Menschen haben eine komplexe, gemischte (hybride) Identität, die nicht so leicht zu kategorisieren ist. Man kann sie am spontanen Sprachwechsel erkennen, am so genannten Code-Switching.

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Eldisa und ihre Schwester Ermana (Foto: privat)
Eldisa und ihre Schwester Ermana (Foto: privat)

Aber nicht nur die Sprache ist ausschlaggebend für die Kommunikation, auch die nonverbalen Informationen, die mitgeliefert werden, zählen. Zu diesen gehören die Gestikulation, das Sprechtempo, die Lautstärke und die Betonung, die Intonation. Wenn jemand also während des Sprechens in eine andere Sprache wechselt, ist es sehr spannend zu beobachten, inwieweit sich diese Richtwerte mit verändern.

"Schmecka dobro"

Code-Switching kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Der Normalfall ist es, wenn der Sprachwechsel stattfindet, sobald die Bezugsperson wechselt. Ein Satz wie "Pravim Hörnchen [Ich backe Hörnchen, pravim bedeutet 'ich mache' auf Bosnisch]" aber ist Code-Switching auf Satzebene. Letztlich kann ein Sprachwechsel aber sogar innerhalb eines Wortes stattfinden.

Während die Schwestern mal deutsch und mal miteinander bosnisch sprechen, bleibt die Art ihres Erzählens typisch bosnisch. Es ist eine gestisch sehr lebhafte Art, die Dinge zu beschreiben: Sobald Eldisa einen komplexen Sachverhalt erklärt, beschreibt sie mit der Hand eine kreisförmige Bewegung. Und wenn Ermana von einem kurzen Rock erzählt, stellt sie ihn auch gestisch direkt dar.Eldisa, 16 Jahre alt, wurde in Deutschland geboren, ihre Eltern kommen aus Bosnien. "Gehenit [das deutsche Verb 'gehen' mit der bosnischen Endung -it] sagen wir manchmal", sagt sie, "oder auch schmeckat [der deutsche Verbstamm 'schmeck' mit der bosnischen Endung -at], weil es dafür irgendwie keinen guten Ausdruck auf Bosnisch gibt. Und wenn das Essen gut ist, dann sagen wir: Schmecka dobro!" Eldisa und ihre ein Jahr jüngere Schwester Ermana kennen das Phänomen des Code-Switching sehr gut: "Zu Hause, wenn wir mit unseren Eltern sprechen, wechseln wir oft hin und her", sagt Ermana.

Unvermögen oder Kompetenz?

"Dass der Sprachmix von Sprachwissenschaftlern als Unvermögen angesehen wurde, geht in die 1950er-, 1960er-Jahre zurück, das gab es bei den ersten Forschungen zu Bilingualität", erklärt der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Jannis Androutsopoulos. "Heute gibt es vielleicht noch ein Paar unaufgeklärte Nischen in der Bevölkerung, in denen der Sprachmix kritisch wahrgenommen wird. In der Wissenschaft wird Mehrsprachigkeit und das Code-Switching aber überall als Kompetenz angesehen."

Zwar gibt es Situationen, in denen bilinguale Sprecher, während sie die eine Sprache nutzen, sich mit Wörtern aus einer anderen behelfen müssen. Das ist aber nicht der Regelfall. Meist wird das Code-Switching in der Kommunikation zweisprachiger Sprecher funktional eingesetzt.

Miran, ein 23-jähriger Bauingenieurstudent aus Hannover, wurde in Bosnien geboren. Seit nunmehr 19 Jahren lebt er in Deutschland. Mit seinem serbischen Freund Nebojsa spricht er meist bosnisch. Wären die beiden nun auf dem Campus und wollten einen Deutschen in das Gespräch einbinden, dann würden sie ohne Nachdenken ins Deutsche wechseln. Andererseits würden sie beim Bosnischen bleiben, wenn sie diesen lieber ausgrenzen wollten. Wenn Miran einen Professor zitiert, dann würde er das Zitat wohl auf Deutsch belassen – obwohl er eigentlich gerade bosnisch spricht.

Im Gespräch mit einem Mädchen, das nur Deutsch spricht, könnten Miran und Nebojsa das Bosnische auch als Geheimcode nutzen, um sich abzusprechen, was sie dem Mädchen erzählen wollen. In all diesen Situationen würde das Code-Switching für die Jungs eine Funktion erfüllen und damit ihre Sprachkompetenz widerspiegeln.


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Miran alias Hotsno (Foto: privat)
Miran alias Hotsno (Foto: privat)

Hybride Identität

Miran findet es aber überflüssig, mit dem Sprachwechsel auf seine nationale Identität hinzuweisen: "Es ist doch primitiv, wenn jemand nur in eine andere Sprache wechselt, um seine Identität nach außen zu kehren. Ich sehe das so: Ich muss es nicht zwingend zeigen, aber verstecken würde ich mich auch nicht. Wenn zum Beispiel meine Mutter anruft, während ich in einer Gruppe von Leuten bin, die kein Bosnisch können, spreche ich mit ihr trotzdem auf Bosnisch. Aber ich gestikuliere dann nicht so wild und rede nicht so laut, wie das bei uns sonst üblich ist."

Unbewusst passt er also sein Verhalten der für ihn als deutsch empfundenen Verhaltensweise an. So vermischen sich die nonverbale Kommunikation der einen Kultur mit der Sprache der anderen Kultur zu einem Hybrid, der perfekt widerspiegelt, dass Miran zwei Kulturen gleichermaßen angehört.

"Du nicht verstehen"

Code-Switching ist aber nicht nur Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, vorbehalten, sondern kann ganz ähnlich innerhalb nur einer Sprache stattfinden. Im Deutschen gibt es neben dem Standarddeutschen eine gehobene Sprache (die so genannte "Supernorm"), die Umgangssprache, zig Dialekte, Jugendsprachen, Szenesprachen und Fachjargons. All das sind Varietäten, zwischen denen wir täglich hin und her wechseln – je nachdem, mit wem wir kommunizieren, welcher Gruppe oder Szene wir uns zugehörig fühlen oder auch welche Situationen wir bewältigen müssen.

Auch in diesem Bereich hat Miran seine Erfahrungen gesammelt. Er schildert auf Bosnisch immer lauter werdend eine Situation im Mathematikunterricht an der Uni: "Ich habe mit einem Indonesier eine Aufgabe diskutiert. Er spricht gebrochenes Deutsch, und ich habe das auch irgendwann gemacht. Ich habe dann Sachen gesagt wie 'Nicht so, du nicht verstehen'." Dabei spielt er auch gestisch nach, wie das dann aussah. "Aber wenn ich mit dem Professor spreche, dann natürlich auf Hochdeutsch. Das andere macht nur mehr Spaß", fügt er mit einem Grinsen hinzu.

In seiner Freizeit rappt Miran unter seinem Künstlernamen Hotsno. Allerdings selten auf Deutsch, sondern meist auf Bosnisch. Auch seine Rapper-Identität ist ein Hybrid: "In Bosnien sagt man mir nach, ich hätte die Attitüde und den Flow eines deutschen Rappers. Naja, ich mag eben gern Gangsterrap. Und der ist in Bosnien nicht so gängig wie hier."

Nina Aleric ist Soziolinguistin und arbeitet als freie Journalistin und Jugendbetreuerin in Berlin.