Kann man ein Sofa ein Zuhause nennen? David findet schon. Jedenfalls fühlte es sich damals für ihn so an, im September 2010, als er eine Weile im Wohnzimmer von Freunden schlafen durfte. Obwohl Freunde in diesem Zusammenhang vielleicht auch der falsche Begriff ist. 800 Dollar monatlich musste er für den Platz auf der Couch bezahlen, und als er das nicht mehr konnte, war er ganz schnell wieder draußen.

David ist 52, studierter Designer und ein hochgewachsener Mann, der gern teure Kleidung trägt. Er ist auch: einer von mindestens 60.000 Obdachlosen in New York. Aber nur wenn man ihn häufiger sieht, fällt einem auf, dass er immer dasselbe trägt. Alle anderen sehen einen attraktiven, schlanken Mann. Einer, der leichten Schrittes in seinen Chelsea Boots über Brooklyns breite Gehwege geht, ein lässiger New Yorker. Nicht wie viele andere Obdachlose, die mit gesenktem Kopf durch die Gegend schlurfen, sich mit Klebeband die Hosenbeine abdichten, damit es nicht so zieht. David will sich von seinem Leid nicht erdrücken lassen, auch wenn das nicht immer einfach ist. Aber er glaubt immer noch an seine Fähigkeiten und dass sich das Blatt noch einmal wendet. Er glaubt aber nicht an den amerikanischen Traum. Also daran, dass es jeder schaffen kann, wenn er nur will.

Obdachloser Designer in New York

lkp (Foto: Christiane Paul Krenkler)
Auf den ersten Blick sieht David aus wie ein lässiger New Yorker. Nur wenn man ihn häufiger sieht, fällt auf, dass er immer dasselbe trägt. Er will sich von seinem Leid nicht erdrücken lassen, auch wenn das nicht immer einfach ist (Foto: Christiane Paul Krenkler)

Denn David hat ja immer gewollt. Nicht, dass er große Pläne gehabt hätte, aber kleine Visionen, das schon. Nach einer Mittelschichtkindheit in der Provinz zog er in den 90er-Jahren nach Oslo, studierte dort Modedesign und eröffnete ein Geschäft mit Kleidung für Mountainbiker. Jacken, in die er Protektoren nähte, Hosen mit Reflektoren, so was. Später zog es ihn noch weiter, nach Tokio, wo er ein bescheidenes, aber zufriedenes Leben führte. Genau so sagt er das: bescheiden, aber zufrieden.

Das Ende der Zufriedenheit kam, als er sich von seiner Freundin trennte. Er hielt es in Tokio nicht mehr aus und zog in die USA zurück. In Tucson, Arizona, hatte er auch gleich ein Vorstellungsgespräch bei einer Modefirma. Aber anders als geplant bekam er den Job nicht. Und plötzlich war er nicht nur ohne Freundin und ohne Arbeit, er hatte auch keine Ersparnisse und kaum Freunde. Er war ja die ganzen Jahre über in Europa gewesen und in Asien. Nun stand er mitten in der heißen Wüstenstadt und sah zum ersten Mal das Elend in seinem Heimatland. „Wow, das sind eine Menge Menschen, die hier auf der Straße schlafen“, sagte er zu sich. Und da bekam es David zum ersten Mal mit der Angst zu tun.

Als er den Job verlor und die Miete für das Sofa nicht mehr zahlen konnte, saß er auf der Straße

Für einen Augenblick überlegte er, nach Tokio zurückzukehren, aber dort wartete niemand mehr auf ihn. Also rief er eine Freundin in New York an, die ihm schließlich das Sofa im Wohnzimmer anbot. In New York fand David sogar einen Job, als Produktfotograf verdiente er zehn Dollar die Stunde. Doch als er den Job wieder verlor und die Miete für das Sofa nicht mehr zahlen konnte, saß er auf der Straße. „Wenn du Erfolg hast, dann feiern sie dich. Wenn nicht, dann heißt es: Er hat nicht hart genug dafür gearbeitet“, sagt David. Doch hart gearbeitet habe er eigentlich immer. Seinen vorerst letzten Versuch, noch einmal etwas auf die Beine zu stellen, startete er vor zwei Jahren. Aus richtig gutem Pferdeleder machte er schlichte schwarze Taschen und Gürtel. Klassische handgefertigte Sachen, die auf Brooklyns Künstlermärkten Kunden fanden und schließlich auch im Internet. Was er einnahm, steckte er wieder in die teuren Materialien und in die Miete für einen Arbeitsplatz. Für eine Wohnung reichte es nie. Also schlief er im Sommer in einem Zelt im Park, in kalten Nächten in der Metro.

Obdachloser Designer in New York

ojoj (Foto: Christiane Paul Krenkler)
„Wenn du Erfolg hast, dann feiern sie dich. Wenn nicht, dann heißt es: Er hat nicht hart genug dafür gearbeitet“. So beschreibt David die harten Regeln der Stadt, in der er als Obdachloser lebt (Foto: Christiane Paul Krenkler)

Schließlich nahm eine Boutique aus dem East Village Davids Lederaccessoires in ihr Angebot auf. „Es waren die höchste Preise, die ich erreichen konnte“, sagt er. Einmal in der Woche gönnte er sich nun ein Zimmer in einem Hotel, dann duschte er und schlief 20 Stunden am Stück. Doch als er plötzlich Sachen für die Boutique entwerfen sollte, die ihm selbst gar nicht mehr gefielen, die auch so gar nichts mit seinem Stil zu tun hatten, beendete er die Zusammenarbeit. Er sei ja kein Dienstleister, sondern eher Künstler.

Ein Jahr ist das jetzt her, und David überlegt, ob das der richtige Schritt war. So stolz zu sein, so wenig bereit zu Kompromissen. Einerseits. Aber andererseits: Wäre er dann noch er selbst gewesen? Und wer ist er denn jetzt?

Die Nächte verbringt David in der Metro, ruht sich auf den längsten Strecken aus

Seit Wochen ist David zu müde zum Arbeiten, er hat auch kein Geld für neues Leder. Mit seinen Taschen und Gürteln hat er selten mehr als 1.000 Dollar im Monat verdient. Das klingt nach gar nicht so wenig, aber in New York ist das so gut wie nichts. In New York zahlt man so viel manchmal schon für ein Neun-Quadratmeter-Zimmer in einer schäbigen Gegend. Seine Nächte verbringt David deshalb in der Metro. Er kennt die längsten Strecken, auf denen er sich ausruhen kann, wenn der Zug von einer Endstation zur anderen fährt. So richtig erholsam ist das nicht, denn er versucht aus Vorsicht, wach zu bleiben. Einmal hat er so fest geschlafen, dass er nicht mal merkte, wie sie ihm die Jacke auszogen und mitnahmen.

Obdachloser Designer in New York

David und ein Kumpel auf einer Party (Foto: Christiane Paul Krenkler)
Zum ersten Mal in seinem Leben befindet sich David an einem Punkt, an dem er ans Aufgeben denkt. Aber noch versucht er, sich jeden Morgen zu motivieren (Foto: Christiane Paul Krenkler)

Die Zahl der Obdachlosen in New York ist so hoch wie seit der Großen Depression 1930 nicht mehr (Stand: November 2016): Mehr als 60.000 Menschen haben kein Zuhause, davon sind etwa die Hälfte Familien mit Kindern. 60 Prozent der Obdachlosen sind Afroamerikaner, gut 30 Prozent sind Lateinamerikaner. Die Stadt New York gibt jährlich etwa eine Milliarde Dollar aus, um die Lage derer, die auf der Straße leben, zu verbessern. Erst kürzlich wurde der Haushalt für 2017 vorgestellt. Dieses Jahr sollen noch einmal 250 Millionen Dollar für die Bekämpfung der Obdachlosigkeit hinzukommen. Das Problem: Weil es immer weniger bezahlbaren Wohnraum in der Stadt gibt, kommen immer mehr Obdachlose hinzu. Nur zu versuchen, die Leute von der Straße zu holen, sagen Kritiker von Bürgermeister Bill de Blasios Obdachlosenpolitik, seien kurzsichtige Maßnahmen, die nur Symptome bekämpften. Die Ursachen – Armut, Arbeitslosigkeit und vor allem immer weiter steigende Mieten – aber blieben erhalten.

„Aber selbst wenn ich Geld für die Miete hätte“, sagt David, „habe ich noch nichts gegessen.“ Er sitzt allein auf einem Sofa in der hintersten Ecke des Café Swallow in Bushwick, einem der vielen hippen Viertel von Brooklyn. Ein Becher mit schwarzem Kaffee kostet hier zwei Dollar, billiger geht es hier nicht. An den massiven Holztischen sitzen junge Leute, alle in ihre MacBooks vertieft, niemand unterhält sich, niemand nimmt von David Notiz. „Jeder von denen könnte wie ich sein“, sagt er.

David befindet sich zum ersten Mal in seinem Leben an einem Punkt, an dem er ans Aufgeben denkt. Noch versucht er, sich jeden Morgen zu motivieren, er spricht sich Mut zu. Ich bin ein guter Designer. Ich erschaffe großartige Dinge. Solche Sprüche. Doch es funktioniert gerade nicht mehr. Er hat sogar schon den leisen Verdacht, dass er seine Beine nicht mehr richtig hebt, rumschlurft wie die anderen „homeless people“. „Es gibt eine Bergspitze“, sagt David, „und es gibt ein Tal. Gerade bin ich im Tal.“

Die guten Tage sind selten geworden, aber heute ist einer. Am Morgen nach dem Treffen im Café ist David wie ausgewechselt. Er hat in einer Wohnung schlafen und am Morgen sogar duschen können. Und abends ist er sogar auf eine Party eingeladen. Sein Freund Miles, ein ebenfalls wohnungsloser Maler, der in einem Wohnwagen in Red Hook lebt, nimmt ihn mit.

So wie in diesem Loft im ehemaligen Industriegebiet in Prospect Heights muss es früher überall in Brooklyn gewesen sein – als junge Künstler noch für wenig Geld heruntergekommene riesige Ateliers mieten konnten. Jetzt ist es eines der letzten seiner Art, und der schon leicht angetrunkene Besitzer muss entweder sehr erfolgreich mit seiner Kunst sein oder einfach nur ziemlich viel Geld haben.

 

Obdachloser Designer in New York

David an der Ubahn (Foto: Christiane Paul Krenkler)
Er kennt die längsten Strecken, auf denen er sich ausruhen kann, wenn der Zug von einer Endstation zur anderen fährt. So richtig erholsam ist das nicht, denn er versucht aus Vorsicht, wach zu bleiben (Foto: Christiane Paul Krenkler)

David trinkt Bier und isst Salat aus jungem Blattspinat. Er mischt sich unter die mehr oder minder erfolgreichen Künstler, unterhält sich bestens, bringt die Leute zum Lachen, wippt zur Reggae-Musik. Als sich einige Partybesucher gegenseitig erzählen, was sie so machen, wo sie arbeiten, wer an welchem Projekt sitzt, sagt David, dass er manchmal hungert, weil er nichts zu essen hat. Da herrscht für einen kurzen Moment Stille.

Er brauche gar nicht viel, um wieder auf die Beine zu kommen. 2.000 Dollar würden reichen, und jemand, der ihn eine Weile bei sich wohnen ließe. „Dann könnte ich weitermachen.“ So jemanden hat David auf der Party leider nicht getroffen. Als sich das Loft langsam lehrt, schnallt er sich seinen Rucksack auf den Rücken und macht sich auf den Weg. Zur Metro. Nach Hause.