„Die Umstände in der Türkei könnten kaum besser sein, um ein Nachrichten-Start-up zu gründen. Hier gibt es die Herausforderung, in einer angespannten politischen Lage neue Modelle der Berichterstattung zu entwickeln“, sagt Engin Önder, einer der Gründer von 140journos. Er und sein Team haben keine Journalist/-innen angestellt und brauchen auch keine Presseausweise. Denn alle Informationen werden ihnen von ihren Leser/-innen bereitgestellt. Jeder, der ein Smartphone besitzt, kann dem Team von 140journos über WhatsApp und Twitter Nachrichten zur Verfügung stellen.

Mittlerweile machen das über 500 Menschen regelmäßig. Und sogar Journalist/-innen nutzen das Portal, um dort Nachrichten zu veröffentlichen, die sonst zensiert werden. Wie erfolgreich sie damit sind, zeigt die Twitter-Statistik: Vor einem Jahr wurden die Nachrichten des Start-ups auf Twitter zwei Millionen Mal pro Monat angezeigt, mittlerweile sind es monatlich schon um die 50 Millionen Twitter-Impressionen.

„Das ist unsere Form von Aktivismus gegen die zensierten Mainstream-Medien in der Türkei.“

Die Idee entstand vor viereinhalb Jahren, damals starben bei einem Bombenangriff des türkischen Militärs im Osten der Türkei 34 Zivilist/-innen, weil sie nach offiziellen Angaben für Anhänger/-innen der PKK gehalten wurden. Engin Önder konnte es nicht glauben: Als er am nächsten Tag den Fernseher anschaltete, wurde nicht über den Vorfall berichtet, aber die sozialen Medien waren in kürzester Zeit voller Nachrichten. „Wir dachten uns, wenn die Fernsehsender und Zeitungen nicht über das berichten, was uns interessiert, dann machen wir es eben selbst“, erzählt er.

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Cem Aydoğdu und Safa Soydan gründete er 140journos, um Informationen aus den sozialen Medien zu sammeln, zu überprüfen und damit Nachrichten zu machen: „Das ist unsere Form von Aktivismus gegen die zensierten Mainstream-Medien in der Türkei.“ Jürgen Gottschlich, der Auslandskorrespondent der „taz“ bestätigt, dass es in der Türkei kaum noch kritischen Journalismus gibt: „Mittlerweile kontrolliert der Staat 90 Prozent der Medien entweder direkt oder indirekt.“

In den ersten Monaten bekamen Engin Önder, Cem Aydoğdu und Safa Soydan nur selten Informationen zugeschickt, doch das änderte sich schlagartig durch die Gezi-Proteste im Frühling 2013. „Über Nacht wurden alle zu ‚citizen journalists‘.“ Heute verbringen die Mitarbeiter/-innen von 140journos den größten Teil ihrer Zeit damit, Informationen, die ihnen geschickt werden, zu überprüfen. „Außerdem bauen wir mit der Zeit eine Beziehung zu den Leuten auf, die uns ihre Inhalte schicken. Unsere Erfahrung sagt uns, wem wir vertrauen können und wem nicht – das schafft bis heute keine Technologie.“

„Alle wollen wissen, was wirklich im Land passiert“

Bis vor einem Jahr zeichnete sich 140journos vor allem dadurch aus, dass man hier die Themen fand, über die sonst nicht berichtet wurde: Schönheitswettbewerbe für Transsexuelle oder die Zerstörung des kulturellen Erbes der Armenier zum Beispiel. Jetzt möchte sich 140journos breiter aufstellen und zur „verlässlichsten Nachrichtenquelle“ des Landes werden. Die Macher/-innen richten sich dabei nicht nur an die moderne urbane Mittelschicht, denn es ist ihr Ziel, alle zu erreichen. Laut Engin Önder wird die Plattform auch von konservativen Muslimen und radikalen Linken genutzt. Denn: „Alle wollen wissen, was wirklich im Land passiert.“

Indem sie in ihren Nachrichten eine möglichst neutrale Sprache verwenden, versuchen sie, sich keinem politischen Lager zuzuordnen. Engin Önder vermutet, dass sie deshalb noch nie Probleme mit den türkischen Autoritäten hatten. Wenn die Regierung nicht gerade Twitter sperren lässt, kann 140journos ungestört arbeiten. Sie wollen eine unabhängige Meinungsbildung ermöglichen, um die gespaltene Gesellschaft nicht noch weiter zu polarisieren.

Tinder als Nachrichten-App

„Wir sind die Stimme der Generation Y“, sagt Engin Önder. Die Leser/-innen von 140journos sind mit den sozialen Medien aufgewachsen. Wer sie erreichen will, muss dort sein, wo sie sind: auf Facebook, Twitter, Snapchat. Das heißt: Infografiken und Emojis statt langer Artikel. Über die Sprachfunktion von WhatsApp führen sie Interviews und laden sie auf SoundCloud hoch. Längere Geschichten werden auf der Social-Journalism-Webseite Medium veröffentlicht.

Sogar mit Tinder experimentierten sie ein Jahr lang. In den Chats machten sie die aktuellen Nachrichten zum Gesprächsthema. Ihre Tinder-Matches hatten keine Ahnung, dass sie mit den Redakteur/-innen von 140journos schrieben. Als die Studierenden an der Technischen Universität in Istanbul gegen den Besuch des Ministerpräsidenten demonstrierten, schrieben sie von ihrem Tinder-Account: „Ich kann mich heute leider nicht treffen, an meiner Uni wird gegen den Besuch des Ministerpräsidenten demonstriert. Ich komme hier gerade nicht weg.“

140journos probiert alles aus, was gerade neu und angesagt ist. Am Anfang dachte niemand, dass man über WhatsApp Nachrichten senden könne, mittlerweile wurde ihr Broadcast dort 10.000-mal abonniert. Engin Önder stellt klar: „Wir sind die Forschungsabteilung für den zukünftigen Journalismus der Türkei.“

Finanzierung noch unklar

Die größte Schwierigkeit für 140journos ist nicht die politische Lage in der Türkei, sondern ihre eigene ökonomische Nachhaltigkeit. Denn für ihre Leser/-innen ist es selbstverständlich, dass Nachrichten im Internet kostenlos sind. Noch trägt sich das Projekt deshalb nicht selbst, sondern wird vom Institute of Creative Minds querfinanziert – einer Marketingagentur, die auch Engin Önder mitgegründet hat. Für die langfristige Finanzierung experimentieren die Macher/-innen von 140journos gerade mit verschiedenen Modellen.

Sie setzen dabei auch auf „Native Advertising“. Diese Form des getarnten Marketings steht besonders in Deutschland in der Kritik, weil sie die Grenze zwischen Journalismus und Werbung verwischt. Mittlerweile wird Native Advertising allerdings nicht nur von Online-Medien wie Buzzfeed oder Huffington Post verwendet, sondern auch von traditionellen Zeitungen, so zum Beispiel von der „Washington Post“. Da Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit für 140journos die Grundlage ihres Erfolgs sind, ist ihr Finanzierungsmodell entscheidend. Es bleibt also spannend.

Illustration: Daavid Mörtl