Es ist der 29. Juni 2016. Gestern bin ich vom Istanbuler Atatürk Airport nach Athen geflogen, war abends noch kurz in einem Imbiss und bin dann schlafen gegangen. Jetzt sitze ich beim Frühstück und gucke in mein E-Mail-Postfach. Mein Vater schreibt mir eine Mail mit dem Betreff „Schwein gehabt“, meine Tante fragt: „Geht es dir gut?“ Dann schaue ich auf Facebook: 15 meiner Freunde wurden als „in Sicherheit“ getaggt, und Facebook fragt mich, ob es mir gut geht und ob ich mich auch als „in Sicherheit“ markieren will – ja, ich will.

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Brücke am Bosporus voller Menschen (Foto: Christian Werner)
Menschenansammlungen meiden, insbesondere vor touristischen Attraktionen? Leichter gesagt als getan in einer Stadt mit über 14 Millionen Einwohnern und zig Sehenswürdigkeiten (Foto: Christian Werner)

Schon wieder ein Anschlag in Istanbul. 47 Tote am Flughafen, darunter die drei Attentäter und 239 Verletzte. Das Sandwich, das ich in der Hand habe, schmeckt auf einmal nicht mehr so richtig. Ich bin aber auch nicht traurig oder wütend oder verzweifelt. Ich bin auf der Suche nach der passenden Emotion, aber ich finde nichts. Es sei denn, man betrachtet Bauchschmerzen als eine Emotion.

Ich habe im letzten Semester in Istanbul an der Galatasaray-Universität Politische Theorie und Philosophie studiert. Bevor ich losgefahren bin, hat mich die Erasmus-Koordinatorin meiner Uni in Deutschland noch mal in ihr Büro bestellt und gesagt: „Sie müssen nicht fahren, und Sie können sich jederzeit umentscheiden und werden keine Nachteile haben.“ Das war kurz nach den Anschlägen auf dem Sultan-Ahmed-Platz auf die deutsche Reisegruppe am 12. Januar 2016. Ich bin trotzdem gefahren.

Im Alltag von Istanbul helfen mir die Warnhinweise nicht

Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes steht, man solle Menschenansammlungen, insbesondere vor touristischen Attraktionen und auf öffentlichen Plätzen meiden, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel auf das Notwendigste beschränken und die kurdischen Gebiete im Osten möglichst nicht bereisen. Außerdem wird zu besonderer Vorsicht geraten bei Reisen über Land. Dass mir diese Ratschläge im Alltag in Istanbul nicht helfen werden, ist schnell klar.

Laut TurkStat, dem Statistikamt der Türkei, lebten hier 2015 über 14,6 Millionen Menschen. Also viermal Berlin plus einmal Hannover – mindestens! Die Liste der Warnhinweise liest sich daher eher wie eine Beschreibung meines Tagesablaufes: morgens über den öffentlichen Platz durch große Menschenansammlung zu den öffentlichen Verkehrsmitteln laufen und nach der Uni mit Freunden aus Deutschland die touristischen Attraktionen besichtigen, etwa den Großen Basar oder die Hagia Sophia.

Am 18. März, einen Tag vor dem Anschlag auf der İstiklâl Caddesi, einer der großen Einkaufsstraßen Istanbuls, die den Taksim-Platz mit dem Galata-Turm verbindet, gehe ich mit Freunden aus. Es ist kurz vor Nouruz, dem kurdischen Neujahrsfest, und in der ganzen Türkei gilt eine Terrorwarnung. Wir treffen uns bei Nesli und Vahid in der Wohnung in der Nähe des Taksim-Platzes, hören Techno, trinken Rotwein und unterhalten uns über die Anschläge in der Türkei. Später wollen wir noch ausgehen.

Nach einer durchgetanzten Nacht laufen wir über die İstiklâl zum Bus. Die Sonne geht auf, und wir reden wieder über die Terrorwarnungen, darüber, warum Terrorismus als politisches Mittel so erfolgreich ist und wie die Angst vor Anschlägen von der politischen Rhetorik mobilisiert wird. Als ich am 19. März aufstehe und meinen Facebook-Account checke, sehe ich Bilder von der Straße, über die ich ein paar Stunden vorher gelaufen bin. Es gab einen Anschlag, vermutlich durch Daesh – es hat fünf Tote und über 30 Verletzte gegeben.

Obwohl ich in Istanbul viel näher an den Anschlägen war, habe ich durch dieselben Medien wie in Deutschland von ihnen erfahren: Facebook, Twitter, Spiegel Online und für die Hintergründe die „taz“ und den „Guardian“. Einerseits war ich viel näher dran, aber andererseits genauso weit weg wie zu meiner Zeit als Student an der Uni in Witten. Deswegen ist es für mich so schwer, dazu ein Gefühl zu entwickeln.

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Belebte Straße im nächtlichen Istanbul
Streetlife Istanbul: Wenn es im Grunde überall passieren kann, dann sehen viele Menschen auch wieder keinen Sinn darin, sich in ihren Häusern zu verkriechen

Mich verunsichern vor allem die Sicherheitsmaßnahmen

Klar, manchmal hatte ich schon Angst und habe auch überlegt abzubrechen. Paradoxerweise waren es vor allem die Sicherheitsmaßnahmen, die mich verunsichert haben, weil sie mir das Risiko ins Bewusstsein gerufen haben:

Polizisten mit Maschinengewehren, die meine Tasche kontrollieren, auf der Fähre, oder die die Warnhinweise der deutschen Botschaft aus Ankara in meinem E-Mail-Postfach. Es hilft auch nicht, ständig die Nachrichten zu checken, denn wenn es etwas zu berichten gibt, ist man entweder schon betroffen oder sowieso in Sicherheit. Und Anschläge passieren nicht nur in Istanbul, sondern auch in Paris und in Brüssel. Niemand weiß, wo die Terroristen morgen zuschlagen werden.

Erasmus-Semester in Istanbul? Ich würde mich wieder dafür entscheiden. „Amazing“ ist sicher nicht das richtige Wort für diese Stadt, aber wie wäre es mit „spannend“? Auch wenn es ausgelutscht klingt, Istanbul ist die Schwelle zwischen dem Nahen Osten und Europa. In dieser Stadt stoßen Kulturen aufeinander, diese Stadt konfrontiert dich mit der Realität, und sie ist immer in Bewegung. Wenn du kommst, erwartet Istanbul dich nicht, und wenn du gehst, vermisst dich Istanbul nicht. Ich werde Istanbul vermissen, und ich werde wiederkommen.

Fotos: Christian Werner